+
Maike Bruhn studies with her son Rasmus at home during the spread of coronavirus disease (COVID-19) in Berlin, Germany, March 18, 2020. REUTERS/

Arbeitswelt

Von 100 runter auf Null

Die Coronakrise stürzt Beschäftigte in Existenznöte. Arbeitsminister Hubertus Heil kündigt Gesetze gegen Lohnlücken an.

Am Dienstag war einfach Schluss. Von jetzt auf gleich. Gut 40 000 Portionen Essen haben Lars Feldmann und seine Kollegen bei einem Berliner Caterer noch am Montag gekocht. Tags drauf blieb die Großküche kalt. Schulen und Kitas sind dicht, die Kinder essen nun zu Hause. Lediglich ein paar Hundert Mahlzeiten für die Kinder von Polizisten, Ärzten und Pflegepersonal, die einen Betreuungsplatz in der Notversorgung haben, sind übrig geblieben. Ein Witz, im Vergleich zu den Mengen, die der Betrieb sonst produziert.

Feldmanns Chef hat nahezu die gesamte Belegschaft in Kurzarbeit geschickt. Auf unbestimmte Zeit. „Eine solche Situation habe ich in meinem Berufsleben noch nicht erlebt“, sagt der gelernte Koch, der als Küchenchef arbeitet und seinen echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Es ist gespenstisch“.

Eine Krise wie die durch den Corona-Ausbruch hat die deutsche Wirtschaft noch nicht erlebt. Die Politik, die sonst alles dafür tut, die Konjunktur am Laufen zu halten, tritt mit voller Kraft aufs Bremspedal. Von hundert auf null – in weniger als einer Woche. Gesundheit geht vor.

Für Küchenchef Feldmann heißt das, dass er nun mit seiner Familie zu Hause sitzt. Immerhin ist die Kinderbetreuung damit kein Problem, wohl aber die Finanzen. Feldmann hat sich informiert, was Kurzarbeitergeld für ihn bedeutet. 67 Prozent seines Nettolohns bekommt er nun – weil er Kinder hat. Bei Kinderlosen sind es 60 Prozent. „Das sind schon harte Einschnitte“, sagt der Familienvater. Alle anderen Kosten laufen ja weiter. Ausgezahlt wird die Lohnersatzleistung über die Firma, die die Aufwendungen von der Bundesagentur für Arbeit erstattet bekommt.

Kurzarbeit – aus Sicht der Politik ist das so etwas wie eine Wunderwaffe. Ohne dieses Instrument, davon sind sie im Berliner Regierungsviertel fest überzeugt, wäre Deutschland niemals so unbeschadet durch die Finanzkrise 2008/2009 gekommen. Ziel von Kurzarbeit ist es, Arbeitsplätze zu erhalten, damit Unternehmen nach der Krise wieder durchstarten können.

Die vermeintliche Wunderwaffe hat allerdings einen Haken: Sie hilft nur Menschen mit einem sozialversicherungspflichtigen Job. Freiberufler, freischaffende Künstler und Selbstständige haben keinen Anspruch auf die Leistung. Sie alle trifft die Krise umso härter.

Alexander Semrow etwa, der als Tonmeister in Berlin arbeitet, fragt sich inzwischen, wie er das Jahr überstehen soll. Bis in den Juni hinein hat er sämtliche Aufträge für Beschallung, Aufnahmen und Veranstaltungen verloren. „Rund 20 000 Euro Umsatz sind schon weg“, schätzt der 43-Jährige. Und die Kosten für Studiomiete sowie private Kranken- und Rentenversicherung laufen weiter. Semrow hat den Taschenrechner ausgepackt und nachgerechnet. „Zwei bis drei Monate kann ich überbrücken“, sagt er. „Danach wird es eng“. Ein größere Investition in die Technik hat er fürs Erste auf Eis gelegt. „Macht ja in dieser Lage keinen Sinn.“

Semrow weist darauf hin, dass die von der Regierung angebotenen Kredite ihm wenig nützen. „Die Einnahmen, die mir jetzt entgehen, kann ich ja nicht mal eben so nachverdienen, wenn die Aufträge wieder da sind“, sagt Semrow. Als Soloselbstständiger ist Zeit der limitierende Faktor.

Womöglich hilft die Berliner Landesregierung Menschen wie ihm aus der Patsche. Laut „Tagesspiegel“ prüft die ein Zuschussprogramm für alle Solo-Selbstständigen in der Hauptstadt. Angeblich sollen Betroffene schnell und unbürokratisch mit jeweils 15 000 Euro unterstützt werden. In anderen Bundesländern gibt es ähnliche Überlegungen. Sicher oder gar offiziell ist allerdings nichts. „Klingt bestenfalls wie eine Beruhigungspille“, findet Semrow.

Andere träumen davon, die Gelegenheit zu nutzen, um ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. „Diese Krise führt uns vor Augen, wie wichtig universelle Lösungen sind. Das Grundeinkommen wäre die konsequenteste Lösung“, sagte Linken-Chefin Katja Kipping auf Anfrage. Das Mindeste sei ein Pandemie-Überbrückungsgeld fürs Selbstständige und Menschen, deren Einkommen durch die Krise deutlich zurückgehen.

Davon würden dann auch jene profitieren, die bislang komplett durchs Raster fallen: Gelegenheitsjobber und Aushilfen. Studentin Lisa Meyer etwa arbeitet auf 450-Euro-Basis in einem Göttinger Café. Gerade hat ihr Arbeitgeber angekündigt, vorerst zu schließen. Zwar ist Kurzarbeit beantragt, Meyer wird davon aber nicht profitieren. Theoretisch müsste der Chef sie weiterbezahlen, er könnte allerdings das Arbeitsverhältnis schnell beenden. „Ich habe nur einen Monat Kündigungsfrist“, sagt die 24-Jährige. Sie hofft, dass das Schlimmste im Mai vorbei ist.

Es kann allerdings auch sein, dass es dann erst so richtig losgeht. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) jedenfalls trifft gerade Vorkehrungen für eine längere Krise. Der Minister sagte am Mittwoch nach einem Spitzentreffen mit Arbeitgebern und Gewerkschaften zu, dass Lohnlücken beim Kurzarbeitergeld und „unverhältnismäßige Lohneinbrüche“ bei Arbeitsausfall wegen Kinderbetreuung vermieden werden sollen. „Wir werden dazu Gesetze machen“, versprach Heil. Es gehe darum, den Eltern ein Signal zu geben, dass sie in dieser Situation nicht mit unverhältnismäßigen Lohneinbußen zu rechnen hätten.

Wenigstens eine gute Nachricht an diesem Tag.

Von unseren Korrespondenten

Finanzen: Olaf Scholz plant trotz Coronakrise für Haushalt 2021 vorerst mit schwarzer Null

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare