+

Stromanbieter

Riskante Billigversorger

  • schließen

Verbraucher werden von Stromanbietern mit Schnäppchen geködert. Das kann schiefgehen.

Zu billig kann auf die Dauer nicht funktionieren. Kunden der BEV Bayerische Energieversorgungsgesellschaft, einem Billigstromversorger, tragen jetzt die Konsequenzen. Vergangene Woche wurde bekannt, dass das bayerische Unternehmen vorläufige Insolvenz angemeldet hat. Kunden, deren Guthaben und Boni ausstehen, haben voraussichtlich das Nachsehen. Es ist nicht die erste, und, so sagen Experten, wohl auch nicht die letzte Pleite im heiß umkämpften deutschen Strommarkt.

Die prominentesten Beispiele aus der Vergangenheit waren Teldafax und Flexstrom, die Kunden günstigen Strom gegen Vorkasse verkauft hatten. Im Zuge der Insolvenzen verloren Hunderttausende Verbraucher ihre Ansprüche oder warten noch immer auf ihre Auszahlung.

Außerordentlich kündigen

Allein in den vergangenen 24 Monaten hätten acht Strom- und Gasanbieter Insolvenz angemeldet, darauf macht der Wechselservice Switchup aufmerksam. „Die Gründe liegen ganz klar im Geschäftsmodell der Discountanbieter“, sagt Switchup-Gründer Arik Meyer. Viele Energieversorger kalkulierten mit extrem günstigen Preisen im ersten Vertragsjahr, um auf diese Weise Kunden zu gewinnen. Sie zielen darauf, auf bedeutenden Preisvergleichsportalen wie Verivox oder Check 24 besser als die Konkurrenz abzuschneiden. Nur wer dort ganz oben gelistet ist, wird auch von vielen Verbrauchern registriert.

Das führt dazu, dass Anbieter mit einem sehr hohen Neukundenbonus den faktischen Preis für das erste Vertragsjahr weit absenken. „Zu den Konditionen kann sich zwar kein Anbieter finanzieren“, sagt Meyer. Doch ein solcher Verlust werde einkalkuliert. Und anschließend werde darauf gesetzt, dass Kunden den Tarif im zweiten Vertragsjahr behalten, die Kündigungsfrist verpassen, nicht wechseln, und so dann deutlich mehr bezahlten, womit sich das Geschäft für den Anbieter letzten Endes doch noch auszahle.

Tatsächlich war BEV Energie im vergangenen Jahr regelmäßig weit oben auf den gängigen Vergleichsportalen gelistet. Ein Sprecher von Check 24 teilte auf Anfrage mit, man habe keinen Einblick in die Finanzen der Energieanbieter, deshalb könne man die Verbraucher auch nicht warnen. Eine Prüfung der auf der Plattform gelisteten Anbieter finde nicht statt.

Nachdem das Unternehmen die Insolvenz bekanntgegeben hat, sind Kunden, die einen Vertrag über Vergleichsportale abgeschlossen haben, per Mail kontaktiert und über weitere Schritte informiert worden.

Für die Verbraucher bedeutet eine Insolvenz nicht, dass sie auf einmal ohne Strom sind. Der örtliche Grundversorger ist in einem solchen Fall zur sogenannten Ersatzversorgung verpflichtet. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät Kunden des insolventen Anbieters dazu, eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, auch wenn dies vom Energieversorger nicht verlangt wird. Außerdem sollten sie eine Einzugsermächtigung vorsichtshalber widerrufen.

Sind noch Ansprüche vorhanden, etwa in Form von nicht-gezahlten Boni oder Guthaben wegen zu hohen Abschlagszahlungen, müssen Betroffene Geduld aufbringen. Eine Rückforderung kann erst im Rahmen des Insolvenzverfahrens gestellt werden, welches bei BEV voraussichtlich im April beginnt. Ob die dann Erfolg hat, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

Verbraucher sollten also vorsichtig bei der Auswahl ihres Stromversorgers sein. Doch wie lassen sich schwarze Schafe erkennen? Schließlich raten auch Verbraucherzentralen oder die Stiftung Warentest regelmäßig dazu, den Stromversorgungstarif zu überprüfen, da Kunden in der Grundversorgung unnötig viel zahlen.

Erst einmal: Nicht jeder günstige Energieversorger am Markt arbeitet mit fragwürdigen Geschäftspraktiken. Auch stehen hinter einigen Billigstromanbietern auch größere Mutterkonzerne, die das Billigsegment mittragen, wie etwa RWE mit „Eprimo“ oder Eon mit „E wie einfach“.

Undurchsichtiger wird es bei alleinigen Discountanbietern, die dazu noch nicht allzu lange am Markt präsent sind und ihre eigenen Preise immer weiter unterbieten. Ein Hinweis für unseriöses Verhalten kann die Zahl der Beschwerden sein. „Im Fall der BEV Energie waren seit Jahren auffällig viele Beschwerden zu finden, die von nicht ausgezahlten Bonuszahlungen bis zu versteckten Preiserhöhungen reichten“, sagt Meyer und bezieht sich dabei auf Beschwerdeportale wie zum Beispiel Reclabox. BEV Energie war seit 2013 am Markt. Die Bundesnetzagentur hatte Anfang des Jahres ein Aufsichtsverfahren gegen den Energieversorger eingeleitet.

Kritik an Vergleichsportalen

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), Klaus Müller, fordert von Vergleichsportalen, ihre Rankings an Risiken der Anbieter anzupassen: „Der Fall BEV zeigt erneut, dass es für Verbraucher eine Zumutung ist, zu erkennen, welchem Energieversorger sie trauen können“, sagt Müller. Nach Teldafax, Flexstrom und Care Energy gehe wieder ein Anbieter mit fragwürdigem Geschäftsmodell pleite. „Verbraucher wären besser geschützt, würden Vergleichsportale beim Ranking der Energieanbieter stärker berücksichtigen müssen, ob diese nur kurzfristig oder dauerhaft günstige Tarife anbieten.“

Switchup gibt an, selbst frühzeitig vor BEV-Energie gewarnt zu haben und keinen Kunden mehr an das Unternehmen vermittelt zu haben. Und das Berliner Unternehmen warnt: „Es ist wahrscheinlich, dass es zu weiteren Insolvenzen im Strommarkt kommt, da BEV Energie nicht der einzige Stromanbieter mit fragwürdigen Geschäftspraktiken ist.“

Liberalisierung

Früher: Vor 20 Jahren, genauer am 24. April 1998, trat das „Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts“ in Kraft. Bis dahin war der Strom- und Gasverkauf ein streng abgeschottetes Geschäft, das von Stadtwerken und anderen Versorgern mit Gebietsmonopol betrieben wurde.

Heute: Verbrauchern stehen im Schnitt über hundert Anbieter zur Verfügung. Ein Wechsel ist nach Auslaufen der Mindestvertragslaufzeit möglich. Verbraucher sollten auf eine kurze Kündigungsfrist achten. Bei Preiserhöhungen haben Kunden das Recht frühzeitig den Versorger zu wechseln.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare