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Emmanuel Macron, muss nun seine Energiepolitik überdenken.

Frankreich

Risse in der AKW-Hülle

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Frankreichs Vorzeige-Reaktor muss repariert werden – noch vor der Inbetriebnahme. Das Baudebakel gefährdet die Energiepolitik Macrons.

Es sind nur ein paar Schweißnähte – aber sie bedrohen den ganzen Nuklearkurs eines Landes, dessen Strom zu fast drei Vierteln aus Kernenergie stammt. Die französische Atomsicherheitsbehörde ASN hat am Donnerstag angekündigt, dass acht längere Nähte in der Stahlhülle des neuen Druckwasserreaktors (EPR) in Flamanville undicht seien und neu geschweißt werden müssen. Zur Ausbesserung muss wahrscheinlich eine zweite Sicherheitshülle aus teils meterdickem Beton abgetragen werden. Laut ASN-Chef Bernard Doroszczuk kann der EPR in Flamanville (Normandie) nun erst Ende 2022 ans Netz gehen.

Das wird den Stromkonzern Electricité de France (EDF) viel Geld kosten. Der neue Reaktor, der ursprünglich 2012 betriebsbereit sein sollte, kostet schon heute elf Milliarden Euro – dreimal mehr als ursprünglich geplant. Unabsehbar sind zudem die kommerziellen Folgen: Großbritannien hat zwei EPR bestellt und schaut zunehmend skeptisch auf das Flaggschiff der französischen Atomindustrie. Auch Großkunden wie Indien könnten abspringen.

In Frankreich, wo die EPR-Technologie die 58 bestehenden Kernreaktoren langfristig ablösen soll, fragen sich Medien und Politiker, ob die Affäre um die Schweißnähte die ganze Atombranche bedrohe. Sie stecke in einer „Sackgasse“, kommentierte die Zeitung „Le Monde“ am Freitag. Frankreichs Präsident, Emmanuel Macron, muss nun seine Energiepolitik überdenken. Macron wollte den Startschuss für Flamanville unbedingt nächstes Jahr geben. Dies sollte es ermöglichen, die vier letzten Kohlekraftwerke des Landes 2022 sowie das dienstälteste AKW Fessenheim 2020 stillzulegen. Daran will Macron offenbar festhalten. Das EPR-Problem „ändert nichts an unserer Entscheidung und unserem Arbeitsprogramm, Fessenheim bis 2020 zu schließen“, erklärte seine zuständige Staatssekretärin Brune Poirson am Freitag. Die vier französischen Kohlekraftwerke würden bis zum Ende von Macrons Amtszeit 2022 abgeschaltet.

Der Energiekonzern EDF ist vom EPR-Fiasko hart getroffen. Der stolze Staatskonzern, der mit seinem AKW-Park groß geworden war, zerbricht nun genau daran. EDF-Chef Jean-Bernard Lévy präsentierte am Donnerstag den Gewerkschaften ein Projekt namens „Hercule“, das die Aufsplitterung des Konzerns vorsieht, ähnlich wie es die deutschen Konkurrenten RWE und Eon vorgemacht haben. „EDF blau“ soll in Zukunft die Kern- und Wasserkraftwerke sowie die Stromnetze unter ihrem Dach vereinen und zu 100 Prozent im Besitz des französischen Staates bleiben; die privatisierte „EDF grün“ würde die übrigen Erneuerbaren und den kommerziellen Handel mit Strom übernehmen.

Lévy will damit offiziell der EU-Vorgabe zur Öffnung des Strommarktes nachkommen. Doch es gibt bereits Widerstand gegen die Pläne. Der grüne Europaabgeordnete Yannik Jadot kritisierte am Freitag: „Wir sind gegen die Logik, dass der Staat, also die Steuerzahler, die Atomschulden begleichen soll, während private Aktionäre mit dem Stromhandel Geld verdienen.“ EDF ächzt heute bereits unter einer gigantischen Schuldenlast in Höhe von 37 Milliarden Euro – und müsste für die Erneuerung des AKW-Parks weitere 50 Milliarden Euro stemmen.

Der technische und finanzielle Ärger mit dem EPR Flamanville dürfte auch auf die öffentliche Meinung einwirken. Die Franzosen waren bisher vor allem deshalb für den Atomstrom, weil er billig war. Die steigenden Kosten für den AKW-Park und die Endlagerung haben aber in den letzten fünf Jahren zu einem Umdenken geführt: In einer Umfrage vor einem halben Jahr war in Frankreich erstmals seit den sechziger Jahren eine knappe Mehrheit von 53 Prozent gegen die Atomkraft.

Eine starke Minderheit bleibt aber dafür – wohl eher aus klimabedingten denn finanziellen Gründen: Anders als europäische Nachbarn scheint die französische Regierung unfähig, die Energiewende durchzuziehen und nachhaltigen Ersatz für die CO2-arme Kernenergie zu schaffen. Der Atomausstieg würde deshalb in Frankreich unweigerlich zu einer Zunahme fossiler Energien führen.

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