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Auch wenn es brenzlig werden könnte: Unternehmen legen mögliche Absturz-Risiken lieber nicht allzu genau offen.

Studie

Risiko? Welches Risiko?

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Unternehmen verschleiern drohende Probleme gerne und führen Aktionäre so in die Irre.

Wer die Risikoberichte hierzulande börsennotierter Unternehmen liest, ahnt es schon länger. In offene Wunden gelegt wird hier selten ein Finger. Dieser Eindruck ist nun wissenschaftlich bestätigt durch eine Studie der Hochschule Pforzheim im Auftrag der Aktionärsschutzvereinigung Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). „Damit kann man nichts anfangen“, lautet das Urteil von Hochschulprofessor Hans-Georg Köglmayr zu Risikoberichten. Er hat die Studie verfasst und dazu unter anderem über drei Jahre hinweg die Berichte von sechs Dax-Konzernen aus der Auto- und Chemiebranche genau unter die Lupe genommen. Wirklich ernst nähmen die Konzerne ihre gesetzlichen Berichtspflichten nicht. Aussagekraft hätten die Berichte kaum.

„Bei ihnen handelt es sich meist um Hochrechnungen von Schätzungen, die auf Spekulationen beruhen, deren Grundlage Vermutungen sind“, kritisiert Köglmayr. Die SdK, die die Studie im Rahmen ihres Schwarzbuchs Börse 2018 präsentiert hat, macht sich die Radikalschelte zu eigen und verdächtigt die Unternehmen, gezielt zu mauern. Sie würden ihre Risiken weit genauer als veröffentlicht kennen, sie aber aus Angst vor Druck auf den Aktienkurs und verstärktem Wettbewerbsdruck nur in Watte verpackt nennen, vermutet SdK-Vorstand Andreas Schmidt. Deshalb müssten der Gesetzgeber oder notfalls auch Gerichte nun nachhelfen. Bislang strenge die SdK keine Klage wegen unterlassener Berichtspflichten an, prüfe das aber, ergänzt SdK-Rechtsvorstand Markus Kienle.

 Im Schnitt aller Dax-Konzerne würden bestehende gesetzliche Vorgaben zu Risikoberichten nur zu knapp 62 Prozent umgesetzt, sagt Köglmayr. Eine Einschätzung von Risiken zum Bilanzstichtag erfolge gar nur zu 16 Prozent. Was Aktionäre über Risiken erfahren, sei oft vage und belanglos, was auch mit Wirtschaftsprüfern zu tun habe. So seien die Risikoberichte verschiedener Konzerne über Jahre hinweg in weiten Teilen wortgleich und nur in einigen Zahlen unterschiedlich. Verständlich werde das, wenn man wisse, dass 25 von 30 für die Studie untersuchten Dax-Konzernen von nur drei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (KPMG, PWC und EY) geprüft würden.

Die Risikoberichte von 2013 bis 2016 von BMW, Daimler, VW, BASF, Bayer und Merck hat Köglmayr dabei genau analysiert. In keinem Fall und in keinem Jahr habe es dort Aussagen zur Eintrittswahrscheinlichkeit von Einzelrisiken gegeben und nur in jedem zweiten Fall zu deren potenzieller Höhe. Lang und breit, nur eben leider abstrakt, würden dagegen Risikomanagementsysteme erklärt. Was man als Anleger aber wirklich wissen wolle – zu welcher Wahrscheinlichkeit welches Risiko eintreten könne – das erfahre man nicht. Auch Köglmayr glaubt, dass die Unternehmen dieses Wissen haben. Das habe er über persönliche Bekanntschaften und in Gesprächen mit Risikomanagern von Firmen erfahren. Aber die Konzerne schweigen.

Die SdK fordert, die Risikoberichte von Unternehmen von unabhängigen Experten überprüfen zu lassen. Das könnten auch Wirtschaftsprüfer sein, nur eben nicht diejenige Gesellschaft, die ohnehin für die Bilanz eines Unternehmens verantwortlich ist. Ziel müsse es sein, Risiken in Kennzahlen und in Relation zum Eigenkapital zu erfassen. So müsste Bayer beispielsweise sagen, wie hoch das Risiko ist, dass der Leverkusener Konzern wegen der vielen Klagen gegen das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat Pleite gehen könnte. Köglmayr vermutet, dass der deutsche Chemieriese das längst berechnet hat. „Es wäre schlimm, wenn Bayer das nicht wüsste“, sagt der Experte.

Verschärfte Veröffentlichungspflichten zu bestehenden oder möglichen Risiken will die SdK vor allem Indexunternehmen wie den großen Dax-Konzernen auferlegen. Hier vermuten die Aktionärsschützer, dass die meist gar nichts neu berechnen, sondern nur veröffentlichen müssten, was sie ohnehin schon wissen. Kleinunternehmen und Mittelständler sollen dagegen keine Risikoberichte mit neuen Kennziffern vorlegen müssen, um sie nicht bürokratisch zu überfordern.

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