+
Venezuela fördert Öl und Gas und gehört damit zu den wichtigen Rohstoff-Lieferanten -   soziale Unruhen verhindert das nicht.

Rohstoffe

Enttäuschte Hoffnungen: Warum die Menschen in den „eigentlich reichen Länder“ auf die Straße gehen

  • schließen

Kupfer, Eisenerz und Gas - Rohstoffe, die in Boom-Zeiten Hoffnung auf Wohlstand nähren. Doch jetzt zeigt sich, wie verletzlich die Exportländer sind. Die Analyse.

In Ländern wie Algerien, Chile oder Ecuador gehen die Menschen auf die Straße und protestieren gegen die schlechten Lebensbedingungen. Unruhe herrscht auch in Argentinien, Venezuela, Bolivien und Brasilien. An der Misere seien die betroffenen Regierungen selbst schuld, heißt es oft, da es sich bei diesen Staaten um „eigentlich reiche Länder“ handelt – schließlich verfügen sie über große natürliche Reichtümer in Form von Rohstoffen. Die aktuelle Lage in diesen Regionen zeigt allerdings, dass Rohstoffe eine prekäre Form des Reichtums sind.

Das neue Jahrtausend hatte gut begonnen: Angefeuert vor allem durch den Boom in China und die gute Konjunktur in den USA und Europa setzte 2001 ein „Rohstoff-Superzyklus“ ein, der die Preise für Öl, Metalle und Agrarrohstoffe an den Börsen in die Höhe trieb. Davon profitierten die Förderer von Kupfer (Chile), Öl und Gas (Algerien, Ecuador, Bolivien, Venezuela, Brasilien), Soja (Argentinien, Brasilien) und Eisenerz (Brasilien).

Der „Rohstoff-Superzyklus“ ist ausgelaufen, zurück bleiben Schulden

Die Extra-Einnahmen finanzierten Sozialprogramme, die zwar die Ungleichheit in den Ländern nicht minderten, dafür aber die Zahl der absolut Armen, jene also, die mit weniger als 5,50 Dollar pro Tag zurechtkommen müssen. Ihr Anteil sank in Lateinamerika zwischen 2004 und 2014 laut Peterson Institute in Washington (PIIE) um 60 Prozent. In Brasilien fiel er zum Beispiel von 18 Prozent auf sieben Prozent der Bevölkerung, in Bolivien von 25 auf elf Prozent. Seit 2014 jedoch ist der Rückgang gestoppt. Denn der „Super-Zyklus“ ist ausgelaufen. Zurück bleiben Schulden, die in guten Zeiten aufgenommen wurden.

Nun ist in Europa, den USA und China Abschwung angesagt. Damit lässt auch Südamerikas Wirtschaftswachstum weiter nach: In den vergangenen fünf Jahren lag es im Durchschnitt bei schmalen 0,6 Prozent, 2019 werden es nur noch 0,2 Prozent, prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF). Als einen Hauptgrund nennt der IWF den Absturz der Rohstoffpreise: Seit 2011 haben sich Soja und Kupfer um rund 30 Prozent verbilligt, der Ölpreis ist um 40 Prozent abgestürzt, der Preis für Eisenerz sogar um die Hälfte. Erholung ist laut IWF nicht in Sicht.

Die Staaten fördern noch mehr Rohstoffe, das drückt die Preise weiter

Das zeigt die Verletzlichkeit von Ländern, die vom Verkauf ihrer Naturbedingungen leben. Sie sind abhängig von Angebot und Nachfrage, was die Preise ihrer Güter stark schwanken lässt – ein Konzern wie VW muss nicht damit rechnen, dass seine Autos plötzlich nur noch die Hälfte wert sind.

Die Rohstoffexporteure hängen also an der Nachfrage in den Weltwirtschaftszentren und sind ihren Schwankungen ausgesetzt. Zudem machen ihnen Ausweitungen des Angebots zu schaffen: Um die sinkenden Preise zu kompensieren, fördern die Staaten mehr Rohstoffe, was die Preise weiter drückt. Daneben wird die Konkurrenz durch neue Vorkommen härter. So leidet Bolivien derzeit unter zunehmenden Gaslieferungen aus Brasilien, die Schieferölproduktion in den USA drückt den globalen Ölpreis.

Die guten Zeiten haben in den Bevölkerungen der Rohstoffländer Hoffnungen auf Wohlstand genährt – Hoffnungen, die nun enttäuscht werden. Sie gehen auf die Straße und protestieren. Und die Regierungen der „eigentlich reichen Länder“ bekommen zu spüren, dass die Bedingungen des eigenen ökonomischen Erfolgs außerhalb ihrer Reichweite liegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare