Analyse

Schaut nach Frankreich

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Die Digitalisierung in der Industrie treibt immer mehr Menschen in den Dienstleistungssektor. Für das Lohnniveau ist das schlecht.

Die Welt erlebt eine weitere technische Revolution: Die „Digitalisierung“ bringt nicht nur neue Produkte hervor, sondern vor allem neue Produktionsprozesse. Denn die digitale Technik gibt den Unternehmen die Mittel in die Hand, die Fertigungskosten zu verringern und das heißt auch: die Lohnkosten zu drücken. Die Pessimisten warnen vor menschenleeren Fabriken und neuer Massenarbeitslosigkeit. Demgegenüber verweisen die Optimisten darauf, dass die Digitalisierung in der Industrie zwar Jobs kosten mag, die Menschen könnten aber neue Stellen finden, insbesondere im Dienstleistungssektor. Doch selbst wenn es so kommt, kann dies tiefgreifende Auswirkungen auf die Einkommensverteilung haben. Das zeigt das Beispiel Frankreich.

Die harte globale Konkurrenz im verarbeitenden Gewerbe hat dazu geführt, dass Frankreichs Industrieproduktion seit Jahren stagniert. Die Industrie produziert kaum mehr als zu Beginn der Währungsunion. Gleichzeitig haben die Unternehmen ihre Produktion rationalisiert und das bedeutet auch: Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt. Seit 1998 ist die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe um etwa ein Viertel geschrumpft. Arbeiteten vor 20 Jahren noch 14 Prozent aller französischen Arbeitnehmer in der Industrie, so sind es inzwischen nur neun Prozent. Ganz anders als in Deutschland, wo allein 2018 die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe um 140 000 auf knapp 5,7 Millionen zugenommen hat.

Gleichzeitig nimmt Frankreichs Dienstleistungssektor neue Arbeitskräfte auf. Die Beschäftigung im Bereich „Domestic Services“ hat seit 1998 um ein Viertel zugelegt. Hierunter fallen Branchen wie der Einzelhandel, Transport, Gaststätten, Freizeit und Kundendienste wie zum Beispiel Call Center. Das sind aber Branchen, die ihre Beschäftigten eher schlecht bezahlen. Auch in Frankreich. Im Durchschnitt verdient ein Arbeitnehmer im verarbeitenden Gewerbe – ohne Sozialbeiträge – etwa 40 000 Euro im Jahr, bei den Domestic Services sind es nicht einmal 28 000 Euro.

Analog die Entwicklung bei der Produktivität: Da in der Industrie die Rationalisierung per Maschineneinsatz leichter möglich ist, steigt dort die Produktivität schneller als bei den Dienstleistern. So lag die Wertschöpfung pro französischem Arbeitnehmer im verarbeitenden Gewerbe zuletzt bei rund 90 000 Euro, in den Domestic Services dagegen nur bei knapp 53 000 Euro, eine Differenz von 70 Prozent.

Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft bedeutet daher zum einen ein schwächeres Produktivitätswachstum, zum anderen drückt der „Strukturwandel“ das allgemeine Lohnniveau und erhöht gleichzeitig die Polarisierung zwischen besser Verdienenden und den Dienstleistern am unteren Ende. Diese Polarisierung ist erkennbar an der Ungleichheit der Markteinkommen, gemessen am Gini-Koeffizienten. Er hat in Frankreich seit 1998 von 0,482 auf 0,516 zugenommen.

Um die wachsende Ungleichheit zu mildern, gibt der Staat Milliarden aus. Frankreichs umfangreicher Sozialstaat gilt Ökonomen und Unternehmern als ein Grund für die Deindustrialisierung. Dabei ist er bloß die Folge davon, dass die Unternehmen des Landes den Industrie-Wettbewerb mit Deutschland, den USA, Japan und China tendenziell verloren haben.

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