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In Rauch aufgelöst: Der Fiskus verliert jährlich Milliarden durch Zigaretten-Schmuggel.

Zigaretten-Handel

Satte Gewinne für Schmuggler

Der illegale Handel mit Zigaretten verursacht Milliarden-Schäden. Der Zoll ist den Banden mit Waffen und Hunden auf der Spur. Die Tabak-Unternehmen haben zudem eigene Einheiten gegen den Schmuggel aufgebaut.

Von Werner Balsen

Der illegale Handel mit Zigaretten verursacht Milliarden-Schäden. Der Zoll ist den Banden mit Waffen und Hunden auf der Spur. Die Tabak-Unternehmen haben zudem eigene Einheiten gegen den Schmuggel aufgebaut.

Dann kommt Tiger. Sofort wird der etwa 30-jährige Pole neben dem alten Opel unruhig. Er hat die Kapuze des Pullovers unter seiner Armeejacke über den Kopf gezogen und scheint zu ahnen, was jetzt passiert.

Der Hund beachtet ihn zunächst gar nicht, sondern scheint sich schnüffelnd zu orientieren. Dann springt er den Mann in der Armeejacke plötzlich an – nicht aggressiv, sondern fast so, als begrüße er liebevoll einen Bekannten. Robert, dem Zöllner, reicht das. Unter der tarnfarbenen Jacke und dem weiten Kapuzenpullover des Mannes findet er zwei Gürtel, in die je acht Zigarettenpackungen gesteckt sind. Dann lässt er Tiger in den Opel. „Der Hund ist eine unserer besten Kräfte“, sagt Roberts Kollegin Anna. Die Zöllner arbeiten in Bezledy, im Norden Polens, an der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad. Ihre Hauptaufgabe: Das Aufspüren von Zigarettenschmugglern.

Von Bezledy sind es nur knapp 40 Kilometer bis Kaliningrad, dem früheren deutschen Königsberg. Dort produziert das russisches Unternehmen Baltic Tabacco die Marke Jin Ling. Ein Päckchen davon kostet in der Enklave 32 Eurocent. Auf den Märkten in Polen lässt es sich bereits für 1,30 Euro verkaufen. Noch lukrativer wird es, Jin Ling in Deutschland an die Kundschaft zu bringen, denn im Straßenhandel von Berlin beträgt der Preis rund 2, 50 Euro – was einer Gewinnspanne von mehr als 600 Prozent entspricht. Obwohl zwischen Frankfurt an der Oder und Aachen im freien Handel überhaupt nicht erhältlich, zählen die Experten des Tabakkonzerns British American Tobacco (BAT) Jin Ling zur meistverkauften und meistgerauchten Marke in Deutschland.

Gesundheitliche Probleme durch gefälschte Zigaretten

In dem alten Opel kratzt Tiger eifrig am Handschuhfach. Auch dort werden die Zöllner fündig. Weitere Packungen entdecken sie, als sie die Verkleidung rund um die Armaturen abmontieren. Nach kurzer Zeit liegen 70 Päckchen auf dem Tisch neben dem polnischen Fahrzeug. Wäre es ihm gelungen, sie in Polen zu verkaufen, hätte der Schmuggler mit seinem Ausflug 70 Euro verdient – dies entspreche etwa einem Viertel des durchschnittlichen Monatslohnes im Grenzgebiet, sagt Anna.

Sie und ihre Kollegen in Bezledy haben vor allem mit „kleineren Fischen“ zu tun: Polen, die sich hinter der Grenze mit Zigaretten eindecken und sie in ihrer Heimat veräußern. „Die dicken Fische schwimmen aus Litauen ins Land“, sagt Anna. „Wenn die Gewinnspannen hoch sind und das Risiko entdeckt zu werden, überschaubar bleibt, dann lockt das Geschäft auch Leute an, die sonst mit Drogen, Waffen oder Frauen handeln“, unterstreicht Jacek. Der Pole ist seit 20 Jahren im Grenzdienst und hat sich vor allem um Drogen- und Zigarettenschmuggel gekümmert. Seit Jahresbeginn ist er im Auftrag von BAT an den polnischen Grenzen aktiv. Seine Aufgabe: Informationsbeschaffung, um den Grenzbehörden Tipps zu geben. Polen ist der Hauptumschlagplatz der Schmuggelware aus der Ukraine und aus Weißrussland.

