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Gewerkschafter Roman Lupinski will die Lage der Beschäftigten in Polen verbessern - nicht nur bei Amazon.

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"Schikanen in weißen Handschuhen"

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Lagerarbeiter Roman Lupinski kämpft für eine kleine Gewerkschaft beim US-Versandriesen in Polen. Die Bedingungen sind ungleich schwerer als bei seinen deutschen Kollegen.

Roman Lupinski ist müde. Seit vier Jahren arbeitet der 45-Jährige beim Online- und Versandgiganten Amazon im westpolnischen Poznán. Und es ist mehr als nur schwere Arbeit – diese verrichtet der Lagerarbeiter in Vollzeit mit rund 4000 festen Beschäftigten und etwa 1700 Zeitarbeitnehmern an diesem Standort, einem von vier Amazon-Lagern in Polen. Zusätzlich Gewerkschafter zu sein an der Warthe, noch dazu beim Konzern des reichsten Menschen der Erde, ist ein Kampf sondergleichen. „Das, was man als Schutz von Gewerkschaftern bezeichnet, ist in Polen kaum mehr als Illusion“, sagt Lupinski.

Der Aktivist, der schon früher Erfahrungen bei gewaltsamen Streiks machte, sitzt heute im kleinen, anarchisch eingerichteten Büro der Gewerkschaft „Arbeiter-Initiative“ (Inicjatywa Pracownicza, kurz: IP) im Zentrum der Stadt. Seit der Firmenleitung bekannt wurde, dass Lupinski Gewerkschafter ist, sei er inzwischen an einen Arbeitsplatz versetzt worden, wo er weniger in Bewegung ist, und damit weniger Kontakt mit den Mitarbeitern hat, sagt er. „Schikanen in weißen Handschuhen.“

Doch diese Schikanen bedeuten für Lupinski, der im Verlauf des Gesprächs immer lebendiger wird, dass Amazon die Aktivitäten der IP insgeheim fürchtet. „Amazon ist Pionier des totalen, neoliberalen Kapitalismus, der auf eine fast totalitäre Ausbeutung der Beschäftigten ausgerichtet ist, andere Unternehmen orientieren sich an dem Konzern“, sagt Lupinski, der bei der IP seit ihrer Gründung vor zehn Jahren aktiv ist. Lange Zeit war der Lagerarbeiter arbeitslos, bevor er sieben Jahre in Irland tätig war. „Dort war ich auch Arbeiter eines Handelskonzerns. Zurück in Polen musste ich feststellen: In Polen sind die Löhne geringer, die Arbeitsbedingungen schlechter und die Arbeit schwerer.“ Dann schiebt er selbstbewusst nach: „Wenn es uns gelingt, bei Amazon die Lage zu verbessern, dann gelingt es uns auch in anderen Unternehmen – daher ist es sogar aus globaler Sicht wichtig, dass wir erfolgreich sind.“ Trotz Augenringen wirkt er inzwischen ganz und gar nicht mehr müde. Es erwacht der Kämpfer.

Kämpfer wie Lupinski oder seine IP-Mitstreiterin Agnieszka Mróz sind aus der Perspektive von Millionen polnischer Beschäftigter eigentlich mehr als nötig. Doch landesweit sind nur rund acht Prozent von ihnen Mitglied einer Gewerkschaft, in Deutschland ist der Organisationsgrad etwa doppelt so hoch. Das liegt unter anderem daran, dass in Polen nur Mitarbeiter von Betrieben mit mindestens zehn Beschäftigten sich gewerkschaftlich organisieren können. Da aber im Land Klein- und Kleinstbetriebe dominieren, können mehr als 40 Prozent der polnischen Arbeitnehmer überhaupt nicht Mitglied einer Gewerkschaft werden. Diejenigen, die es tun, sind in einer der rund 25 000 einzelnen Betriebsgewerkschaften, von denen drei Viertel einem der drei großen Dachverbände angehören: Solidarnosc, OPZZ und Forum ZZ. In Industriebetrieben und ausländischen Konzernen, die in Polen aktiv sind, ist es meist die Solidarnosc – die jedoch bei vielen Polen vor allem wegen der häufig großen Nähe zur Firmenleitung, längst in Ungnade gefallen ist.

Die IP ist als ein Gegenmodell zu den Großen entstanden. Sie ist noch relativ klein, derzeit gibt es knapp 50 Gewerkschaftskommissionen der IP in Betrieben polenweit, in Poznan seit einem Jahr auch bei Volkswagen. „Unser Idee ist, dass eine Gewerkschaft keine Versicherung ist, die einem bei Zahlung des Mitgliedsbeitrags hilft. Wir wollen auf Augenhöhe eine Kraft in und mit der Belegschaft bilden, die Mitglieder sollen selbst aktiv werden“, sagt Agnieszka Mróz, ebenfalls in der IP bei Amazon. Daher arbeitet bei der Gewerkschaft niemand hauptamtlich. „Wir arbeiten Schulter an Schulter mit den Kolleginnen und Kollegen“, ergänzt Lupinski. „Wir wollen uns nicht von ihnen entfremden.“ Die der IP gesetzlich zustehenden zwei Stellen als Gewerkschafter im Betrieb würden zusätzlich zur Vollzeitarbeit ausgeübt und zudem zwischen mehreren Kollegen geteilt. „Es ist unser Pfund, wenn wir mit allen anderen in der Halle zusammenarbeiten, vor allem psychologisch ist es wichtig. Wir sind nichts Besseres als sie.“

Wer „sie“ sind, zeigt Lupinski auf dem Weg zum Amazon-Werk, als er auf einen Reisebus weist. „Das ist einer von Dutzenden, die täglich Beschäftigte zum Werk fahren – einige sind zweieinhalb Stunden unterwegs, in eine Richtung.“ Denn anders als in dem 540 000 Einwohner zählenden Poznan, wo es faktisch kaum Arbeitslose gibt, ist die Zahl in der Provinz wesentlich höher. „Viele nehmen daher in Kauf, täglich 15 bis 16 Stunden auf der Arbeit oder unterwegs von und dorthin zu sein.“ Die Schichten dauern zehneinhalb Stunden.

Und diese täglichen Schichten haben es in sich: Immer wieder tauchen in den landesweiten Medien Berichte über unhaltbare Zustände in den Amazon-Lagern auf. Mitte August stellte ein unabhängiger Gerichtsgutachter fest, dass in den Hallen „die grundsätzlichen Fragen der Arbeitssicherheit umgangen werden“. Es ging dabei um den Fall eines Mitarbeiters, der entlassen wurde, weil er die Normen nicht erfüllt haben soll. Amazon bezeichnet die Vorwürfe des Gutachters als „gegenstandslos“ und führt die Ergebnisse der Untersuchung auf den Einfluss von zuletzt immer häufiger auftauchenden negativen Medienberichten zurück.

Von solchen Fällen kann Roman Lupinski ein Lied singen. Zwölf offene Klagen führe die IP gegen Amazon derzeit – wegen Entlassungen, die mit Krankheitszeiten und der Nichterfüllung der Normen verbunden sind. Die IP-Infobroschüre berichtet von einem Fall, den eine Ex-Mitarbeiterin mit Hilfe der IP gegen Amazon gewann – wobei gewinnen relativ ist. Die Frau sei widerrechtlich entlassen worden, so das Arbeitsgericht, ihr stehe eine Entschädigung zu, in Höhe von 550 Euro, ihrem letzten Netto-Monatslohn. Der Stundenlohn beträgt bei Amazon in Polen, je nach Standort, circa vier Euro brutto. Die IP will zwar eine höhere Entschädigung für die Frau, aber mehr als drei Monatslöhne dürften nicht drin sein.

Doch nicht nur bei Amazon, auch in polnischen Unternehmen sieht die Situation von Arbeitnehmern nach Einschätzung von Lupinski nicht viel besser aus. „Wenn es besser ist, liegt es oft daran, dass es größere Traditionen des gewerkschaftlichen Kampfes im Betrieb gibt.“ Bei Amazon hingegen müssen die Traditionen erst aufgebaut werden – und ein immens wichtiger Baustein dabei ist die Zusammenarbeit mit Gewerkschaftern über die Landesgrenzen hinweg. „Weil Amazon global agiert, versuchen auch wir mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten, vor allem aus Deutschland.“ Auch hierbei halte die IP sich an die Strategie: so nah wie möglich an den einfachen Mitarbeitern, die sich bei Verdi engagieren.

Eine der letzten internationalen Aktionen war das „Feedback für Bezos“ in Berlin im April dieses Jahres. Die Veranstaltung war eine Antwort auf das umstrittene Normen- und Feedback-System des Konzerns, das nach Ansicht vieler Beschäftigter und externer Experten massiven psychischen Druck erzeugt. Mit zwei Bussen fuhren Lupinski, Mróz und andere IP-Mitglieder von Amazon in die deutsche Hauptstadt. „Die Offiziellen von Verdi wollten uns dabei nicht allzu viel reden lassen, sie wollten Politikern der SPD den Vortritt lassen – dabei waren dort Hunderte Amazon-Beschäftigte, die selbst ihre Postulate vortragen wollten. Es ist unsere Stimme, wir sind es, die in den Hallen arbeiten, wir sind nicht hierarchisch – wir wollen sprechen und gehört werden“, sagt der Gewerkschafter mit trotzigem Lachen.

Bevor Lupinski an diesem heißen, sommerlichen Abend durch die Torschleusen die mehrere Fußballfelder große Amazon-Kapitalkathedrale betritt, verweist er auf noch eine Aktion, die die IP mit Gewerkschaften aus Deutschland, Frankreich und anderen Ländern organisiert: „Sicheres Päckchen“ heißt sie. In dieser Woche solidarisierten sich die IP-Mitglieder mit Streikenden in Deutschland und anderen Ländern und arbeiteten langsamer, gemäß den tatsächlichen gesetzlichen Sicherheitsvorschriften. „Wir zeigen ihnen, dass eben ihr Leben und ihre Gesundheit das Wichtigste ist“, sagt Lupinski zum Abschied, „und nicht, wie viel Jeff Bezos verdient.“

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