Schiffbruch vor Indiens Küste: In der Krise sparen Reeder zuerst an Personal und Wartung. afp
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Schiffbruch vor Indiens Küste: In der Krise sparen Reeder zuerst an Personal und Wartung. 

Schifffahrt

Risiken an Bord

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Noch nie sind weniger Frachter als 2019 gesunken - doch jetzt bedroht die Corona-Pandemie die Sicherheit der Schifffahrt.

Schiffe gelten als das Rückgrat des globalisierten Welthandels. Von daher ist es eine gute Nachricht, dass der Totalverlust großer Transportschiffe 2019 einen historischen Tiefpunkt erreicht hat. 41 Containerriesen und andere Frachter sind voriges Jahr noch gesunken, hat der Allianz-Industrieversicherer AGCS in seiner jährlichen Schifffahrtsstudie ermittelt. Das ist ein Fünftel weniger als 2018 und gut zwei Drittel weniger als im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Investitionen in die Sicherheit der Ozeanriesen und stärkere Kontrollen wirken sich aus.

Diesen Trend könnte die Pandemie aber nun stoppen, da sie den Handel abwürgt und Reeder unter Kostendruck setzt. Zum Risiko werden auch vor Küsten geankerte Kreuzfahrtschiffe und Öltanker. „Wir wissen aus früheren Rezessionen, dass die Budgets für Besatzung und Wartung zu den ersten Bereichen gehören, die gekürzt werden“, sagt Volker Dierks. Er ist bei AGCS in Zentral- und Osteuropa für die Schiffs- und Transportversicherung zuständig. Wenn aber schlecht gewartet wird, steigt die Zahl von Maschinenschäden, dem heute schon größten Risiko auf See. Dazu kommen coronabedingt laxere Kontrollen in Häfen, was zu instabil verstauter Ware führen und Schiffe auf See in bedrohliche Schlagseite befördern kann.

Ein wachsendes Problem sind laut AGCS erschöpfte Besatzungen. Sie können oftmals wegen strikter Pandemieauflagen in Häfen nicht mehr gewechselt werden und müssen viel länger arbeiten als eigentlich zulässig, was menschliche Fehler provoziert.

Eine ganz neue Gefahrenquelle sind vor allem vor der US-Ostküste vor Anker liegende große Kreuzfahrtschiffe. Die werden dort in wachsender Zahl geparkt, weil der Kreuzfahrttourismus pandemiebedingt zum Erliegen gekommen ist. Auch Öltanker werden auf diese Art vorübergehend stillgelegt. Die Ozeanriesen könnten in der langsam beginnenden Hurrikan-Saison reihenweise losgerissen und an Land getrieben werden oder auf Grund laufen, fürchten die Allianz-Experten. Weil es bis zu zwei Wochen dauert, um ein derart geparktes Schiff wieder in Fahrt zu bekommen, dürften alle Vorwarnzeiten zu kurz sein.

Ein Ende setzen könnte die Pandemie auch Plänen, teils enorme Schadstoffemissionen großer Schiffe zu drosseln, da Reeder nun mit anderen Problemen zu kämpfen haben. „Die Schifffahrt muss in einem völlig neuen Umfeld navigieren“, sagt Dierks mit Blick auf die Pandemiefolgen. Er verweist darauf, dass zwar die Zahl der Totalschäden auf See ein historisches Tief erreicht habe, die Zahl schwerer Zwischenfälle aber 2019 weiter um fünf Prozent auf 2815 Havarien gestiegen ist. „Es braucht nicht viel, damit ein schwerwiegender Zwischenfall zu einem Totalschaden führt“, sagt er und hat Brände im Blick. Auch weil immer mehr Batterien und Chemikalien auf Containerschiffen transportiert werden, könne es bei sinkenden Sicherheitsstandards rasch zu Katastrophen auf See kommen.

Dazu kommt, dass Cyberkriminelle die Schifffahrt entdecken. So habe sich die Anzahl versuchter Cyberangriffe auf die Satellitennavigation großer Schiffe speziell im Nahen Osten und China seit Anfang dieses Jahres vervielfacht, warnt AGCS.

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