+
In der Hauptstadt London wollen Banken auch künftig Mitarbeiter aus den EU-Mitgliedstaaten einstellen können.

Brexit

Sanfter Austritt für Finanzmärkte

  • schließen

Die britische Regierung verspricht der Finanzindustrie einen sanften Ausstieg aus der europäischen Union. Zuletzt ließen Aussagen von Premier May und Außenminister Johnson Anderes vermuten.

Um die Folgekosten des Brexit für die Kapitalmärkte Europas und die eigene Finanzbranche möglichst gering zu halten, arbeitet Großbritannien auf einen „sanften und ordnungsgemäßen Übergang“ für die Zeit nach dem EU-Austritt hin. Dies versicherten Finanzminister Philip Hammond und Brexitminister David Davis bei einem Gespräch mit hochkarätigen Vertretern des Finanzzentrums City of London. Dazu sei allerdings eine Verhaltensänderung der konservativen Regierung nötig, teilte der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem, am Dienstag in Brüssel mit: „Was ich bisher gehört habe, ist unvereinbar mit ‚sanft‘ und ‚ordnungsgemäß‘.“

Bei den Akteuren am wichtigsten internationalen Finanzplatz der Welt hat sich erhebliche Unsicherheit über den zukünftigen Brexit-Kurs breitgemacht. Äußerungen von Premierministerin Theresa May legten einen sogenannten „harten“ Brexit nahe, also den kompletten Austritt aus dem EU-Binnenmarkt. Außenminister Boris Johnson verärgerte EU-Partner, darunter auch den niederländischen Finanzminister Dijsselbloem, mit widersprüchlichen Aussagen.

Dass nun der als EU-Freund geltende Hammond und der langjährige EU-Feind Davis gemeinsam in der City auftraten, gilt als versöhnliches Signal an die Branche, die im jüngsten Finanzjahr 11,5 Prozent zum gesamten britischen Steueraufkommen beitrug. Die Lobbyisten der Finanzindustrie, angeführt von Zentralbankchef Mark Carney, drängen auf eine mindestens zweijährige Übergangsregelung für die Zeit nach dem für 2019 ins Auge gefassten Austritt. Auch danach solle der Zugang zum Kontinent so offen bleiben wie möglich.

Schon ist beispielsweise die Rede von einer London-spezifischen Arbeitserlaubnis; diese würde den in der Hauptstadt tätigen Banken und Versicherungen ermöglichen, auch weiterhin Spezialisten anzuwerben, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Ärger besteht auch über die Weigerung der Regierung, seit langem auf der Insel ansässigen EU-Bürgern das dauerhafte Bleiberecht zu garantieren.

Untermauert werden die Warnungen vor einer unfreundlichen Trennung mit Horrorzahlen über den drohenden Arbeitsplatz- und Einflussverlust. Die bisher in London ansässige Bankenaufsichtsbehörde EBA dürfte in die Eurozone umziehen, als Bewerber sind bisher Dublin, Mailand und Paris aufgetreten. In Brüssel gibt es zudem Planspiele, das Clearing in Euro-Wertpapieren nicht mehr außerhalb der Eurozone zuzulassen. Einer Studie des Wirtschaftsprüfers EY zufolge würde dies binnen sieben Jahren 83 000 Jobs in der britischen Finanzindustrie direkt treffen, mit einem „erheblichen Dominoeffekt“ auf weitere bis zu 232 000 Arbeitsplätze.

Wilde Untergangsszenarien

Dabei hat die Unsicherheit rund um das EU-Referendum im vergangenen Juni schon bisher zum Pfund-Absturz, höherer Inflation, geringeren Steuereinnahmen und Konjunktur-Rückgang geführt. Die Zentralbank erwartet bis Ende 2017 einen Anstieg der Inflation auf rund 2,5 Prozent; zuletzt schnellte die Teuerungsrate von nahe Null auf 0,9 Prozent.

Der unabhängigen Budgetbehörde OBR zufolge wird die Wirtschaft bis 2020 durch die Brexit-Folgen um 2,4 Prozent langsamer wachsen als angenommen. Für 2017 erwartet etwa John Hawksworth, Chefökonom des Wirtschaftsprüfers PwC, einen Wachstumsrückgang auf 1,2 Prozent: „Statt eines kurzen, harten Schocks wird der Brexit-Effekt eher eine lange Bremsspur bewirken.“ Drastischer beschreibt der milliardenschwere Telefonhändler Charles Dunstone von Carphone Warehouse die Lage: „Wir sind aus dem 100. Stock gesprungen. Gerade haben wir den 50. Stock erreicht und sagen: Ist doch alles gar nicht so schlimm.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare