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Millionäre

Roter Teppich für Reiche

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82.000 Millionäre verlegten im vergangenen Jahr ihren Wohnsitz in ein anderes Land.

Robert Frank, auch in Deutschland durch sein Buch „Richistan“ (Fischer-Taschenbuch) bekannt als Kenner der Welt der Superreichen, lenkt in einem Beitrag für die „New York Times“ die Aufmerksamkeit auf die 82 000 Millionäre, die im vergangenen Jahr ihren Wohnsitz in ein anderes Land verlegten. Dass während das Bismarck-Reich die Sozialdemokraten als „vaterlandslose Gesellen“ beschimpfte, die es beherrschende Aristokratie quer durch Europa die „Vaterländer“ wechselte, dass die Inhaber großer Vermögen ebenso „internationalistisch“ gesinnt waren, ist nichts Neues. Aber wir übersehen gerne, dass das heute nicht anders geworden ist.

Der Nationalstaat war eine bürgerliche Erfindung. Eine lange Zeit war er die Sache des bürgerlichen Mittelstandes. Wer darüber oder darunter war, hatte wenig von ihm zu erwarten. Für immer mehr Staaten auf der Welt gilt das immer noch oder wieder. So gibt es massenweise neben der Flucht vor Tod und Zerstörung, vor Krieg und Bürgerkrieg auch Armutsemigration. Auch das ist nichts Neues. Deutsche haben die USA mit aufgebaut. Vor der Reaktion nach 1848 fliehende Demokraten, vor allem aber Millionen Arbeitslose, für die es zu Hause nichts mehr zu hoffen gab.

Aber zurück zu den 82 000 Millionären, die im vergangenen Jahr ihr Heimatland austauschten gegen ein anderes. Es gibt für sie keine Mauern, keine Einreisehindernisse. Auf sie wartet überall ein roter Teppich. Es gibt einen Wettbewerb um die Millionäre. Verschiedene Staaten bieten Aufenthaltsvisa gegen Geld an. 2012 führte zum Beispiel Australien eine „goldene Eintrittskarte“ ein. Gegen eine Zahlung von fünf Millionen australischen Dollar (3,6 Millionen Euro) werden Eintritt und Aufenthalt in Australien erheblich erleichtert. 1300 Ausländer, fast 90 Prozent davon Chinesen, haben so in den vergangenen vier Jahren die Staatskasse gefüllt. Keine schlechte Summe.

Robert Frank zitiert Reaz H. Jafri, einen der Partner der Kanzlei „Withers Worldwide“. Er sitzt in New York und hilft vermögenden Kunden bei der Suche nach einem geeigneten Vaterland. Er erklärt: „Die Reichen haben heute kein Vaterland. In ihren Augen hat ihr Erfolg nichts mit einem bestimmten Land zu tun. Er verdankt sich einzig und allein ihren Geschäftsstrategien. Ich bin überrascht davon, wie viele der sehr Reichen heute völlig mobil geworden sind.“ Diese 82 000 fliehen nicht vor Armut und Krieg. Für sie ist die Welt ein Shopping-Center. Sie lassen sich an dem Stand nieder, der ihren momentanen Bedürfnissen am meisten entgegenkommt. Es geht um die Sicherheit ihres Geldes, um Schulen für die Kinder und um den richtigen Lifestyle.

Eine Studie der im südafrikanischen Johannesburg sitzenden, die Märkte analysierenden Firma New World Wealth erklärt, dass 2016 die Zahl der ihren Wohnsitz wechselnden Millionäre um 28 Prozent gestiegen ist. Der Anstieg seit 2013 beträgt 60 Prozent. Mit einem Rückgang ist in der nächsten Zeit nicht zu rechnen. Der Chefanalyst von New World Wealth rechnet damit, dass es spätestens 2020 100 000 Millionärsmigranten geben wird. Das ist natürlich nur ein kleiner Teil der geschätzten 13,6 Millionen Millionäre, die es derzeit auf der Erde geben soll. Aber in diesen Zahlen fehlen alle die, die schon länger mehrere Wohnsitze in unterschiedlichen Ländern haben und sich zwischen ihnen – oft auch mit mehreren Pässen – bewegen.

Die Zahlen von New World Wealth verblüffen. Nicht China, wie man vermuten könnte, steht an erster Stelle flüchtender Millionäre. 2016 verließen 9000 Millionäre das Reich der Mitte. 12 000 aber hatten genug von „La douce France“. Brasilien, Indien und Türkei folgen auf der Liste der Fluchtländer. Lieblingsland der Millionäre sind seit zwei Jahren nicht mehr die USA, sondern Australien, gefolgt von Kanada, Saudi-Arabien und Neuseeland.

Die Reichen sind nicht mehr wie früher in erster Linie Steuerflüchtlinge, so New World Wealth, sondern sie suchen nach Sicherheit und – so komisch das klingt – nach Normalität. Einer seiner lateinamerikanischen Klienten erklärte Jafri von Withers Worldwide: In New York kann ich mit meiner Tochter zu Brearley gehen. In Buenos Aires brauchen wir einen gepanzerten Wagen.“

Blickt man auf diese Seite der Migration, wird einem eine Relation klar, die man fast ganz übersehen hatte: Über je mehr Quadratmeter ein Immigrant verfügt, desto geringer sind seine Integrationsprobleme. Die Frage der Integration, wie wir sie kennen, stellt sich nicht, solange die Reichen unter sich sind. Da spielen Herkunft, Aussehen, Religion zwar auch eine Rolle. Deutlich wichtiger aber ist die finanzielle Interaktionsfähigkeit. Die, die dabei nicht mitspielen können – Einheimische und Fremde – sind auf die restlichen uns sattsam bekannten Integrationskriterien angewiesen.

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