Arbeiter protestieren vor dem Werk von Siemens in Görlitz.
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Arbeiter protestieren vor dem Werk von Siemens in Görlitz.

Siemens in Görlitz

"Das ist schlicht eine Katastrophe"

  • Bernhard Honnigfort
    vonBernhard Honnigfort
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Siemens will in Görlitz sein Turbinenwerk schließen, fast tausend Beschäftigten droht die Arbeitslosigkeit. Für die wirtschaftsschwache Grenzregion ist das verheerend.

Sie haben alle Lichter ausgemacht. Fünf Minuten lang liegt die Dampfturbinenfabrik an der Lutherstraße in Görlitz nun in völliger Dunkelheit. Mittwochabend, vor der Einfahrt stehen Monteure und Arbeiter. Es ist windig und kalt, aber ein Zeichen muss sein. Der 6. Dezember ist ein besonderer Tag für die fast tausend Leute, die dort arbeiten: Es ist der 125. Todestag von Werner von Siemens, dem deutschen Industriellen, Erfinder und Weltverbesserer, der sich wohl gerade in seinem Grab herumdreht. Eigentlich müsste alles erstrahlen zu Ehren des verehrten Konzernbauers. Aber niemandem ist nach feiern.

„Wenn das Werk hier geschlossen wird“, erzählt Ronny Zieschank, „dann stirbt von Siemens ein zweites Mal.“ Zieschank ist 47 Jahre alt, er hat Monteur gelernt, arbeitet seit 1986 im Görlitzer Siemens-Werk, das viele Namen hatte und mittlerweile auch schon weit über hundert Jahre alt ist. Seit zwei Jahren ist er Betriebsrat. Er ist verheiratet, hat Kinder, er und seine Ehefrau bauen ein altes Haus um, er hat einen Kredit aufgenommen. Im vergangenen September gab es noch ein großes Sommerfest im Werk. Alle waren gekommen. „Ganze Familien, die Frauen, die Kinder.“ Zieschank schüttelt den Kopf, wenn er daran zurückdenkt. „Kein Mensch ahnte ja was“, sagt er.

Im November hat Siemens-Chef Joe Kaeser einen Rekordgewinn für den 1847 gegründeten Konzern verkündet, der weltweit rund 350 000 Menschen beschäftigt: 6,2 Milliarden Euro Gewinn. Ein paar Tage danach musste Arbeitsdirektorin Janina Kugel ran. Sie verkündete etwas ganz anderes, nämlich den Totalumbau des Riesenunternehmens. Mehrere Werke werden geschlossen, 6900 Stellen weltweit gestrichen. Die Gründe: Rasanter Umbruch auf dem Energiemarkt, die großen Turbinen für Gas- und Kohlekraftwerke lassen sich kaum noch verkaufen, der Sonnenenergie gehört die Zukunft.

Auch das Dampfturbinenwerk in Görlitz soll bis 2023 komplett verschwinden, 960 Menschen droht die Arbeitslosigkeit. Ihre Arbeit dort sollen die Kollegen im tschechischen Brünn übernehmen und im Werk Mülheim in Nordrhein-Westfalen. Unbegreiflich für Zieschank: „Unsere Dampfturbinen werden zukünftig gebraucht. Wir fertigen maßgeschneiderte Turbinen für Biogasanlagen, für Strom aus Müllverbrennung, für die Holzverarbeitung in Skandinavien. Wir haben die Turbine für das weltgrößte Sonnenkraftwerk Noor in Marokko gebaut. Wir sind da der Weltmarktführer, das ist doch die Zukunft.“ Die Auftragsbücher für 2018 seien voll, es sei genug zu tun. „Wir haben immer gute Arbeit geleistet, hundert Prozent Liefertreue, wir können was.“

Und nun das. Da geht es ein paar Jahre gut, es geht bergauf – und das war es schon wieder. In Görlitz, in Ostsachsen, scheint sich gerade Geschichte ein bisschen zu wiederholen. Nach dem Mauerfall brachen die alten Arbeitsplätze aus DDR- und Planwirtschaftszeiten weg: im Braunkohlebergbau, in den Kraftwerken, zusammen mindestens 4500, die ganze Textilindustrie, 5000 Arbeitsplätze, in der Optik 800, das Kondensatorenwerk 1000 Arbeitsplätze, keramischer Maschinenbau 500. Görlitz hatte zu DDR-Zeiten über 70 000 Einwohner, heute knapp über 50 000. Zusammenbruch, Arbeitslosigkeit Abwanderung, zarter Neuanfang.

