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Ein Haus aus den 1960er Jahren wird in Frankfurt abgerissen. Foto: R. Hoyer
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Ein Haus aus den 1960er Jahren wird in Frankfurt abgerissen.

Abriss statt Modernisierung

Sanieren statt abreißen

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Viele alte Gebäude werden heute abgebrochen, obwohl sie modernisiert werden könnten. Fachleute fordern dringend ein Umdenken, auch um die Klimaziele erreichen zu können.

Die Bagger sind da. Der Karstadt am Nordbad in München, bis 2020 das Lieblingskaufhaus der Bewohner des In-Stadtteils Schwabing, wird abgerissen. Bis in den Herbst dauern die Arbeiten, Kosten: mehrere Millionen Euro. Nur gut 50 Jahre stand das Kaufhaus dort. Nun wird Bauschutt daraus. An der prominenten Lage soll ein neues Gebäude entstehen, mit „Nahversorger“ auf 2500 Quadratmeter Verkaufsfläche und Büros für rund 1000 Menschen. Noch erheblich kürzer war die Nutzungszeit bei einem Bürogebäude in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. Es wurde unlängst abgerissen, obwohl es nur 25 Jahre dort stand.

Der Trend, noch relativ junge Gebäude abzubrechen, um sie durch Neubauten zu ersetzen, ist vor allem in den Städten unübersehbar, wo das Bauen trotz Corona boomt. Besonders häufig trifft es die Architektur der 1950 und 1960er Jahre. Mehr Wohn- oder Bürofläche, größere Räume, mehr Rendite – das sind meist die Gründe. Doch immer mehr Architekten und Stadtplanerinnen ist der Abrisstrend ein Dorn im Auge. Vor allem aus Umwelt -und Klimaschutzgründen.

Den Fall des Münchner Bürohauses nahm jetzt das dort ansässige Beratungs- und Architekturunternehmen CSMM zum Anlass, ein „radikales Umdenken und ressourcenschonendes Bauen im Bestand“ zu fordern. Stichwort: „Alte Gebäude, neue Chancen: Oft werden Objekte unnötig abgerissen.“ Geschäftsführer Timo Brehme sagte: „In der Baupraxis geben Gebäudeplaner leider noch viel zu oft Abriss und Ersatzneubau den Vorzug vor dem ökologisch viel sinnvolleren Bestandserhalt samt Sanierung.“ Dabei lägen hier enorme Potenziale für die Einsparung von Ressourcen und CO2.

Die Umweltschäden durch den Bausektor sind in der Tat sehr hoch. Laut Umweltbundesamt ist er für rund 60 Prozent des Abfallaufkommens in Deutschland verantwortlich sowie für etwa 35 Prozent des Energieverbrauchs und 40 Prozent der Treibhausgasemissionen. Um das mit dem Pariser Weltklimaabkommen beschlossene 1,5- bis Zwei-Grad-Erwärmungslimit einhalten zu können, muss auch der Baubereich in den nächsten Jahrzehnten CO2-neutral werden. Eine Studie des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie ergab im vorigen Jahr, dass dies im gesamten Gebäudebestand sogar schon bis 2035 nötig ist, um die untere Grenze von 1,5 Grad zu halten. Dafür müsste die Sanierungsquote bei Altbauten von derzeit rund einem auf vier Prozent pro Jahr erhöht werden.

Ein großes Problem ist die „graue Energie“, die in die Herstellung der Baustoffe wie Beton, Stahl und Steine fließt. Sie geht bei einem Abriss verloren, der zudem selbst energieaufwendig ist. Und für die Baustoffe des neuen Gebäudes muss auch wieder Energie aufgewandt werden. Bei einer Sanierung ist der Energieaufwand weit geringer – genauso wie die Lärmbelastung.

Auch die Initiative „Architects for Future“, die sich 2019 im Zuge der „Fridays for Future“-Klimabewegung gebildet hat, ist hier aktiv. Sie fordert eine generelle „Bauwende“, mehr Aufklärung über den Wert des Gebäudebestandes und die Nutzung der Klimapotenziale von Sanierung statt Neubau. Kürzlich führte die Gruppe, die inzwischen rund 600 Mitglieder hat, auch eine Bundestagspetition durch – Titel: „Bauwende jetzt!“ Erreicht werden soll damit ein „ökologischer, klima- und sozial gerechter Wandel der Baubranche“. Die Petition erhielt weit mehr als die nötigen 50 000 Unterschriften, so dass sich der Petitionsausschuss des Parlaments damit in einer öffentlichen Sitzung am 1. März befassen wird.

Eine aktuelle Umfrage der „Architects“ in der Kollegenschaft erbrachte eine Reihe von Hindernissen, die Sanierungen, Umbauten oder Erweiterungen – und somit eine ökologisch vorteilhafte Weiternutzung – oft verhindern. Darunter: Die Gesamtsanierung ist aktuell oft nicht billiger als Abriss und Neubau, die Bauverantwortlichen haben Angst vor „Überraschungen“ beim Eingriff in den Altbau, den Auftraggebenden mangele es am ökologischen Bewusstsein, und es bestehen zu hohe Hürden durch die Bauvorschriften.

Aus der Umfrage haben die „Architects“ eine Reihe von Lösungsansätzen entwickelt: Bauen im Bestand sollen finanziell gefördert, die Baubeteiligten gut beraten und eine Sanierungsplanung mit Blick auf die Klimaschutzziele vorgenommen werden. „Wichtig ist auch eine allgemeine Aufklärung über den Wert des Gebäudebestands und eine darauf gezielte Aus- und Fortbildung für alle Baubeteiligten“, sagt Christina Patz von der Gruppe. Viel Zuspruch unter den befragten Architekt:innen erhielt auch die Idee, neben der allgemeinen Bauordnung eine „Umbauordnung“ zu erstellen, die die rechtlichen Anforderungen für das Bauen im Bestand gegenüber denen beim Neubau vereinfacht. Ziel: Planungshürden und Kosten senken.

Beim Münchner Unternehmen CSMM hat man viel Erfahrung mit der Sanierung vorhandener Gebäude. Zuletzt hat es vor Ort bei Projekten im Arabellapark und im Olympia Business Center gezeigt, dass alte Bauten durchaus modernen Standards genügen und auch energetisch nachgerüstet werden können. In Frankfurt hat CSMM ein Bürogebäude aus den 1960er Jahren in der Theodor-Heuss-Allee entsprechend umgebaut. Ein anderes Beispiel für eine „Revitalisierung“ alter Gebäude in der Stadt am Main ist das ehemalige Amerikahaus im Westend aus den 1950er Jahren, das von der Architektengruppe Schneider und Schumacher betreut wurde. Darin sitzt nun das spanische „Instituto Cervantes“.

Bisher würden sich Eigentümer:innen und Projektverantwortliche oft verfrüht für einen Abriss und Neubau entscheiden, sagt CSMM-Partner Reiner Nowak. Hier brauche es dringend mehr Aufklärung. „Wenn wir eine klimaneutrale Zukunft haben wollen, führt am Gebäudebestand und seiner Sanierung kein Weg vorbei. Deshalb fordern wir, dass jeder Abriss wirklich kritisch hinterfragt wird.“

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