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Russlands Wirtschaft in der Krise

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Von: Stefan Scholl

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Die russische Zentralbank muss die Leitzinsen von 9,5 Prozent auf 20 Prozent anheben.
Die russische Zentralbank muss die Leitzinsen von 9,5 Prozent auf 20 Prozent anheben. © picture alliance / dpa

Russland hat die Hälfte seiner Währungsreserven verloren, die Luftfahrt steht still, die IT-Branche flieht ins Ausland, der Dollar wird schwarz gehandelt. Ein „Staatsbankrott“ hängt wieder in der Luft.

Die Kollegen im Großraumbüro würden weniger arbeiten, erklärt Andrei Iwanowitsch (Name von der Redaktion geändert). „Sie reden. Aber das Hauptthema sind nicht die Kämpfe in der Ukraine, es geht ums Einkaufen: Welche Ersatzteile sollte man für sein Auto kaufen, solange sie noch bezahlbar sind?“ Der Umsatz sei allein vergangene Woche um 60 Prozent gefallen, Andrei ist Verkaufsmanager einer Moskauer Handelsfirma, die Gastechnik für Haus- und Firmenanschlüsse vertreibt. „Wir schreiben jetzt nur noch Rechnungen mit gültiger Zahlungsfrist von einem Tag. Weil sich unsere Einkaufspreise inzwischen täglich erhöhen.“ Wer die Rechnung nicht am ersten Tag begleiche, müsse danach schon mehr bezahlen.

Nicht nur Russlands Gastechnik-Händler müssen Tag für Tag neu kalkulieren. Drei Wochen, nachdem in der Ukraine die ersten russischen Raketen einschlugen, kracht es auch in der Wirtschaft. „Russlands Ökonomie durchlebt Schwierigkeiten“, beschwichtigte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag. Die oppositionelle und inzwischen in Russland blockierte Internetzeitung meduza.io aber befürchtet das Schlimmste: „Wenn die Sanktionen heute enden, wird der Neuaufbau Jahrzehnte dauern.“

Jedenfalls war die „Spezialmilitäroperation“ gegen die Ukraine, die Wladimir Putin am 24. Februar ausrief, für die vaterländische Geschäftswelt ein überraschender Hieb ins Gesicht. Dem Rubel brach sie die Nase, er verlor in wenigen Tagen ein Drittel seines Wertes. Dann setzte es mehrere Serien westlicher Sanktionen, keineswegs geballte Faustschläge, eher Ohrfeigen, die Moskauer Investmentbanker zunächst als „vegetarisch“ belächelten.

Aber am 28. Februar froren EU und USA die für sie erreichbaren russischen Gold- und Devisenreserven ein. Dadurch verlor Russland den Zugriff auf 300 Milliarden seiner etwa 640 Milliarden Dollar Finanzreserven, wie Vizepremier Anton Siluanow bekannt gab. Ein Leberhaken, der die russische Volkswirtschaft offenbar sehr unvorbereitet traf. Die Zentralbank musste die Leitzinsen von 9,5 Prozent auf 20 Prozent anheben, die Preise für Importgüter waren nicht mehr zu kontrollieren, die Rohstoffexporte gerieten ins Stolpern. Der Kauf von Hartwährung wurde – wie einst in der Sowjetunion – vorläufig verboten. Russlands Marktwirtschaft scheint stehend k.o.

Am Dienstag erließ die EU neue Sanktionen, die unter anderem Investitionen und Technologietransfers in die russische Rohstoffindustrie verbieten, außerdem den Import bestimmter Stahlprodukte sowie Luxusgüter. Ratingagenturen wird es untersagt, Russland und seine Unternehmen zu bewerten. Das mag die Nerven der russischen Unternehmerschaft vielleicht sogar schonen, die Agenturen S&P sowie Fitch und Moody’s hatten Russlands Investitonsrating zuletzt als „Abfall“ und „vor dem Bankrott“ eingestuft. JPMorgan und Goldman Sachs prophezeien Russland ein Minuswachstum von minus sieben Prozent, Bloomberg Economics befürchtet bis zu minus 14Prozent, russische Unternehmer reden gar von minus 20 Prozent.

Ganze Wirtschaftszweige drohen zu verschwinden. IT-Fachleute und andere kreative Köpfe verlassen Russland in Scharen. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung Kommersant drängen auch 30 Prozent der vergleichsweise patriotischen Sicherheitssoftwareproduzenten ins Ausland. Die Plattform Immigram, die Auslandsumzüge für russische Unternehmen organisiert, meldet eine Verzehnfachung der Anfragen. Obwohl Wladimir Putin hastig alle IT-Spezialist:innen vom Wehrdienst freigestellt hat, reisen komplette Belegschaften nach Armenien, Georgien und Kasachstan aus. Von dort können sie Geschäfts- oder Arbeitsvisen für Europa und die USA beantragen.

Plötzlich hängt wieder ein eiserner Vorhang über Russland. Die Sperrung des westlichen Luftraums für vaterländische Fluglinien macht den Großteil der Auslandsflüge unrentabel. Von etwa 980 Passagiermaschinen der zivilen Luftfahrt Russlands sind außerdem 531 von ausländischen Firmen geleast, wenn sie auf ausländischen Flughäfen landen, droht ihnen die Beschlagnahme. Auch die Lieferung von Flugzeugersatzteilen ist verboten. Bleiben nach Ansicht von Brancheninsidern fast nur Inlandsflüge, Ersatzteilschmuggel oder die „Kannibalisierung“ des Flugzeugparks: die einen Jets mit Bauteilen der anderen reparieren.

Russische Frachten bleiben hängen. „Der Markt hat einfach Angst, russisches Öl zu kaufen“, sagt ein Händler gegenüber forbes.ru. Versicherer, Reeder und Häfen wollten sich nicht mit Russland einlassen, die Banken seien gelähmt. Das gelte auch für Kohle- oder Stahlexporte. „Es gibt zu viele Unbekannte, heute werden Risiken abgewogen, morgen schon wieder ganz neue.“ Ein deutscher Hochtechnologie-Importeur sagt, die letzte Lieferung sei gestern rausgegangen. „Das Russlandgeschäft ist tot.“

Andrei Iwanowitsch klagt, jedes italienische Ventil in einem Gasfilter sei jetzt ein Unsicherheitsfaktor. „Niemand weiß, wie viel Rubel es am nächsten Tag kostet, oder ob es nicht auf der Sanktionsliste steht. Wir suchen nach gleichwertigen chinesischen Alternativen. Aber das dauert.“

China soll den Westen jetzt sowohl als Rohstoffkunde sowie als Ersatzteil- und Hightech-Lieferant ersetzen. Und weil die meisten westlichen Automobilfabriken in Russland dicht gemacht haben, auch als PKW-Lieferant. Aber auch die chinesische Automarke Haval hat gestern ihre Preise um 40 bis 50 Prozent erhöht. Haval produziert in Tula und hat die Fertigung wegen Bauteilmangels um ein Drittel gedrosselt.

Auf dem Metro-Bahnsteig „Lenin-Bibliothek“ wimmelt es von Menschen, plötzlich lacht eine junge Frauenstimme laut auf und ruft: „Staatsbankrott!“ Das Lachen wirkt abwehrend. Aber Russlands mögliche Zahlungsunfähigkeit und ihre Folgen werden nicht mehr nur in Fachkreisen diskutiert. Offizielle schließen sie kategorisch aus, Optimisten hoffen auf ein Szenario wie 1998, als Staatsbankrott und Rubelsturz die Preise und Kosten in Russland so drückten, dass es bald neue Investitionen hagelte.

Allerdings galt Russland damals als reformwillige Jungdemokratie. Das Image ist gründlich ruiniert. Und der Wirtschaftsexperte Wladislaw Inosemzow prophezeit eine Krise unter den Bedingungen eines zumindest latenten Ausnahmezustands und repressiver Regierungsmethoden, die kaum ein neues Wirtschaftswachstum zulassen würden. „Die politische Natur der Krise ermöglicht einen Ausweg nur im Falle eines Machtwechsels.“ Diese Krise könnte noch lange dauern.

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