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US-Investor Michael Calvey.

Russland

Mieses Investitionsklima

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In Russland läuft ein merkwürdiges Strafverfahren gegen Michael Calvey, den letzten großen US-Beteiligungsinvestor im Land. Als wollten die Behörden den Markt für ausländische Geldgeber endgültig begraben.

Auch Preise können kriminell werden. Da gibt es in Russland die Bank „Wostotschnaja“, die mehrheitlich der amerikanischen Beteiligungsfirma Baring Vostok gehört. Die Bank hatte Außenstände von umgerechnet knapp 34 Millionen Euro bei einem anderem Unternehmen von Baring Vostok namens PKB. Um diese Schulden zu begleichen, verkaufte Michael Calvey, der Chef von Baring Vostok, im Februar 2017 der Bank Wostotschnaja knapp 60 Prozent der Aktien der PKB-Tochterfirma IFTG. Die 34 Millionen-Schuld sah er damit als bezahlt an.

Der Preis aber erboste einen Geschäftspartner: Artjom Awetisjan, dem 32 Prozent der Bank Wostotschnaja gehören. Er schaltete den russischen Inlandsgeheimdienst FSB ein. Und der hat Mitte dieses Monats den US-Bürger Calvey sowie fünf seiner Manager festgenommen; jetzt läuft ein Strafverfahren wegen Betrugs gegen sie. Die russische Finanzbranche aber staunt über die Logik der Ermittlungsorgane. Laut FSB hat Calvey seinen Partner Awetisjan gründlich übers Ohr gehauen, FSB Ermittler schätzen den Wert der überschriebenen IFTG-Anteile umgerechnet nur auf 8100 Euro. Allerdings berichtet das Portal Openmedia unter Berufung auf Rechenschaftsberichte der Firma, IFTG habe 2016 einen Jahresreingewinn von 22,7 Millionen Dollar gemacht und im März 2017 für 56 Millionen Dollar Anteile der Ölfirma Russneft verkauft. Was dafür spricht, dass 60 Prozent der IFTG-Aktien tatsächlich eher 34 Millionen Euro als 8100 Euro wert sind.

Preisfindung keine Sache von Strafrichtern

Aber nach Ansicht von Experten wäre statt der FSB-Abteilung „K“ für finanzielle Spionageabwehr sowieso ein Arbitragegericht für die Streitigkeiten zwischen Carvey und Awetisjan zuständig. „Preise sind immer subjektiv“, sagt Iwan Rodionow, Professor der Moskauer Hochschule für Wirtschaft, der Frankfurter Rundschau. Und Preisfindung sei keinesfalls die Sache von Strafrichtern. „Die wahren Gründe für dieses Verfahren werden wir vielleicht nie erfahren“, meint er.

In Moskau wird spekuliert, ob der FSB mit dem Skalp des Amerikaners ihr Ansehen im Kreml aufpolieren will. Schon seit Jahren liefert er sich mit Ermittlungskomitee, Staatsanwaltschaft und Polizei einen erbitterten Konkurrenzkampf um die Gunst der Staatsführung.

Ob Calvey irgendwann in den vergangenen Wochen eine andere Dummheit begangen hat? Oder ob er einfach Opfer des Kalten Krieges zwischen Russland und den USA geworden ist? Mehrere prominente Russen sitzen in den USA ein, der Kongress in Washington brütet über neuen Sanktionen gegen Russland. Ein in Moskau verhafteter Amerikaner passte da nur ins Bild.

Wladimir Putin aber beteuerte erst kürzlich, ehrliche Geschäftsleute dürften nicht länger ständig von Strafverfahren bedroht werden. Solchen Worten glaubt niemand mehr so recht, und auch nicht daran, dass der Kreml sich noch ernsthaft um das russische Investitionsklima sorgt. „Das kann inzwischen nicht mehr tiefer fallen“, sagt Rodionow. Bezeichnend, dass weder der Rubel noch der russische Aktienindex nach Calveys Verhaftung nachgaben.

„Unser Investitionsklima – das sind unsere Sicherheitsorgane“, schreibt die Menschenrechtlerin Olga Romanowa. Russlands Wirtschaft hat sich längst an willkürliche Schauprozesse gegen Geschäftsleute gewöhnt. Und daran, dass man angesichts hoher Ölpreise auch ohne ausländisches Kapital über die Runden kommt.

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