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Protest gegen Sanofis Personalpolitik: Dem Konzern gehe es nur ums Geld („Fric“), kritisierte die Gewerkschaft CGT diese Woche.
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Protest gegen Sanofis Personalpolitik: Dem Konzern gehe es nur ums Geld („Fric“), kritisierte die Gewerkschaft CGT diese Woche.

Frankreich

Sanofis Fiasko

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Der französische Pharmariese und das Institut Pasteur waren mal führend in der Impfforschung. In der Covidkrise haben beide versagt. Die „Grande Nation“ ist enttäuscht.

Es muss noch ein Relikt aus alter Zeit sein: Auf der Internetseite von Sanofi-Pasteur bezeichnet sich das Forschungslabor als „stolz“, dass man der Weltmarktführer bei den wichtigsten Impfstoffen gegen Grippe oder Kinderkrankheiten sei.

Gänzlich anders ist die Lage aber in Bezug auf das Virus, das derzeit die ganze Welt bedroht. In Sachen Covid-19 haben die französischen Forscherinnen und Forscher keinen Grund mehr zum Stolz. Das Institut Pasteur, dessen Namensgeber Louis Pasteur im 19. Jahrhundert die erste Tollwutimpfung geschaffen hatte, musste Ende Januar bekanntgeben, dass es die Suche nach einem Anti-Covid-Impfstoff einstelle. Ein Debakel.

Auf einem Mittel gegen Masern aufbauend, enttäuschte der neue Impfstoff, den der US-Partner Merck im positiven Fall hätte herstellen sollen; dem Vernehmen nach lag die Immunisierung nur bei 50 Prozent. Sonst gewohnt, dem französischen Nationalstolz zu huldigen, erklärte Pasteur-Impfchef Frédéric Tanguy kleinlaut, man versuche nun zu „sehen, was passiert ist“.

Sanofi, vor zwanzig Jahren aus Rhône Poulenc und der deutschen Hoechst hervorgegangen und zu einem selbstbewussten Pharmariesen aufgestiegen, landet ebenso hart in der Realität. Während Konkurrenten wie Biontech-Pfizer oder Moderna mit Vakzinen auf der innovativen mRNA-Basis längst am Markt sind, dürfte Sanofi im besten Fall Ende 2021 ein traditionelleres Mittel anbieten können. Ob es dann wie versprochen auch bei normaler Kühlschranktemperatur gelagert werden kann, muss sich erst noch weisen.

12 Milliarden Gewinn

Bilanz: Negative Währungseffekte haben dem Pharmakonzern Sanofi im Schlussquartal 2020 Schwierigkeiten bereitet. Die Franzosen konnten zwar deutlich mehr Impfungen etwa gegen Grippe verkaufen und auch der Verkauf von Dupixent gegen Neurodermitis lief prächtig. Nach der Umrechnung in Euro lagen die Erlöse jedoch bei 9,38 Milliarden Euro, das waren 2,4 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Auch im Diabetesgeschäft hatte Sanofi im letzten Jahresviertel weiter zu kämpfen.

Verkauf: Konzernchef Paul Hudson sprach von einer soliden Basis, auf der Sanofi im neuen Jahr aufbauen könne. Die Jahresbilanz 2020 hatte der Konzern durch den milliardenschweren Verkauf eines Großteils seiner Beteiligung am US-Partner Regeneron aufpoliert. Binnen zwölf Monaten wurde der Gewinn auf 12,31 Milliarden Euro mehr als vervierfacht. Der Jahresumsatz lag mit 36,04 Milliarden Euro in etwa auf dem Vorjahresniveau. dpa

Generaldirektor Paul Hudson verteidigt sich: Sanofi erforsche dafür als einziges Unternehmen der Big Pharma gleich zwei Impfstoffe. Nur ist keiner bereit. Auf Druck der französischen Regierung muss das Unternehmen ab diesem Sommer 125 Millionen Dosen des Konkurrenten Biontech produzieren – für die stolzen Sanofianer:innen eine Demütigung.

Über die genauen Gründe für die Verzögerung schweigt sich der Brite Hudson aus. Betriebsinterne Stimmen vermuten, dass sein Hauptvakzin nicht genug Antigene entwickelt habe. Die dafür nötigen Reaktionsmittel, von einem Kleinpartner geliefert, hätten möglicherweise „nicht über die nötige Qualität oder Reinheit verfügt“, sagte ein Gewerkschafter. Dass die gelieferten Mittel nicht wie üblich sofort getestet worden seien, führt er auf den Zeitdruck zurück.

Diese technischen Pannen erklären aber nicht alles. Die französische Impfforschung verliert insgesamt den Anschluss. Von den fünf französischen Impfstoff-Kandidaten hat bisher keiner die dritte Testphase erreicht. Dass die französischen Labors, die in der Grundlagenforschung stark waren, in der Biotech-Revolution nur noch mit Mühe mithalten, hat strukturelle Ursachen. Die Zahl ihrer Forscherinnen und Forscher hat seit 2007 von 23 600 auf 17 500 abgenommen. Und die Verbleibenden erhalten relativ geringe Löhne: Deren Höhe erreicht gerade mal 63 Prozent des OECD-Schnittes. Viele der französischen Spitzenforscher:innen haben ihr Land verlassen, wie etwa auch die Chemie-Nobelpreisträgerin von 2020, Emmanuelle Charpentier, die heute bei der Max-Planck-Gesellschaft in Deutschland tätig ist.

Sanofi hat vor wenigen Tagen bekanntgegeben, dass in seiner Forschungsabteilung weitere 364 Posten abgebaut würden. Die Ankündigung präzisierte nur frühere Absichtserklärungen aus der Vor-Covid-19-Ära. Die Gewerkschaft CGT wirft aber der Konzernspitze vor, sie habe auch „die Dringlichkeit der Anti-Covid-Forschung nicht erfasst“. Einzelne Werkstätten wie im südostfranzösischen Sisteron werden nun bestreikt.

Das Impfstoff-Fiasko ist aber auch politisch bedingt. Der Forschungsaufwand im Bereich Gesundheit schwindet in Frankreich generell und beständig. Während er in Deutschland heute etwas mehr als drei Prozent des Bruttoinlandproduktes beträgt, ist er in Frankreich auf 2,25 Prozent gesunken. In Deutschland steigen die Forschungskredite, in Frankreich sinken sie.

Dieser Befund entlarvt auch die Untätigkeit der französischen Behörden. Selbst Präsident Emmanuel Macron, der sich jung und dynamisch gibt, hatte den Krisenbeginn vor einem Jahr verschlafen und die Forschung kaum mobilisiert. Der Essayist Jean-Loup Bonnamy zieht ein bitteres Fazit: „Während die Briten, Russen, Amerikaner und Chinesen ihren Impfstoff haben, enthüllt der französische Verzug nur unseren wissenschaftlichen Niedergang.“

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