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Über Führung in Teilzeit wird viel diskutiert.

Karriere

Wie Chefinnen gemacht werden

Im europäischen Vergleich gilt SAP als das beste deutsche Unternehmen in Sachen Geschlechtergleichheit. Der Software-Riese setzt auf Flexibilität und Vertrauen - mit Erfolg.

  • Job-Teilung in der Chefetage bei SAP
  • Zwei Frauen teilen sich Stelle und arbeiten als Co-Chefinnen
  • Auch in Sachen Führungsposten als 75-Prozent-Stellen und Homeoffice ist SAP Vorreiter

Eigentlich war die Stelle damals nur für eine Person ausgeschrieben. Nun sitzen Katharina Reichert und Kornelia Maier aber im Büro in Walldorf nebeneinander – zumindest jeden Montagnachmittag. Aufgrund der Zeitverschiebung ist das der beste Zeitpunkt, um mit ihren Kolleginnen und Kollegen an der US-amerikanischen Westküste zu telefonieren.

SAP: Ein gemeinsames Anschreiben und ein gemeinsamer Lebenslauf führten zum Erfolg

„Unsere Mitarbeiter sind verstreut über sieben Zeitzonen, genau wie unsere Ansprechpartner“, erklärt Reichert, selbst gebürtige US-Amerikanerin. Daher müsse man den Tag mindestens von acht bis achtzehn Uhr abdecken. Alleine sei das nicht machbar, zumindest nicht in Teilzeit, sagt Maier. „Daher kam ich natürlich relativ schnell auf die Idee, dass es klasse wäre, diesen Job zu teilen.“

Der Posten bei SAP trägt den Titel „Head Solution Management Accounting and Central Finance“ – eine Führungsposition. Maier bezeichnet sie als die Schnittstelle zwischen Entwicklung und Vertrieb von Softwareprodukten für die Finanzbuchhaltung. Sie und Reichert kommen aus der Finanzbranche und haben sich bei vergangenen Projekten gegenseitig schätzen gelernt. 

Also beschlossen sie eine Bewerbung für die freie Stelle einzureichen. Ein gemeinsames Anschreiben, ein gemeinsamer Lebenslauf. Damit hatten sie Erfolg – seit dem 1. Februar sind Maier und Reichert die sogenannten „Co-Heads“ ihrer Abteilung.

Co-Chefinnen sind teilen sich bei SAP die Arbeit am Nachmittag

Das Ganze funktioniert folgendermaßen: Die meisten Vormittage sind beide Co-Chefinnen vor Ort im Büro in Walldorf, um ihre sechs Teammitglieder plus Werkstudierende zu betreuen. Die Nachmittage haben Reichert und Maier abwechselnd frei. Jedes Projekt, jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter betreuen sie abwechselnd. Wenn eine von ihnen frei hat, führt die andere gründliche Notizen – so sind beide stets informiert.

In ihrem Unternehmen sind sie nicht die ersten, aber zwei von wenigen Mitarbeitenden, die ein Team im sogenannten Co-Leadership führen. Dabei wird sogar die Spitze des Unternehmens im gemischten Doppel geführt, mit Jennifer Morgan und Christian Klein als Co-Vorstandsvorsitzenden. 

Die US-Amerikanerin Morgan wurde damit im vergangenen Herbst als erste Frau überhaupt zur Chefin eines Dax-Konzerns. Derzeit gibt es nach Schätzungen der SAP-Personalabteilung zwischen 16 und 20 Doppelgespanne in Führungspositionen – bei einer Gesamtmitarbeiterzahl von 100 000 weltweit eine noch sehr kleine Quote.

Auch für den Vorgesetzten war es Neuland

Zum Zeitpunkt der Bewerbung sei es auch für ihren neuen Vorgesetzten „absolutes Neuland“ gewesen, erinnert sich Reichert. Nach anfänglicher Skepsis habe er sich „sehr offen und proaktiv damit auseinandergesetzt, ob er sich diese Konstruktion vorstellen könnte“.

Über Führung in Teilzeit wird viel diskutiert, wenn wieder einmal festgestellt wird, dass zu wenig Frauen in deutschen Unternehmen leitende Posten innehaben. Die gemeinnützige Allbright-Stiftung hat im September 2019 festgestellt, dass die Vorstände der 160 börsennotierten Unternehmen des Landes mit 641 Männern und nur 66 Frauen* besetzt waren. 

Das entspricht einem Frauenanteil von 9,3 Prozent, was im Vergleich zum Vorjahr sogar eine leichte Steigerung darstellt. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin sieht es in den Aufsichtsräten – nicht zuletzt aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Quote – zwar etwas besser aus. 

In Sachen Geschlechterverteilung liegt Deutschland hinter Ländern wie USA, Kanada und Frankreich

Doch der Frauenanteil in den Kontrollgremien habe keine automatische Auswirkung auf die Geschlechterverteilung in den Vorständen. Somit liegt Deutschland im internationalen Vergleich hinter Ländern wie den USA, Kanada, Schweden, Polen und Frankreich.

Sharing is caring: Katharina Reichert und Kornelia Maier teilen sich ihre Führungsstelle bei SAP. 

Beachtet man, wie im OECD-Vergleich der Beratungsagentur PricewaterhouseCoopers (PWC), auch Führungspositionen unterhalb des Vorstands, ist das Plus von zwei Prozent auf einen Anteil von 22,5 Prozent immer noch sehr gering. Und auch eine Studie der Europäischen Kommission, die in Unternehmen neben dem Frauenanteil im Vorstand gleiche Bezahlung, Elternzeit für beide Elternteile und Richtlinien gegen sexuelle Belästigung mit einbezieht, bescheinigt Deutschland Nachholbedarf. Vorreiter ist laut dieser Studie hingegen Frankreich. Unter den besten zehn Unternehmen finden sich acht französische und ein schwedischer Konzern; auf Platz zehn, als einziger deutscher Vertreter: SAP.

Der Anspruch der Diversität müsse auch über Frauen hinaus gedacht werden

Führung in Teilzeit ist eines von vielen Modellen, wie Beschäftigte des badischen Unternehmens ihre Arbeitszeit gestalten können. Aber es gehe dabei nicht bloß um Frauen, so Nina Straßner, Diversitätschefin für Deutschland bei dem Softwareriesen. 

„Wir sind sehr sensibel, was den Begriff ‚Frauenförderung‘ angeht“, erläutert Straßner. Schließlich müssten Frauen nicht im Sinne der „Nachhilfe“ gefördert werden, sie seien schon kompetent in ihrem Beruf. Vielmehr gehe es darum, sowohl ihre Sichtbarkeit zu erhöhen als auch generelle Strukturen nach den Bedürfnissen der Beschäftigten auszurichten.

Der Anspruch der Diversität müsse auch über Frauen hinaus gedacht werden. Auch zwischen den verschiedenen Generationen gebe es Reibungspotenzial, sagt Straßner. SAP sei ein Softwarekonzern, in dem sowohl Angestellte arbeiteten, die ohne das Internet aufgewachsen seien, als auch jene, die sich nicht an eine Welt ohne Internet erinnern könnten. Diese Reibung könne aber auch Innovation mit sich bringen.

SAP Diversitätschefin Nina Straßner: „Flexibilität ist eben keine Einbahnstraße“

Weiter gebe es auch Firmennetzwerke von und für Beschäftigte aus marginalisierten Gruppen wie der LGBTQ-Community sowie ein Netzwerk von Kolleginnen und Kollegen, deren hauptsächliches Anliegen es sei, sich um die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden aus 194 verschiedenen Nationen zu kümmern. Auch habe man sich als Unternehmen bemüht, besonders aktiv Menschen aus dem autistischen Spektrum zu rekrutieren und diese bei der Arbeit zu betreuen, so die Diversitätschefin.

Eine Umstellung mit hohen Kosten? Nina Straßner widerspricht dieser Annahme vehement. Das Geld würde langfristig allein bei unnötiger Bürokratie gespart. Es sei für ein Unternehmen bereits sehr teuer und aufwendig zu prüfen, ob zum Beispiel die Anträge auf Elternzeit zu hundert Prozent rechtzeitig und formal korrekt eingereicht wurden. 

Das könne man sich sparen, wenn man den Beschäftigten im Dialog und niedrigschwellig entgegenkomme. „Flexibilität ist eben keine Einbahnstraße“, erinnert sie. Dennoch räumt Straßner ein, dass manche Angebote für einen großen Konzern einfacher zu leisten seien; miteinander reden solle man aber immer können.

Führungsposten als 75-Prozent-Stellen ausgeschrieben, Homeoffice ist eine Selbstverständlichkeit

Die Investition scheint sich für SAP auszuzahlen. In Zeiten von Fachkräftemangel und dem sogenannten „War for Talents“ hat das Unternehmen nach eigenen Angaben zwei Jahre hintereinander den Hausrekord an eingegangenen Bewerbungen um ein Vielfaches übertroffen. Gerade in der IT-Branche hätten Arbeitgeber eingesehen, dass man den Arbeitnehmerinnen und -nehmern schlicht mehr bieten müsse, erklärt Straßner. Statt um den Dienstwagen drehten sich die Verhandlungen heutzutage vor allem um die Währung Zeit.

Daran sei auch ersichtlich, dass die Arbeit in Teilzeit schon lange kein reines Frauenthema mehr sei, betont Straßner. Beiden Elternteilen solle ermöglicht werden, ohne Karriereeinbußen mehr Zeit mit der Familie zu verbringen – ebenso Beschäftigten, die neben der Lohnarbeit beispielsweise noch der Pflege von Angehörigen oder einem Ehrenamt nachgingen. 

