Sozial und nachhaltig: Kostenlose Haarschnitte für Arme. 
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Soziale Wirtschaft

Schlechtes Zeugnis für Wirtschaft

  • Tim Szent-Ivanyi
    vonTim Szent-Ivanyi
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Studie: Deutsche Ökonomie ist weder ökologisch noch sozial nachhaltig.

Deutschland wirtschaftet weder ökologisch noch sozial nachhaltig. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vorliegt. Danach erreicht Deutschland nur 5 von 14 Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtszielen. Nicht nur beim Klima- und Umweltschutz sei zu wenig erreicht worden. Auch Ungleichheit und Armut blieben trotz der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung ein Problem, so die Wirtschaftsforscher.

Traditionell geht es der Wirtschaftspolitik um hohe Beschäftigung, stabile Preise, außenwirtschaftliches Gleichgewicht sowie stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum. Das greift nach Ansicht der Forscher aber in Zeiten des Klimawandels und steigender Einkommensungleichheit zu kurz. Für das IMK wurde daher überprüft, inwieweit Deutschland in den vergangenen fünf Jahren nicht nur mehr materiellen Wohlstand und ökonomische Stabilität, sondern auch nachhaltige Staatstätigkeit und Finanzen sowie soziale und ökologische Nachhaltigkeit erreicht hat.

Insbesondere bei der sozialen Nachhaltigkeit kommt Studienautor Fabian Lindner von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft zu ernüchternden Ergebnissen. Der Anteil der Armutsgefährdeten an der Gesamtbevölkerung übertraf im gesamten Untersuchungszeitraum deutlich den Zielwert von 12 Prozent. Mit 15,5 Prozent war er zuletzt etwa genauso hoch wie 2014. Bei den Rentnern und Pensionären ist der Anteil der Armutsgefährdeten zwischen 2014 und 2018 von 15,6 auf 16,1 Prozent gestiegen; 2005 waren es noch 10,7 Prozent. Hier dürften sich unter anderem die Rentenreformen der frühen 2000er Jahre auswirken, erklärt der Ökonom. Da die Absenkung des Rentenniveaus noch nicht abgeschlossen ist, sei zu befürchten, dass die Altersarmut weiter zunimmt.

Auch die Ungleichheit der Haushaltseinkommen hat sich trotz der guten Wirtschaftsentwicklung der Studie zufolge verschlechtert. Das reichste Fünftel der Haushalte verfügte 2017 – dem aktuellsten Jahr, für das Daten vorliegen – über das 5,1-fache Einkommen des ärmsten Fünftels. Im Vergleichsjahr 2014 war es das 4,8-fache – in beiden Fällen deutlich mehr als der Zielwert 4.

Bei der ökologischen Nachhaltigkeit habe Deutschland in keinem Bereich seine selbst gesteckten Ziele erreicht, schreibt der Forscher weiter. Die Ergebnisse zeigten, dass die Wirtschaftspolitik in den vergangenen Jahren zu wenig Gewicht auf die ökologische und soziale Nachhaltigkeit sowie auf wichtige Zukunftsinvestitionen gelegt habe, sagte IMK-Direktor Sebastian Dullien. „Jetzt wäre der Moment fürs Umsteuern.“

Ein erster Schritt wäre ein langfristiges Investitionsprogramm, das die Infrastruktur modernisieren und die Dekarbonisierung voranbringen könnte. Richtig gestaltet, könne ein solches Programm auch die soziale Nachhaltigkeit verbessern, so Dullien. „Energetische Gebäudesanierung etwa bei Wohnungen mit niedrigen Mieten bringt eine dreifache Dividende: Sie schafft Jobs in der Bauwirtschaft, senkt die Heizkosten der ärmeren Bevölkerung und senkt den CO2-Ausstoß. Damit würden Wirtschaftswachstum, Armutsbekämpfung und die Klimawende gleichzeitig gefördert.“

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