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Saab wird von chinesischen Firmen gekauft

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Reif für den Autofriedhof.
Reif für den Autofriedhof. © dpa

In Trollhättan hängt alles von Saab ab: Einst waren rund 10.000 Menschen bei dem Autobauer beschäftigt, doch die Pleite drohte. Jetzt übernimmt eine chinesische Firma die Kontrolle.

Von Hannes Gamillscheg und Angela Sommersberg

Auf der einstündigen Fahrt von Göteborg Richtung Norden fliegen Wälder und kleine rote Holzhäuser am Zugfenster vorbei. Auch in Trollhättan sind die Häuser bunt, mitten durch das 50.000 Einwohner zählende Städtchen fließt der Göta Älv. Neben dem Fluss verläuft die Fußgängerzone mit den üblichen Läden und einer Burgerbar. Aber auch, wenn es auf den ersten Blick so scheint – eine ganz normale schwedische Kleinstadt ist Trollhättan nicht. Denn hier ist Saab zu Hause.

Die schwedische Automarke hat aus der Stadt das gemacht, was sie heute ist. Das Unternehmen hat Arbeitsplätze geschaffen – in den Neunzigern waren es bis zu 10.000 Beschäftigte – und den lokalen Handel in Schwung gebracht. Der Autobauer hat vielen in Trollhättan ermöglicht Häuser zu bauen, ihre Familien zu ernähren. Der „Saab-Geist“ ist überall präsent. Jeder zweite fährt ein Auto dieser Marke. „Saab verleiht den Menschen in Trollhättan eine Identität“, glaubt Magnus Nordberg, Nachrichtenredakteur der lokalen Zeitung ttela.

Jetzt wankt diese Identität, denn Saab geht der Pleite entgegen. Seit April stehen die Bänder still, die Löhne bleiben aus, die Lieferanten klagen unbezahlte Rechnungen ein, der Konzern ist massiv überschuldet. Fieberhaft sucht der Holländer Victor Muller, der die Kultmarke kaufte, als General Motors die verlustbringende Tochter loswerden wollte, neue Geldgeber. Doch bisher hat sich jeder seiner Rettungspläne als unrealistisch erwiesen. Guy Lofalk, der Insolvenzverwalter, hat beantragt, das Sanierungsprogramm abzubrechen: „Es gibt kein Geld mehr fürs Weitermachen.“ Am Freitag hat nun das zuständige Gericht in Vänersborg entschieden: Das chinesische Unternehmen Youngman und Pang Da bieten Saab eine letzte Chance. Der für Saab zuständige Zwangsverwalter bestätigte die Übernahme am Freitag in einem Schreiben an das zuständige Gericht im schwedischen Vänersborg. Er zog seinen Antrag auf Abbruch des Sanierungsverfahrens zurück.

Pang Da und Youngman zahlen für 100 Prozent der Aktien des Unternehmens 100 Millionen Euro, teilte der Saab-Eigentümer Swedish Automobile am Freitag mit. Erst vor wenigen Tagen hatte Swedish Automobile einen Verkauf an die zwei chinesischen Partner noch abgelehnt.

Swedish Automobile hatte Saab erst Anfang 2010 vom US-Autokonzern General Motors (GM) gekauft und damit vor dem Bankrott bewahrt. GM bekam damals 74 Millionen Dollar (rund 53 Millionen Euro) in bar.

Acht von neun Leben verbraucht

„Saab ist wie eine Katze mit neun Leben, acht davon haben wir verbraucht, aber eines ist ja noch übrig“, sagt Fredrik Almqvist. Seit 16 Jahren arbeitet er für Saab, gleich nach der Schule ist er in die Fabrik gekommen, er kennt keinen anderen Arbeitgeber. „Hier bei Saab haben wir einen tollen Teamgeist. Wir halten zusammen“, sagt er. Seit April geht Almqvist nur noch jeden Dienstag arbeiten, Autos werden nicht mehr produziert. Weil sein Lohn seit Monaten fast immer verspätet kommt, musste er sich Geld bei der Bank leihen. „Irgendwie muss ich die Miete ja zahlen.“

Almqvist lebt sparsam. Finanziell halte er höchstens aber noch einen Monat durch, fürchtet er. Trotzdem will er warten. „Irgendwie wird sich die Situation lösen. Wir brauchen einfach nur Geld, um neue Produkte entwickeln zu können.“ Natürlich weiß Almqvist, dass es nicht gut aussieht. Aber er ist Optimist. „Ich versuche, die Möglichkeiten zu sehen, nicht die Probleme“, sagt er. Als eine Art Beschäftigungstherapie, schraubt Almqvist an seinen beiden Autos, Saabs natürlich, oder fährt mit seinem roten 900er-Modell durch die Gegend.