Umgesetzt sieht diese Idee bei SAP mitunter folgendermaßen aus: Sämtliche Führungsposten werden als 75-Prozent-Stellen ausgeschrieben, Homeoffice ist eine Selbstverständlichkeit, und das Abendessen für die Familie kann man sich aus der Cafeteria mitnehmen.

Co-Chefinnen möchten schlicht aktiv am Familienleben beteiligt sein

Zeit war auch für Kornelia Maier und Katharina Reichert der entscheidende Faktor. Sie schätzen die Vielfalt der Möglichkeiten, ihre Arbeitszeit auch als Führungskraft flexibel zu gestalten. Denn beide waren sich absolut sicher, in einer 75-Prozent-Stelle arbeiten zu wollen. „Es geht nicht darum, dass ich nicht mehr arbeiten kann, sondern dass ich nicht mehr arbeiten möchte“, begründet Maier ihre Entscheidung. Ähnlich sieht es bei Reichert aus. Die Co-Chefinnen möchten schlicht aktiv am Familienleben beteiligt sein. Dass sie nicht nur diese Lebensrealität teilen, sondern auch die gleichen Werte vertreten, sei wohl die Basis für ihre gute Zusammenarbeit, vermutet Reichert.

Was den Führungsstil angeht, so schätzen die beiden Frauen sich als sehr ähnlich ein. Wichtig seien vor allem Offenheit, Vertrauen und Pragmatismus. „Es ist nicht so, dass der eine ein Freigeist ist und der andere der Analytiker. Wir sind da relativ gleich gestrickt“, so Maier. Das erleichtere auch das abwechselnde Arbeiten. „Ich kam noch nie so entspannt aus dem Urlaub zurück“, führt sie lachend fort.

Hoffen sie also darauf, dass ihre geteilte Art zu führen zum Vorbild wird? „An der Spitze hat es ja schon geklappt“, sagt Maier. Reichert erinnert sich an eine Kollegin, die nach der Elternzeit über lange Strecken in Teilzeit gearbeitet hatte, nun leite sie eine vierstellige Anzahl von Beschäftigten. „Das gibt einem schon Mut, wenn man aus der Elternzeit zurückkommt.“ Maier hofft daher auch, dass sie als Co-Chefinnen andere junge Mütter vor der Panik nach der Elternzeit bewahren können. Ein wenig Kampfgeist gehöre aber immer noch dazu: „Es kommt niemand, der an die Tür klopft und fragt, ob man möchte. Man muss sich selbst überlegen, was man will, und dafür einstehen und kämpfen.“

*Anm. d. Red.: Die Anteile von Personen diversen Geschlechts sind in den hier zitierten Studien nicht ersichtlich.

Status Quo Arbeit

Erstmals mehr Frauen (66) als Michaels und Thomasse zusammen (58) hat die Allbright-Stiftung im Herbst 2019 in den Vorständen der Dax-Konzerne gezählt. Sollte die Anzahl der Frauen im laufenden Jahr auf 84 steigen, würden sie nach aktuellem Stand auch alle Stefans mit überholen.

Neben Frauen sind laut der Stiftung auch andere marginalisierte Gruppen in Führungsposten unterrepräsentiert. Darunter etwa Migranten und Migrantinnen, aber auch Ostdeutsche.

Erst im Jahr 2041 wäre bei dem aktuellen Tempo ein Frauenanteil von 40 Prozent in den Vorständen erreicht, rechnet die Stiftung vor. Würde man ebenso viele Frauen wie Männer rekrutieren, wäre das Ziel schon 2023 erreicht.

Die Lohnschere ist in Deutschland besonders weit gespreizt, so das Resultat eines Vergleichs unter OECD-Ländern von der Beratungsagentur PWC. Demnach verdienten Frauen 2018 rund 21,3 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Damit ist Deutschland eines der Schlusslichter.

Frauen arbeiten weiterhin überwiegend in Teilzeit, was Auswirkungen auf ihren Karriereaufstieg, die Jobsicherheit und Altersvorsorge haben kann. Grund ist häufig die von Frauen zusätzlich erwartete Fürsorgearbeit in der Familie. Oxfam berechnete für die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen und Mädchen einen geschätzten Gegenwert von rund elf Billionen Dollar.

Von Valerie Eiseler

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Malerinnen, Lackiererinnen oder Kfz-Mechatronikerinnen sind nach wie vor die Ausnahme - obwohl Frauen in diesen Jobs gute Chancen hätten. Wer als Frau einen typischen Männerberuf ergreift, darf blöde Sprüche von Kunden und Kollegen aber nicht zu ernst nehmen.

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