„Wem es gelingt, 100.000 Schachteln Marlboro von Weißrussland durch Polen nach Deutschland zu schmuggeln, kann einen Gewinn von mehr als 400.000 Euro einstreichen“, sagt Jacek und verweist auf eine Grafik. Daraus ergibt sich, dass die gleiche Menge auf dem britischen Markt 650.000 Euro bringt. Organisierte Schmugglerringe, denen es gelingt, einen ganzen Container mit Zigaretten bis Großbritannien zu befördern, machen leicht einen Schnitt von gut 1,5 Millionen Euro. Und das gilt nur für Originale. Gefälschte Glimmstängel multiplizieren die Profite.

Den Gewinnen der Schmuggler entspricht der Schaden des Fiskus. Auf rund zehn Milliarden Euro pro Jahr schätzt die EU-Kommission die Steuerausfälle. Fast mehr noch als die nicht gezahlten Steuern fürchtet die Brüsseler Behörde die gesundheitlichen Probleme durch den Handel mit gefälschten Zigaretten. So entdeckten die Behörden kürzlich bei einer Razzia in Berlin gefälschte Jin- Ling-Packungen aus einer illegalen Hinterhof-Fabrik in Polen. In den Glimmstängeln fanden die Experten Spuren von Schimmelpilz und Rattenexkrementen. „Schmuggelware schadet allen“, sagt der Brüsseler Kommissar Algirdas Semeta: „Regierungen, Verbrauchern, aber auch den seriösen Unternehmen.“

Konzerne zahlen Jagdgeld

Tatsächlich sind auch die Konzerne betroffen – selbst wenn die Kriminellen Originale schmuggeln. „Wir betreiben auf den Märkten in Deutschland oder Großbritannien einen viel höheren Marketingaufwand als etwa in Weißrussland“, sagt BAT-Sprecherin Catherine Armstrong. „Deshalb fordern wir einen höheren Preis. Wenn dort geschmuggelte Zigaretten deutlich billiger auf den Markt kommen, schadet uns das, selbst wenn sie in Weißrussland regulär gekauft worden sind.“

Aus diesem Grund haben die Großen der Tabakbranche mit der EU-Kommission Abkommen geschlossen. Die vier Konzerne Imperial Tobacco, BAT, Japan Tobacco und Philip Morris zahlen zwischen 2004 und 2030 zusammen 1,4 Milliarden Euro an die Union. Das Geld stellt Brüssel den Mitgliedstaaten zur Verfügung, die es in Hightec-Scanner für Lkw, moderne Kommunikationssysteme für Grenzer und die Ausbildung von Spürhunden investieren.

Die Tabak-Unternehmen haben zudem eigene Einheiten gegen den Schmuggel aufgebaut. Für eine solche arbeiten bei BAT etwa Jacek oder sein britischer Kollege Nick. Was ihre Arbeit betrifft, geben sie sich wortkarg. „Wir versuchen, die Routen der Schmuggler auszumachen, illegale Fabriken aufzuspüren und Zollbeamten Tipps zu geben.“

Davon profitieren die Beamten der mobilen Einheit an der polnisch-litauischen Grenzstation Budzisko. Sie gilt als „Hotspot“ für den Zigarettenschmuggel im großen Stil, weil die Grenze zwischen den beiden EU-Staaten offen ist. Es gibt – wie zwischen Deutschland und Frankreich – keine regelmäßigen Kontrollen. „Wir wissen, dass deshalb Laster mit Schmuggelware aus der Ukraine weit nach Norden durch Weißrussland bis nach Litauen fahren, weil die dortige Grenze noch nicht so gut gesichert ist. In Litauen sind sie in der EU und kommen über Budzisko nach Polen. Die mobilen Grenzer in Budzisko sind auch nicht besonders auskunftsfreudig. Seinen Namen will der drahtige Chef der schwarzuniformierten Truppe nicht nennen. Zu entlocken ist ihm nur, dass 120 Männer und Frauen in vier Einsatzgruppen den Schmugglern das Handwerk legen wollen. Seit Anfang des Jahres sind sie bewaffnet. „Endlich“, sagt der Chef. Es habe zwar noch nicht viele schwere Konfrontationen mit den Kriminellen gegeben, aber eine ganze Reihe von kleineren Zwischenfällen. Künftig sollen die Waffen den Beamten Sicherheit und den Schmugglern Respekt vermitteln.

Seine Kollegen lotsen einen litauischen Laster mit tiefgefrorenem Fisch von der Schnellstraße in die „Röntgenhalle“. Von ihrem Büro aus inspizieren zwei Experten über sechs Monitore die Ladung. Alles in Ordnung, der Lkw darf weiter fahren. Und wenn ein anderer Truck mit Schmuggelware gerade unbehelligt durchgerauscht ist? Der Chef zuckt die Achseln. „Kann natürlich sein. Aber das wird uns nicht davon abhalten, hier unser Möglichstes zu tun. Auch wenn der Job einer Sisyphusarbeit ähnelt.“

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