Eine ganze Generation, die jungen, beweglichen, qualifizierten Leute, sind der Arbeit hinterher Richtung Westen gezogen. Aber es gab auch Aufbruch: Siemens übernahm 1992 das alte Turbinenwerk und wurde zum Hoffnungsträger.

Ebenso der kanadische Konzern Bombardier, dem das Waggonbauwerk gehört. Nun fängt alles wieder von vorne an, Siemens will weg, Bombardier wackelt bedenklich, auch dort sind Hunderte Arbeitsplätze in Gefahr, der übrig gebliebene Braunkohlebergbau in Ostsachsen hat vermutlich auch keine Zukunft. „Das ist schlicht eine Katastrophe für uns hier“, sagt Ronny Zieschank über die Siemens-Pläne. Er rechnet: Mit Zulieferern, Dienstleistern, dem Bäcker und Fleischer um die Ecke alles in allem 3000, 4000 Arbeitsplätze in Gefahr, vielleicht auch mehr. „Was soll denn hier einmal werden?“

Die Politik ist alarmiert. Es geht plötzlich um ganz viel in dem nervös brodelnden Bundesland Sachsen. „Asozial“, nannte SPD-Chef Martin Schulz Joe Kaesers Pläne. Menschen entlassen, um noch mehr Profit einzufahren. „Ich bin über die Eiseskälte der sozialen Marktwirtschaft und die Umgangsformen, mit denen man unsere Siemensianer in Görlitz behandelt, tief erschüttert“, meinte Siegfried Deinege, der Oberbürgermeister. Ostdeutschland werde in westdeutschen Konzernzentralen wie Ausland behandelt, schimpfte Stanislaw Tillich, der scheidende CDU-Ministerpräsident. Da habe man auch als Regierungschef eines Bundeslandes nur „sehr kurze Hebel“. Bernd Lange, CDU-Landrat: „Das verschärft die ohnehin schon kritische Stimmung. Wenn sich hier nicht schleunigst was ändert, erleben wir eine neue Abwanderungswelle.“ Und für seine Partei sieht er dunkelgrau bis schwarz: „Die kommenden Wahlen werden für die Union noch schlechter ausgehen und die extremen Parteien stärken.“

Was aus dem im Siemens-Weltmaßstab kleinen Görlitzer Turbinenwerk wird, ist für Sachsen zu einer grundsätzlichen und politisch brisanten Frage mit ordentlich Symbolgehalt geworden: Was taugt soziale Marktwirtschaft wirklich? Wie steht es mit unternehmerischer Verantwortung? Nur gegenüber den Aktionären oder auch gegenüber den Arbeitnehmern in wirtschaftlich schwachen Gegenden Deutschlands? Wer bestimmt die Geschicke eines Landes? Politik? Wirtschaft? Wozu verpflichtet Eigentum? Was soll aus Landstrichen werden, wenn sich die Wirtschaft zurückzieht?

Dumm gelaufen, Görlitz? Was wird aus den verbleibenden Menschen? Pech gehabt? Oder hilft wer? Wolfgang Ipolt, der katholische Bischof von Görlitz, hat einen offen Brief an den Siemens-Aufsichtsrat geschrieben: Den Menschen drohe die „soziale Abwärtsspirale“, warnte er. „Auf die Menschen zugehen, die von sozialen Umwälzungen betroffen waren und sind, das war in den Jahren seit 1989 hier im Osten vielfach Mangelware.“ Ipolt fordert von Siemens Anstrengungen, das Werk als „industriellen Kern“ zu erhalten. Jan Otto, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ostsachsen, hat Bundeskanzlerin Merkel geschrieben und sie im Januar nach Görlitz zur Großkundgebung eingeladen. „Was hier passiert, erschüttert die Grundfesten“, warnt der Gewerkschafter. „Es geht um die Stabilität im Land. Die Leute sind fertig“, sagt er. „Es kann nicht sein, dass einer der solventesten Konzerne der Welt hier einfach so das Licht ausdreht. Wir müssen diesen Kampf gewinnen.“

Ostsachsen ist zwar eine strukturschwache Gegend mit wenig Arbeit. Aber für die AfD ist sie das nicht. Für sie ist es ein ertragreicher Nährboden. Auf dem Land wachsen Wut und Protest. Das Gefühl breitet sich immer weiter aus, vergessen worden zu sein, abgehängt, ohne Aussichten. Politik werde für andere gemacht, für Leute in den Städten, für den Westen, für Reiche, für Flüchtlinge, für alle anderen. Es ist der Eindruck: Politik löst die Probleme der Leute nicht.

Also suchen sich die Leute andere Politiker. Bei der Bundestagswahl im September kam die AfD in und um Görlitz auf mehr als 30 Prozent. Den sicher geglaubten Wahlkreis des CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer gewann der unbekannte AfD-Kandidat Tino Chrupalla. Die beiden Dresdner Wahlkreise gingen gerade noch einmal an die beiden alten Herren von der CDU. Insgesamt kam die AfD auf 27 Prozent Zweitstimmenanteil, einen Zehntelpunkt mehr als die CDU, die in Sachsen seit 1990 regiert. Sie gewann 669 940 Zweitstimmen, 4189 mehr als die Union.

Anneliese Karst hat ein bisschen Zeit. Sie ist jetzt siebzig Jahre alt, eine höchst muntere und kluge Dame. Sie sitzt im Café Kretschmer unweit des Görlitzer Bahnhofes, unweit des Turbinenwerkes, wo sie 45 Jahre lang gearbeitet hat. Anneliese Karst gehört zu den Leuten, die einmal „stolze Siemensianer“ waren. Sie ist Wirtschaftsingenieurin, die Logistik und die EDV waren ihre Welt, 1967 fing sie an, 2012 endete ihr Arbeitsleben. „Siemens – das war eine tolle Zeit für uns“, schwärmt sie heute noch. „Wir fühlten uns verantwortlich für unser Werk, wir waren immer loyal, haben einmal kurz gestreikt, ein bisschen nur“, erzählt sie. „Die Leute waren so stolz. Die haben immer ihr Letztes gegeben, damit das Werk hier bleibt.“

Sie kennt noch viele von früher. Sie hat auch die Konzernchefs erlebt, Heinrich von Pierer, Klaus Kleinfeld, Peter Löscher. „Die waren alle mal da, haben sich hier in Görlitz sehen lassen, haben sich interessiert“, erzählt sie. „Joe Kaeser war nie da. Wir haben keine Lobby mehr.“ Sie spricht so, als gehöre sie noch dazu.

Der Blitz ist in die Stadt eingeschlagen. Görlitz ist eine prächtige Stadt mit einem traumhaft schönen historischen Kern, Jugendstil, wunderbar renovierten Häusern und Plätzen. Görlitz ist wegen seiner Pracht seit 15 Jahren ein gesuchter Drehort für große Filme: Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ ist das alte Jugendstilkaufhaus im Zentrum. Quentin Tarantino hat in Görlitz seine „Inglorious Bastards“ gedreht, Jackie Chan verfilmte dort Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“. Jude Law, Tilda Swinton, Jeff Goldblum, Bill Murray, Willem Dafoe, Ralph Fiennes – alle spazierten schon einmal in Görlitz herum, beim Drehen und danach irgendwo in einem der hübschen Cafés. Görlitz ist ein gesuchter Wohnort für westdeutsche Rentner geworden und für Polen mit Geld, 3500 sind von der anderen Seite der Neiße herübergezogen.

Die Stadt ist Kulisse, sie ist schön, aber sie ist überaltert, sie ist prächtig und dabei meist so unendlich leer. Sie ist eigentlich wie ein zu großer Anzug. „Görlitz braucht dringend junge Leute“, erklärt Anneliese Karst die Lage. „Wir brauchen Leben. Deshalb darf Siemens nicht auch noch verschwinden. Man muss gegensteuern“, fordert die alte Dame vom Unternehmen und von den Politikern, die Einfluss haben. „Es muss doch etwas geschehen, was die Situation unterstützt, was die Stadt am Leben hält.“ Denn die Stimmung, sagt sie, sei mal wieder „am Boden“, so „bleiern und trübe“. Es sei wie nach der Wende, als so vieles wegbrach. „Der Osten ist der Dumme“, sagt sie. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, was noch kommt.“

Eine Vermutung hat sie allerdings: Sollte Siemens an seinem Plan festhalten und das Werk schließen, sollten bei Bombardier auch noch Arbeitsplätze in nennenswerter Zahl wegfallen, sollte es also richtig krachen, dann würde sich die Wut 2019 bei der Landtagswahl in Kreuzchen verwandeln, nicht nur in Ostsachsen, da ist sie ganz sicher. „Wenn hier nichts passiert“, prophezeit sie, „dann haben wir 2019 den ersten AfD-Ministerpräsidenten.“

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