Russland muss inzwischen große Teile seiner Nationaldelikatesse Kaviar importieren.
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Russland muss inzwischen große Teile seiner Nationaldelikatesse Kaviar importieren.

Import-Verbot

Russen essen Kaviar aus Italien

  • Regina Kerner
    vonRegina Kerner
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Wladimir Putin lässt westliche Lebensmittel vernichten – mit Ausnahme edler Störeier, die aus Italien importiert werden. Überraschenderweise ist das Land südlich der Alpen Europas größter Kaviarproduzent.

Während Präsident Wladimir Putin tonnenweise westliche Lebensmittel vernichten lässt und das Importverbot für Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse ausweitet, machen Stör-Farmen in Italien weiter gute Geschäfte mit Russland. Denn ein Produkt steht nicht auf Putins schwarzer Liste: Kaviar. Und überraschenderweise ist das Land südlich der Alpen Europas größter Kaviarproduzent und der zweitgrößte weltweit nach China.

„Es klingt unglaublich“, sagt selbst Lelio Mondella, der Geschäftsführer von Agroittica Lombardo SPA: „Wir exportieren Kaviar nach Russland“. Früher sei es umgekehrt gewesen. Aber seit wild lebender Stör im Kaspischen Meer wegen Überfischung vom Aussterben bedroht ist und nicht mehr gefangen werden darf, muss Russland einen großen Teil seiner National-Delikatesse aus dem Ausland importieren.

Die Firma Agroittica in Calvisano, 130 Kilometer östlich von Mailand unweit des Gardasees gelegen, ist Italiens größte Störzucht und liefert seit 2012 die begehrten Eier nach Russland. Weil reiche Russen auch während des seit einem Jahr geltenden Importverbots für westliche Produkte nicht auf Kaviar verzichten wollen, macht Putin eine Ausnahme.

„Wir haben 2014 vier Tonnen Kaviar nach Russland verkauft und hoffen, den Absatz dieses Jahr auf fünf Tonnen zu steigern“, sagte Agroittica-Verkaufsleiter Stefano Bottoli einer Nachrichtenagentur. Nur im vergangenen Winter sei das Geschäft vorübergehend leicht zurückgegangen, wegen der Währungsschwäche des Rubels. „Aber das lag an der fehlenden Kaufkraft, nicht an den Sanktionen.“ Andere Produkte, wie etwa geräucherten Stör oder Lachs, könne die Fischfarm dagegen nicht mehr nach Russland liefern.

Die Störeier aus Calvisano werden normalerweise in goldenen Döschen mit schwarzem Etikett und der Aufschrift „Calvisius, Caviar Tradition Made in Italy“ verkauft. Für den russischen Markt musste der Markenname geändert werden, auch das Herkunftsland Italien darf nicht auftauchen. Agroittica-Manager Mondella hat damit kein Problem. „Die Russen wollen russischen Kaviar essen. Ich verstehe das“, sagt er. „Wer in Italien würde Mozzarella aus Russland kaufen?“

25 bis 30 Tonnen Zuchtkaviar pro Jahr

Agroittica produziert 25 bis 30 Tonnen Zuchtkaviar pro Jahr. 60 000 Störe werden dafür in künstlichen Teichen mit einer Fläche von 60 Hektar gezüchtet. Stör-Weibchen brauchen zwölf bis 15 Jahre, bis sie Rogen mit Eiern produzieren, erklärt Mondella. Beim Beluga-Stör sind es sogar 20 Jahre. Deshalb ist Kaviar, also der gereinigte und gesalzene Rogen, so teuer. Zehn-Gramm-Döschen des Calvisius-Kaviars kosten je nach Qualität zwischen 20 und 80 Euro. Das teuerste Produkt der italienischen Firma ist eine 1,8-Kilogramm-Dose mit Beluga-Kaviar für 14 000 Euro.

Agroittica beliefert Fluggesellschaften für deren 1. Klasse-Service, Luxushotels und reiche Kunden in Russland, Europa und den USA. „Die Russen lieben geschmacklich sehr kräftigen, oder aber sehr zarten Kaviar“, erklärt Verkaufsleiter Bottoli. „Wir verkaufen ihnen vor allem den zarten vom weißen Stör, der die beste Qualität hat.“

Dass ausgerechnet in Calvisano Störe gezüchtet werden, hat mit einem nahe gelegenen Stahlwerk zu tun. Ende der 70er Jahre suchte ein Geschäftsmann aus Brescia nach einer Möglichkeit, die Wärme des Kühlwassers zu nutzen. Eine Fischfarm entstand. Ende der 90er Jahre begann man mit der Zucht weißer Pazifik-Störe. Das erwärmte Wasser, das aus den Quellen der Region stammt, ist ein idealer Lebensraum für sie.

Kaviar hat in Italien durchaus Tradition. Störe lebten früher auch in einigen Flüssen Norditaliens. Im 16. Jahrhundert gab es Produktionsstätten in der Nähe von Ferrara, die an die Dogen von Venedig lieferten.

Agroittica-Manager Mondella erzählt gern die Anekdote, wie ein russischer Bekannter ihm einmal bei einem Abendessen auf einer Yacht vor Sardiniens Costa Smeralda „einen großartigen russischen Kaviar“ angeboten habe. Er habe die Dose angehoben und die Seriennummer gesucht. Es sei ein Kaviar aus Calvisano gewesen.

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