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Kämpfen für ein Fleckchen unberührter Natur: Protestierende bei einer Demonstration am 11. September in Belgrad.
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Kämpfen für ein Fleckchen unberührter Natur: Protestierende bei einer Demonstration am 11. September in Belgrad.

Lithium-Abbau

Rio Tinto gräbt nach Serbiens weißem Gold

  • VonThomas Roser
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Im Jadar-Tal soll Europas größtes Lithium-Bergwerk entstehen – doch der Widerstand wächst. Bevölkerung und Umweltgruppen kämpfen gegen die Pläne von Industrie und Regierung.

Belgrad – Gemächlich tuckert ein roter Traktor über die Hauptstraße im westserbischen Weiler Brezjak. Von der Anhöhe hinter dem Friedhof weist Momcilo Alimpic über die Felder der weiten Ebene des Jadartals. Für das Bergwerk solle eine „der fruchtbarsten Regionen Serbiens zerstört werden“, sagt bitter der bärtige Obstbauer und Vorsitzende der Bürgerbewegung „Lasst uns Jadar und Radjevina schützen“: „Sie wollen uns wie Indianer und Aborigines ins Reservat sperren.“

2,4 Milliarden Dollar will der australisch-britische Bergbaukonzern Rio Tinto in das geplante Lithiumbergwerk bei Loznica investieren. Ab 2026 soll das „Jadar“-Werk jährlich 58 000 Tonnen Lithiumcarbonat produzieren – und den Konzern in die Riege der zehn größten Lithiumproduzenten der Welt katapultieren. „Jadar könnte genug Lithium liefern, um jährlich über eine Million Elektrofahrzeuge anzutreiben“, frohlockt Konzernchef Jakob Stausholm.

Rio Tinto in Serbien: Die Grundwasserreserven der Jadar-Region sind in Gefahr

Das Jadar-Projekt sei weder ausreichend untersucht noch transparent, warnen hingegen Professoren von Serbiens Akademie der Wissenschaften in einem offenen Brief an die Regierung vor „inakzeptablen Risiken“. Eine Gefahr sei der hohe Arsengehalt des Erzes, so der Chemieprofessor Bogdan Solaja: Bei einer Laufdauer von 40 Jahren könnten 6000 Tonnen Arsen auf den Abraumhalden landen. Ein weiteres Risiko sei „die große Wahrscheinlichkeit“, dass das Bergwerk die wertvollen Grundwasserreserven „komplett zerstören“ werde: Im Fall eines Störfalls auf der Deponie sei nicht nur die Trinkwasserversorgung in der Region, sondern von zahlreichen Städten an den Flüssen Drina und Save bedroht.

Zumindest der Unterstützung der Regierung kann sich Rio Tinto sicher sein. Bei der „grünen Transformation“ Europas werde Serbien das „Zentrum für Lithium“ sein, verkündete Regierungschefin Ana Brnabic hoffnungsfroh im vergangenen Jahr: „Gemeinsam mit Rio Tinto werden wir hier Potenzial für die Produktion von Batterien und Elektroautos entwickeln. Wir wollen aus dem Mineral für alle den größtmöglichen Nutzen ziehen – nicht nur in Loznica, sondern in ganz Serbien.“

Angela Merkel: Serbien hat „hohes Gut“ in Lithium vorkommen

Leere Fensterhöhlen und abgedeckte Dächer künden in Brezjak von der gelobten Zeitenwende. „Privatgrundstück, Zutritt verboten“ prangt auf den Schildern vor den unbewohnbar gemachten Einfamilienhäusern. „Die Ruinen sollen diejenigen entmutigen, die ihre Liegenschaften nicht an Rio Tinto verkaufen wollen“, sagt die Französischlehrerin Marija Alimpic. Der Konzern lasse selbst einen Sicherheitsdienst in den umliegenden Dörfern patrouillieren: „Sie wollen den Psychodruck auf die Leute erhöhen, die noch da sind.“

Die weltweit stark steigende Nachfrage nach Lithium sorgt für anziehende Preise – und Begehrlichkeiten. Serbien habe mit seinen Lithiumvorkommen ein „hohes Gut“, erklärte die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Belgrader Abschiedsvisite im September: „Wenn sich die ganze Welt dafür interessiert, sind wir auch interessiert. Das ist klar.“

Serbiens Volk gegen geplantes Werk: „Leben ja, Bergwerk nein“

Deutschland verfüge selbst über größere Lithiumvorkommen als Serbien, kommentierte die Zeitung „Nova“ spitz. Serbien habe aber etwas, „was viel mehr wert“ sei: „Es hat Bürger, die ihr Land nicht für einen Sack voller Lithium-Dollars zerstören wollen.“

„Leben ja, Bergwerk nein“, so prangt am Ortseingang von Trsic ein grün-braunes Banner. Sollten die Konzernpläne verwirklicht werden, könnte er allein wegen der Lärmbelästigung das von ihm betriebene Altersheim gleich schließen, sagt Milan Starcevic. Der hagere Serbe spricht von einer „stillen Besatzung“: „Heute werden um Ressourcen keine Kriege mehr geführt: Sie werden einfach gekauft.“

Serbiens Energieministerin: Es existiert „keinerlei Vereinbarung“

Über 30 Prozent der Serbinnen und Serben sind laut einer Umfrage strikt gegen eine Konzession für Rio Tinto, über 60 Prozent würden diese nur unter harten Umweltauflagen erteilen. Es ist der wachsende Widerstand von Serbiens erstarkter Umweltschutzbewegung, der Belgrad mit dem offiziellen grünen Licht noch zögern lässt. Im Sommer kündigte der allgewaltige Staatschef Aleksandar Vucic ein nicht näher spezifiziertes Referendum an.

Nach Kräften bemüht sich die Regierung derweil, Presseberichte zu dementieren, wonach Vucic mit dem Segen der EU und der USA Rio Tinto die Betriebsgenehmigung bereits zugesagt habe – und die Bauarbeiten unmittelbar nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im April beginnen sollten. Es existiere „keinerlei Vereinbarung“, beteuert Energieministerin Zorana Mihajlovic: „Bevor die Umweltverträglichkeitsprüfung nicht abgeschlossen ist, wird es keine Entscheidung über das Bergwerk geben.“

Lithium-Abbau in Serbien: Die Regierung hofft auf einen industriellen Quantensprung

Erweisen sich die Lithiumvorkommen im Jadartal als Serbiens „weißes Gold“ oder als Fluch? Über 2000 Jobs bei den auf vier Jahre veranschlagten Bauarbeiten und langfristig 1000 Arbeitskräfte im Bergwerk verspricht Rio Tinto. Doch dem stehen allein in der Region Loznica 19 000 Landwirtinnen und Landwirte gegenüber. Die Regierung verspricht sich durch die erhoffte Ansiedlung von Batterieproduzenten zwar einen industriellen Quantensprung. Doch die Region lebt hauptsächlich von der Landwirtschaft – und dem Tourismus.

Zwar verspricht der Konzern „neue innovative Technologien“ für den Lithiumabbau. Doch es ist auch sein rabenschwarzer Ruf, der in Serbien auf Skepsis stößt. Ob in seinen Bergwerken in Australien, Papua-Neuguinea, Indonesien, Madagaskar oder der Mongolei: Auffällig oft hat der Konzern für heftige Kontroversen über verseuchte Flüsse, Korruption und die Zerstörung geschützter Kulturdenkmäler gesorgt.

Serbien: Korruption in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens

Der bärtige Pope vor der Dorfkirche von Brezjak hat keine Zeit. Das Gotteshaus könne man fotografieren, zu Aussagen über das Bergwerk stehe er nicht zur Verfügung, so die Auskunft des wortkargen Geistlichen. „Unsere Popen haben den Kommunismus überstanden und nehmen nun Geld von einem Konzern, der die Leute vertreibt“, ärgert sich kopfschüttelnd Momcilo Ampilic: „Sie versuchen, hier überall reinzukommen. Sie schmieren und kaufen mit ihren Spenden Schulen, Sportvereine, Kulturzentren – und die Kirche.“

In der 315 Jahre alten Kirche von Brezjak bessert ein Maler die Fresken aus. Sie sei „sicher“, dass das Bergwerk nicht in Betrieb genommen werde, sagt die Lehrerin Marija Alimpic. Denn bisher sei Rio Tinto nur der Ankauf der Hälfte der benötigten Parzellen geglückt: „Und Enteignungen sind für Projekte privater Firmen nicht möglich.“

Serbiens Regierung versucht Projekt mit allen Mitteln durchzusetzen

Doch schon bei der Blitzverabschiedung der Sondergesetze zur Verwirklichung des umstrittenen Großprojekts „Belgrad am Wasser“ haben Serbiens Machthaber einen sehr elastischen Umgang mit lästigen Vorschriften demonstriert. Falls die Umweltverträglichkeitsprüfung nicht das erwünschte Ergebnis liefere, werde die Regierung das Projekt per Referendum durchzusetzen versuchen, fürchtet Obstbauer Momcilo Alimpic: „Wir sollten uns keineswegs darauf einlassen.“

Über den Feldern von Brezjak krächzt ein Rabe. Von einer „grünen Agenda“, wie von der EU behauptet, könne bei der „weltweiten Schaffung neuer Opferzonen“ keine Rede sein, sagt beim Abschied die Lehrerin Marija Alimpic: „Lithium ist keine Lösung. Um mit dem Komfort des Fahrens von Elektroautos das eigene Gewissen zu beruhigen, soll hier ein riesiges Gebiet unberührter Natur zerstört werden.“ (Thomas Roser)

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