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Russlands Exporte: Moskaus Kasse klingelt

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Von: Joachim Wille

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Der Hafen Haydarpasa ist der Südeingang zum Bosporus. Hier in Istanbul stapeln sich Container, von denen viele für Russland bestimmt sind.
Der Hafen Haydarpasa ist der Südeingang zum Bosporus. Hier in Istanbul stapeln sich Container, von denen viele für Russland bestimmt sind oder von dort kommen. © imago images/GocherImagery

Russland exportiert weniger fossile Energien, verdient aber mehr. Das zeigt der Bericht einer Forschungsorganisation.

Russland verkauft heute deutlich weniger Erdöl, Erdgas und Kohle als vor Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine am 24. Februar. Trotzdem sind seine Einnahmen aus fossilen Energieexporten sogar gewachsen – auf seither 158 Milliarden Euro. Die Einnahmen übersteigen damit die Ausgaben des Kreml für den Krieg, die auf 100 Milliarden geschätzt werden. Hauptgrund sind die stark angestiegenen Preise für die Energien. Hinzu kommt, dass Moskau die verminderten Kohle- und Erdöl-Lieferungen in die EU teils durch Umleitung in andere Länder wie Indien ausgleichen konnte.

Deutschland war nach einem Bericht der unabhängigen finnischen Forschungsorganisation „Crea“ (Centre for Research on Energy and Clean Air) mit Ausgaben von 19 Milliarden Euro der zweitgrößte Einkäufer von russischer Energie weltweit, nach China mit umgerechnet 35 Milliarden Euro und vor den Niederlanden mit 11,1 Milliarden. Auch andere EU-Länder hängen weiter stark von Importen aus Russland ab, so Polen (7,4 Milliarden), Frankreich (5,5), Bulgarien (5,2), Belgien (4,5) und Spanien (3,3). Weitere Großabnehmer sind die Türkei mit elf und Indien mit sieben Milliarden Euro.

Der Report erfasst die russischen Öl-, Gas- und Kohleexporte aus dem halben Jahr seit Kriegsbeginn bis 24. August. Crea schätzt, dass die Einnahmen in dieser Zeit umgerechnet rund 43 Milliarden Euro zum russischen Staatshaushalt beitrugen.

Indien verkauft Öl weiter

Russlands Energie-Exporte gingen laut Crea seit Beginn der Invasion um 18 Prozent zurück, vor allem ausgelöst durch das Minus bei den Lieferungen in die EU von immerhin 35 Prozent. Besonders wirksam war danach das Einfuhrverbot der EU für Kohle, da es Russland nicht gelang, andere Abnehmer für die bisher dorthin gelieferten Mengen zu finden. Weniger stark sank bisher sein Ölabsatz. Das hat zwei Gründe: Erstens sind die Exporte in die EU bisher nur um 17 Prozent gesunken (Werte für Juli/August), zweitens stieg der Absatz in andere Länder, darunter vor allem Indien, China, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und die Türkei. Crea schätzt allerdings, dass die Einfuhren in die EU um 90 Prozent sinken werden, wenn das beschlossene Importverbot Ende 2022 in Kraft tritt.

„Die weltweit steigenden Preise für fossile Brennstoffe bedeuten, dass Russland immer noch Rekorderlöse erzielt, obwohl die Ausfuhrmengen zurückgegangen sind“, sagte Lauri Myllyvirta von Crea, einer der Autoren des Berichts. Um dies zu ändern, sollten Regierungen Zölle oder Preisobergrenzen für Importe aus Russland einführen und Energiesparmaßnahmen beschleunigen, rät er. Die G-7-Länder haben angekündigt, einen Preisdeckel für russisches Öl weltweit durchsetzen zu wollen. Ob das gelingt, ist offen. Der Crea-Experte sagte weiter, ein besonderer Schwerpunkt solle die Verringerung des Öl- und Gasverbrauchs sein, indem die Elektrifizierung durch E-Autos und Wärmepumpen mit Ökostrom beschleunigt wird.

Außerdem muss laut der Forschungsorganisation verhindert werden, dass Boykotte russischen Öls weiterhin über indirekte Lieferungen umgangen werden. Crea verweist darauf, dass indischen Raffinerien, die große Abnehmer von russischem Öl sind, ihre Produkte auch die USA und Australien weiterverkauften. Die USA verkündeten einen Boykott russischen Erdöls bereits im März.

Mathias Koch von Energie-Thinktank E3G kommentierte den neuen Report so: „Die immer noch hohen Zahlungen an Russland verdeutlichen, wie abhängig Deutschland weiterhin von Importen fossiler Brennstoffe ist.“ Der einzige Weg, diese hohen Kosten künftig zu vermeiden, sei der Ausbau der erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz in Haushalten und Industrie. „Dafür sollte die Bundesregierung mehr Mittel bereitstellen.“ Der Fokus müsse darauf liegen, weniger Energie zu verbrauchen. „Gelingt es uns das nicht, zahlen wir am Ende nicht nur die horrenden Preise für fossile Energieträger, sondern auch die noch viel schlimmeren Kosten für die Bewältigung der Klimafolgen“, warnte Koch. 

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