Im Internet hat er mal nach neuen Jobs geschaut, aber es sieht nicht gut aus. Die Region hat mit die höchste Arbeitslosigkeit in ganz Schweden.

So wie Almqvist geht es vielen Beschäftigten und ihren Familien. „Man lernt, mit der Situation zu leben“, sagt die 37-jährige Åsa, deren Partner bei Saab arbeitet. Auch er hat sich noch nicht überwinden können, einen neuen Job zu suchen – obwohl seine Aussichten nicht schlecht sind, denn Ingenieure werden auch in Schweden gesucht. Aus Trollhättan wegziehen will die junge Familie nicht.

Die Stadt versucht schon seit längerem, sich von Saab unabhängig zu machen. So werden die Autobahn und die Bahnstrecke nach Göteborg ausgebaut. „Damit wollen wir den Menschen das Pendeln erleichtern“, erklärt Kommunaldirektorin Annika Wennerblom. Man wolle die besten Voraussetzungen für neue Unternehmen schaffen. Volvo Aero, Hersteller von Flugzeugmotoren, hat sich schon einen Platz im Industriegebiet Stallbacka gesichert. Immerhin bringt das neue 2000 Arbeitsplätze.

Auch nahe des Göta Älv-Flusses, in der historischen Produktionsstätte von Saab, wächst langsam eine zukunftsträchtige Unternehmenskultur heran. Der Technikpark Innovatum betreut 40 Projekte und hilft, neue Firmen zu gründen. Das Projekt EAAM, das Elektromotoren entwickelt, begann vor einigen Jahren mit fünf Angestellten, mittlerweile sind es 50. Tore Helmersson, der Direktor von Innovatum, der selbst 20 Jahre in der Chefetage von Saab saß, glaubt an das Überleben des Autokonzerns: „Auch, wenn es zu einem Konkurs kommt, wird irgendwer die Firma aufkaufen und dort weiter Autos bauen. Schließlich ist Saab eine der modernsten Fabriken Europas.“

Neue Jobs in der Filmbranche

Der Wirtschaftshistoriker Jan Jörnmark teilt diesen Optimismus nicht. Er vergleicht Trollhättan mit Detroit: „Natürlich ist Saab längst tot. Die haben seit April keine Autos mehr produziert. Aber dieser Veränderungsprozess, in dem Dinge sterben und dafür neue entstehen, ist ganz normal.“

An die Kraft der Veränderung glaubt auch Annica Bergström. Irgendetwas Gutes werde schon kommen, selbst wenn Saab Pleite geht, sagt die 47-Jährige. Sie lebt vom Tourismus, im Sommer ist ihre Jugendherberge „Gula Villan“ ausgebucht. Nach Trollhättan kämen die Leute, um sich den Göta-Kanal mit seinen alten Schleusen anzuschauen, sagt sie. Sie kämen, weil der König einmal im Jahr komme, um hier Elche zu jagen. Und sie kämen, weil auch Hollywoodstar Nicole Kidman schon hier gewesen sei.

Das wiederum hat liegt daran, dass auf einem alten Produktionsgelände von Saab inzwischen Filme gedreht werden. „Film i Väst“, eine regionale Filmstiftung, fördert die Produktion von jährlich 25 Spielfilmen. Der Regisseur Lars von Trier hat hier fast all seine Filme gemacht, auch „Melancholia“, der derzeit in den Kinos läuft. 2500 Arbeitsplätze bringen die Film-, Fernseh- und Werbeproduktionen der Region. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass bei Saab zuletzt 3500 Mitarbeiter in der Fabrik standen.

Aber nicht die Arbeitsplätze seien das Wichtigste, sagt Tomas Eskilsson, Chef von „Film i Väst“. „Der Film gibt Trollhättan ein positives, leuchtendes, internationales Image.“ Von „Trollywood“ reden die Schweden schon.

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