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Großzügig Selbstbedienung im Geschäft mit Lebensversicherungen: Beim Verkauf bestehender Verträge schneiden sich die Unternehmen dicke Scheiben ab - zum Nachteil der Kunden.

Lebensversicherungen

Schlag gegen die private Altersvorsorge

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Ausverkauf bei Lebensversicherungen: Die Anbieter verkaufen ihre Verträge, Kunden haben es mit neuen Inhabern zu tun. Der Wechsel birgt Gefahren.

Der Ausverkauf der Lebensversicherungen hat im großen Stil begonnen. Doch nicht enttäuschte Verbraucher, frustriert über hohe Abschlusskosten und magere Renditen, machen massenweise ihre Verträge zu Geld. Derzeit läuft es umgekehrt: Führende Anbieter wie Ergo und Generali werfen ihre Bestände auf den Markt, auf dem Finanzinvestoren aus den USA und China zugreifen dürften. Bei zehn Millionen Policen könnten die Kunden es bald mit einem neuen Inhaber zu tun bekommen. Der Wechsel birgt für die Sparer große Gefahren, meint Axel Kleinlein. Der Vorstandschef des Bundes der Versicherten warnt im Gespräch mit der FR: „Die Altersvorsorge kann für Millionen Menschen in Deutschland bald auf der Kippe stehen, wenn sie nicht mehr als Kunden, sondern nur noch als Ware behandelt werden.“

Lars Gatschke, Fachmann des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, setzt seine Hoffnungen darauf, dass die Finanzaufsicht Bafin erst einmal Schlimmeres verhindert. „Die Bafin ist in der Pflicht“, betont Gatschke. Daher müsse niemand in Panik verfallen. Denn die Behörde muss jede Übertragung von Lebensversicherungs-Verträgen genehmigen. Dafür schaut sie sich die Unternehmen genau an, die die Policen übernehmen. Zustimmen darf sie laut Gesetz nur, wenn die Interessen der Verbraucher in vollem Umfang gewahrt werden.

Unmittelbar nach der Übertragung ist das Risiko also eher gering. Aber Lebensversicherungen laufen über viele Jahre und Jahrzehnte. Wie ist gesichert, dass die neuen Eigentümer nicht später weniger ausschütten als sie eigentlich könnten und müssten? Da sieht auch Gatschke Risiken. Seine Empfehlung: „Betroffene sollten in Zukunft die Standmitteilungen der Lebensversicherungen besonders genau anschauen.“ Durch diese jährlichen Kontoauszüge erfahren Verbraucher, wie sich der Wert ihrer Lebensversicherung im zurückliegenden Jahr entwickelt hat und mit welchen Leistungen sie künftig rechnen können. Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, sich bei der Prüfung der Schreiben professionellen Rat, etwa bei den Verbraucherzentralen, zu holen.

Nun standen die Lebensversicherungs-Konzerne auch bisher nicht im Ruf, aus reiner Menschenfreundlichkeit Geld an ihre Kunden zu verschenken. Auch Ergo mit den Marken Hamburg-Mannheimer und Victoria Leben und Generali mit der Aachener und Münchener Versicherung und Cosmos Direkt zielen wie alle Unternehmen stets darauf, ihren Gewinn zu steigern. Allerdings mussten sie beim Umgang mit ihren Versicherten darauf achten, dass sich eine zu schlechte Behandlung herumspricht und das Neugeschäft gefährdet.

Das ist der Unterschied zu der aktuellen Situation, wenn US-Hedgefonds oder eine Kapitalsammelstelle aus China zugreifen sollten. Denn die Finanzinvestoren wollen keine neue Policen verkaufen, sondern nur die Alten abwickeln. Um ihren Ruf in der Bevölkerung müssen sie sich nicht kümmern. Sie möchten die Kosten drücken, indem sie bessere Informationstechnik einsetzen und die Verwaltung effizienter gestalten. Oder aber, indem sie die Ausschüttungen an die Kunden senken. Vor allem die Überschussbeteiligungen könnte das treffen. Kleinlein fürchtet daher ein „Beben in der Lebensversicherungsbranche“, das die Sparer stark belasten dürfte.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) beruhigt dennoch. Die Übertragung könne Verbrauchern sogar nützen, meint die Branchenvertretung. Die Bündelung der Verträge auf einheitlichen Plattformen reduziere nicht nur die Kosten für die Betreiber. Es schaffe auch die Möglichkeit, Leistungen wie die Kundenbetreuung außerhalb normaler Geschäftszeiten zu verbessern. Und an ihren Einsparungen müssten die Firmen ihre Kunden beteiligen. Auch das sei gesetzlich geregelt, so der GDV.

Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten reicht das nicht. Der gesetzliche Schutz könne durch den Mangel an Transparenz nicht richtig greifen. Selbst für Experten sei die Kapitalanlage der Lebensversicherung „hochgradig intransparent“. Heikel sind etwa die stillen Reserven. Gemeint sind Bewertungsgewinne aus den Kapitalanlagen – etwa wenn bei einem vor vielen Jahren gekauften Wertpapier der Kurs gestiegen ist. Die Gewinne schlummern in den Büchern – daher der Ausdruck stille Reserve. Werden die Lebensversicherer gerade diese wertvollen Papiere an die neuen Eigentümer übertragen oder nicht eher die schlechteren Pakete? Dies ist laut Kleinlein schwer zu überwachen. Sein Fazit: „Bei diesen Geschäften sind die Verbraucher nicht auf Augenhöhe mit den Unternehmen.“

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