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Ein Bergmann lässt auf der Zeche Prosper Haniel in der Kaue seine Kleidung herunter.

Steinkohle

Schicht im Schacht

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Nur noch wenige Wochen, dann endet die Steinkohleförderung in Deutschland. Es ist das Ende einer Ära, ein Abschied voller Emotionen. Zu Besuch bei den letzten Bergleuten von Bottrop.

Da ist es, das schwarze Gold. Es funkelt, es glitzert, und es staubt hier unten in 1229 Metern Tiefe, auf der siebten Sohle des Bergwerks Prosper Haniel. Es ist – neben Ibbenbüren – die letzte verbliebene deutsche Steinkohle-Zeche. Ein Mythos im Ruhrgebiet. In den Zechen der Regionen fuhren einst 600.000 Männer ein. Tag für Tag. Doch mit dem Bergbau ist bald Schluss. Am 21. Dezember fahren die Kumpel von Bottrop zum letzten Mal ein, um Kohle hoch zu holen.

Auf der Fahrt nach unten muss man schlucken. Der Korb bewegt sich mit 12 Metern pro Sekunde abwärts, der Druck in den Ohren steigt. Es ist eine Fahrt in eine andere Welt.

„Glückauf“, sagt Bergmann Wolfgang Dolfen. Der 55-Jährige reicht einen silbernen Flachmann. Nicht Schnaps ist darin, der ist „unter Tage“ wie auch das Rauchen strengstens verboten, sondern Schnupftabak. „Macht die Nase frei!“, meint Dolfen. Der Staub, der sich auf die Schleimhäute setzt, die schwere Arbeit, die einzigartige Solidarität der Bergleute, der Schnupftabak – bald ist das alles Geschichte.

Noch einmal werfen sie die schwere Walze an, ihre „SL 750“. Noch einmal wird es laut. 80 Tonnen wiegt das Ungetüm. In ein, zwei Minuten kann die Maschine so viel Kohle aus dem Flöz herausschneiden, wie auf zwei Lkw passt. Man muss sich einmal die Dimensionen klarmachen: 1,8 Millionen Tonnen Steinkohle, das war der mit der Politik vereinbarte Soll für Prosper Haniel. Inzwischen ist diese Marke so gut wie erreicht. Es fehlen nur noch ein paar Hundert Tonnen. Es sind die letzten Arbeiten. „Fertig machen für den Rückzug“, sagen sie in Bottrop.

Längst wird nach einem Käufer für die „SL 750“ gesucht. Dabei war die Technik auf der siebten Sohle von Prosper Haniel mal das Modernste vom Modernsten. Ein türkischer Bergwerksdirektor hat sich bereits die Förderbänder gesichert. „Packt alles auf einen Lkw und bringt es mir, wenn Ihr hier fertig seid“ habe der gesagt, erzählt Dolfen. Ihm ist anzumerken, dass es nicht leicht ist, zu den letzten Kohle-Kumpeln zu gehören. Das schwarze Gold holen in Zukunft andere nach oben.

Bestimmt 300 Jahre könnten sie hier noch weiter abbauen, sagen sie in Bottrop. Die Vorräte sind riesig. Nur: Deutsche Kohle ist auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Für die Kumpel ist das bitter. „Es ist ja nicht so, dass wir keine Steinkohle mehr verbrennen. Die Kohlen kommen nur jetzt von woanders her“, meint Dolfens Kollege Dirk Tomke. „Das tut weh“, sagt auch Michael Vassliadis. Der Chef der IG BCE trägt weißen Helm, Halstuch, blaues Bergmannshemd, Schutzanzug und schwere Schuhe. Vassiliadis und seine Gewerkschaft verlieren in diesem Herbst eine ganze Branche.

Der 54-Jährige stammt selbst aus dem Ruhrgebiet. Er wiegt ein Stück Kohle in seinen Händen, wischt schließlich mit seinen Händen über Stirn und Wangen. Die schwarzen Kohlestreifen im Gesicht braucht Vassiliadis, damit es authentisch aussieht, wenn er jetzt ein Video aufnimmt. Eine Botschaft an die Bergleute, für die Aktion „Danke, Kumpel“.

„Wir können Ende des Jahres sagen, dass niemand ins Bergfreie gefallen ist“, setzt Vassiliadis an. Will heißen: Für die Kumpel von Bottrop ist gesorgt. Wer älter ist als 49 und unter Tage gearbeitet hat, darf in Frührente ohne Abschläge. Die übrigen werden vermittelt in andere Jobs, mit besten Chancen, wie Bernd Beier, Arbeitsdirektor von Prosper Haniel, bestätigt.

Existenzängste gibt es kaum bei den letzten Kumpeln von Bottrop, dafür aber viel Wehmut und Melancholie, auch Trauer und Tränen. „Wie bei einer Beerdigung“, sagt Bergmann Dolfen.

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