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Das Atomkraftwerk in Neckarwestheim.

Kernkraft

Risse im Rohr

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Das AKW Neckarwestheim ist wegen Schäden im radioaktiven Teil abgeschaltet. Die Sicherheit der Anlage ist umstritten.

Wir flicken bis zum Super-GAU“ – in großen Lettern stand das in der Nacht zum Freitag auf der Kuppel des Atomkraftwerks Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg zu lesen. Anti-AKW-Aktivisten projizierten den Spruch auf die Anlage des Karlsruher Stromkonzerns EnBW, die seit Ende August abgeschaltet ist. Der Grund: Im radioaktiven Teil des Reaktors sind mehr als 100 Heizrohre durch Korrosion beschädigt, teils beträgt die Wandstärke nur noch 0,1 Millimeter. Für die Atom-Gegner ist klar, dass ein schwerer Störfall hätte geschehen können. Betreiber und Atomaufsicht weisen das zurück, die Sicherheit sei nicht gefährdet gewesen.

Die Schäden waren bei der turnusmäßigen Revision des AKW aufgefallen. EnBW gab dann Mitte September bekannt, bei „einzelnen Heizrohren“ sei „eine Schwächung der Rohrwände“ festgestellt worden. Inzwischen ist klar, dass es sich um 101 Rohre handelt und Risse teils ringförmig um deren Wände verlaufen, die normalerweise 1,2 Millimeter dick sind. In dem für die Atomaufsicht zuständigen Stuttgarter Umweltministerium heißt es dazu: „Die maximale Wanddickenschwächung betrug 91 Prozent“ – besagte 0,1 statt 1,2 Millimeter. Für die Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“ ist damit klar: „Dass es bislang nicht zu einem Heizrohrbruch und damit zum Störfall kam, ist bloßes Glück.“

Unbestreitbar geht es um einen sicherheitsrelevanten Bereich des AKW. Der Druckwasserreaktor Neckarwestheim 2 arbeitet mit vier Dampferzeugern, in denen das heiße, radioaktive Wasser aus dem Primärkreislauf das Wasser des zweiten Kreislaufs zum Verdampfen bringt. Dieser Dampf treibt dann die Strom-Turbinen des Reaktors an. Jeder Dampferzeuger hat 4100 Heizrohre, die aus einer Eisen-Nickel-Legierung gefertigt sind. Reißt ein solches Rohr ab, kann radioaktives Material in den normalerweise nicht radioaktiven Teil des Reaktors eindringen.

Unregelmäßigkeiten schon vor einem Jahr

Das Umweltministerium betont, das Kraftwerk sei für einen solchen Störfall ausgelegt; danach hat also keine Gefahr für die Umgebung bestanden. Auch EnBW beteuert: „Es gab keine Auswirkungen auf die Sicherheit des Leistungsbetriebs“. Nun sollen die betroffenen Rohre außer Betrieb genommen werden. Sie würden „mit Stopfen unterschiedlicher Länge dicht gesetzt“, teilt der Konzern mit. Man habe eine ausführliche Ursachenanalyse durchgeführt. Inzwischen sei klar, welche chemischen Prozesse zu der „Wanddickenschwächung“ geführt hätten. Diese Prozesse würden künftig so beeinflusst, dass die Probleme nicht erneut auftreten könnten.

Für „ausgestrahlt“ hingegen steht fest, das sowohl der AKW-Betreiber als auch das Ministerium die Schwere der Schäden an den Rohren „deutlich unterschätzt“ haben. Die Organisation verweist darauf, das bereits bei der Revision im vorigen Jahr Unregelmäßigkeiten an zahlreichen Heizrohren gefunden wurden, nämlich „punkt- und muldenartige Vertiefungen“. Im vorigen Jahr nahm EnBW daraufhin bereits mehr als ein Dutzend der Rohre außer Betrieb, allerdings wurde laut „ausgestrahlt“ offenbar die Ursache der Schäden nicht richtig verstanden. Das Ministerium hingegen betont, es habe aufgrund der 2017 gefundenen „Auffälligkeiten“ für die 2018er Revision eine erweiterte Prüfung veranlasst, woraufhin die Schäden nun „rechtzeitig entdeckt“ worden seien.

Der seit 1989 betriebene, am Neckar gelegene Reaktor soll nach Ende der Reparaturen und Überprüfung der Sicherheitsnachweise durch die Atomaufsicht wieder ans Netz gehen. Das wird laut Ministerium voraussichtlich Mitte November der Fall sein. Seine endgültige Abschaltung ist für 2022 geplant, zusammen mit der von zwei weiteren AKW in Bayern und Niedersachsen. Damit endet die AKW-Ära in Deutschland. Das AKW Neckarwestheim 1 ist bereits 2011 kurz nach dem Super-GAU von Fukushima stillgelegt worden.

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