Ryanair-Crew: Flugzeugführer sollen auf 20 Prozent Lohn verzichten.
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Ryanair-Crew: Flugzeugführer sollen auf 20 Prozent Lohn verzichten. 

Luftverkehr

Ryanair will Piloten loswerden

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Der irische Billigflieger droht mit Schließung deutscher Standorte. Hintergrund ist ein heftiger Streit über Gehaltskürzungen. Die Gewerkschaften setzen noch auf Gespräche.

Der Billigflieger Ryanair will Standorte hierzulande verlagern, Gehälter massiv kürzen und Stellen abbauen. Als erstes soll es den Flughafen Hahn in Rheinland-Pfalz treffen. Der Iren kündigten an, ihre Basis im Hunsrück zum 1. November zu schließen. Schon diese Woche sollen die ersten Kündigungen an Piloten und Flugbegleiter verschickt werden.

„Noch sind wir am verhandeln“, sagte Susana Ventura, Verdi-Gewerkschaftssekretärin, am Mittwoch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die Gespräche für die Konditionen der Flugbegleiter seien fortgeschritten, aber die Positionen beider Seiten noch weit voneinander entfernt. Das Management verlange Gehaltskürzungen von fünf bis zehn Prozent für fünf Jahre ohne Jobgarantie. Außerdem solle es kein Grundgehalt mehr geben. Die Flugbegleiter sollen nur noch bezahlt werden, wenn sie tatsächlich fliegen.

„Für das Unternehmen geht es um relativ geringe Summen, doch für die Betroffenen geht es um sehr viel“, sagt Ventura. Zahlreiche Kolleginnen hätten in den vergangenen Monaten schon massive Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, deshalb sei es umso schwerer, dauerhaft auf Geld zu verzichten. Eine Bezahlung nach der Zahl der Einsätze mache aktuell die Sache besonders prekär. Der Flugplan der Iren ist wegen Corona noch stark eingeschränkt.

Und es gehe nicht nur um Hahn, betont Ventura. Insgesamt sind laut Verdi aktuell bundesweit die Jobs von 250 Frauen und Männern bedroht, die in der Kabine arbeiten. Auch die Basen in Berlin (Tegel) und Weeze am Niederrhein sollen noch in diesem Jahr geschlossen werden. Das bedeutet, dass dort keine Flugzeuge mehr fest stationiert wären – die Crews kehren in Regel abends zu ihren Heimatflughäfen zurück. Auf den drei Airports würden zwar dann immer noch Jets des Konzerns landen, aber deutlich weniger als zuvor. Besonders Hahn und Weeze sind massiv von dem irischen Billigflieger abhängig, dessen hiesige Beschäftigte seit Jahresbeginn nicht mehr bei der Muttergesellschaft, sondern bei der Tochter Malta Air angestellt sind.

Die Lage ist eskaliert, weil eine knappe Mehrheit in der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) Gehaltskürzungen abgelehnt hat. Für 170 Flugzeugführer in Deutschland sollte es laut VC eine flexible Kurzarbeit, eine Vergütung lediglich für geleistete Flugstunden bei einem drastisch reduzierten Stundensatz und „bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung“ geben. Malta Air wollte eine Beschäftigungssicherung nur bis März 2021 gewährleisten. Die Einschnitte sollten aber bis 2024 gelten.

Nach Monaten der „sporadischen Gesprächen“ seien diese Forderungen als „nicht weiter verhandelbar“ dargestellt worden, so VC-Sprecher Janis Schmitt. Auch der Vorstand der Pilotengewerkschaft hat sich gegen eine solche Vereinbarung ausgesprochen, weil sie „sowohl den betroffenen Mitgliedern bei Malta Air als auch der gesamten Pilotenschaft deutschlandweit“ schaden werde – das Gehaltsniveau für die Leute im Cockpit wäre dauerhaft deutlich abgesenkt worden.

Appell der Airlines

Die Chefs mehrerer großer Fluggesellschaften – darunter die Lufthansa –
haben die US-Regierung und die EU-Kommission in einem gemeinsamen Brief aufgefordert, die Wiederaufnahme des Flugverkehrs zwischen den USA und Europa zu ermöglichen. Vorgeschlagen wird in dem Schreiben ein koordiniertes, gemeinsames Corona-Testprogramm. Auf Quarantänevorgaben oder Einreise-Beschränkungen soll dagegen verzichtet werden.

Ryanair erklärte, der Sparplan sehe 20 Prozent weniger Gehalt für vier Jahre vor. Mehr als 70 Prozent der Flugzeugführer im Konzern hätten bereits einer Regelung zugestimmt. Mit ihrem Nein habe die VC nun für Jobstreichungen und Basisschließungen gestimmt, dabei hätte sie alle Jobs sichern können, so Personalchef Shane Carty.

Ausbildung in Hahn

In Irland wurden die Gewerkschaften umgangen, mit den Piloten wurden individuelle Vereinbarungen getroffen. In Österreich bei der Tochter Laudamotion haben Piloten und Flugbegleiter Einbußen erst akzeptiert, als ihnen mit der Schließung des Standorts Wien gedroht wurde.

Hierzulande soll die Lauda-Basis in Stuttgart dicht gemacht werden, Beschäftigte haben deutlich verschlechterte Arbeitsbedingungen abgelehnt. Auch am Düsseldorfer Flughafen wird Angestellten mit der Kündigung gedroht, wenn sie Lohnkürzungen nicht akzeptieren. Gewerkschafter hoffen in beiden Fällen, dass der Gesprächsfaden wieder aufgegriffen wird. „Aber im Moment sieht es nicht danach aus“, räumt Ventura ein.

Für viele Beobachter ist klar, dass es Ryanair nicht nur darum geht, die Corona-Folgen zu bewältigen, sondern die Personalkosten dauerhaft für die Zeit nach der Pandemie zu drücken. So weisen Gewerkschafter darauf hin, dass derzeit im Trainingszentrum in Hahn schon neue Flugbegleiter bereits ausgebildet würden. Und VC-Sprecher Schmitt hält für bemerkenswert: „Neueinstellungen will sich der Arbeitgeber in dieser Gemengelage zu nochmals herabgesetzten Bedingungen offenhalten.“ Während Malta Air laut Medienberichten in einem internen Schreiben „bei weiteren Standorten einen erheblichen Personalüberhang“ sieht.

Die Iren sind derzeit an 21 meist kleineren Flughäfen hierzulande aktiv. Doch die VC verweist darauf, dass Ryanair angekündigt hat, seine Chancen auf dem deutschen Markt wahrzunehmen und bei der Vergabe von Start- und Landerechten in Frankfurt und München mitbieten wolle. Die Lufthansa muss in Zuge des staatlichen Rettungspakets an den beiden größten deutschen Airports jeweils 24 Slots abgeben, die es erlauben, dort insgesamt acht Maschinen zu stationieren. Der Billigflieger hatte sich schon vor der Krise stärker auf zentrale Flughäfen konzentriert.

Um die Personalkosten wird bei Ryanair so hart gekämpft, weil dies der mit weitem Abstand wichtigste Faktor ist, um billige Tickets anbieten zu können. Denn alle Airlines fliegen mit den gleichen Jets und dem gleichen Kerosin. Die geringen Kosten der Iren erhöhen die Profitabilität.

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