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„Soziale Einrichtungen sind kein gutes Investment mehr“

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Von: Antje Mathez

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Krankenhäuser oder Pflegeheime werden nie 1,5-Grad-konform sein, sagt Thomas Katzenmayer.
Krankenhäuser oder Pflegeheime werden nie 1,5-Grad-konform sein, sagt Thomas Katzenmayer. © IMAGO/photothek

Thomas Katzenmayer, Chef der Evangelischen Bank, über die Grenzen der grünen Taxonomie, gesellschaftliche Werte und warum man sich um den Bestand der Krankenhäuser sorgen muss.

Seit 1. Januar 2022 greift im Rahmen des „Green Deal“ der EU als ein zentraler Baustein die EU-Taxonomie-Verordnung. Sie soll als Wegweiser dienen, um das Kapital von Investoren wie Anlegerinnen und Anleger in den ökologischen Umbau der Wirtschaft umzulenken. Doch damit greift die EU bislang nur einen Baustein der Nachhaltigkeit auf. Der Chef der Evangelischen Bank, Thomas Katzenmayer, warnt im Gespräch mit der FR vor den Folgen, sollte der grünen nicht bald eine soziale Taxonomie folgen.

Herr Katzenmayer, Sie kritisieren, dass sich die EU-Taxonomie zu einseitig auf ökologische Kriterien konzentriert und fordern jetzt die Entwicklung einer sozialen Taxonomie. Warum?

Weil wir – und das ist der entscheidende Kritikpunkt – Nachhaltigkeit in drei Säulen definieren: ökologisch, ökonomisch und in sozial-ethischen Fragen. Diese drei Säulen müssen zwingend miteinander verzahnt werden, weil eine einseitige Ausrichtung und Auslegung nachhaltiger Kriterien zulasten anderer geht. Es ist zu kurz gesprungen, wenn man sich ausschließlich auf ökologische Themen im Rahmen der Taxonomie verständigt.

Aber bislang ging es doch auch ohne eine soziale Taxonomie. Warum jetzt plötzlich nicht mehr?

Bislang ging es insgesamt ohne Taxonomie. Aber den Stein hat ja nun die EU ins Wasser geworfen, indem sie eine ökologische Taxonomie ausgerufen hat. Diese Fokussierung auf ökologische Ziele hat zur Folge, dass soziale Einrichtungen kein gutes Investment mehr sind. Das kann man am Beispiel eines Krankenhauses gut verdeutlichen: Krankenhäuser sind Energie-Hochverbraucher, die zudem noch jede Menge Plastikmüll produzieren. Aus ökologischer Sicht werden die Häuser immer einen schweren Stand haben und deshalb unter der gegebenen Taxonomie schlecht eingestuft. Hinzu kommt, dass eine europäische Sozialpolitik bislang nicht existent ist und es auch keine Verlautbarung gibt, wie eine solche aussehen könnte. Das zusammengenommen führt dazu, dass soziale Belange zu kurz kommen.

Sollten Fragen der Finanzierung von sozialen Einrichtungen denn besser über die Sozialpolitik gelöst werden statt über die Finanzmarktregulierung?

Ich wäre froh, wenn der Finanzmarkt nicht das einzige Hilfsmittel wäre, um regulatorische Themen anzugehen. Aber Fakt ist, dass die Politik dem Geld als Treiber für Nachhaltigkeit eine zu wichtige Rolle zumisst. Die Menschen sollen ihr Investitions- und Verbrauchsverhalten, ihren Umgang mit den begrenzten Ressourcen ändern, indem sie am Geld entlang gezwungen oder gesteuert werden. Ich halte das für fragwürdig und würde es begrüßen, wenn es dafür auch andere Kriterien gäbe.

Nun war im Zusammenhang mit der ökologischen Taxonomie ja viel die Rede von Greenwashing. Sehen Sie die Gefahr, dass es ohne eine soziale Taxonomie zu einer Art Social-Washing kommt?

Das würde bedingen, dass wir ein gemeinsames europäisches Verständnis über soziale Finanzierung oder soziale Wirkung haben. Ein solches muss aber erst noch definiert werden. Das lässt sich sehr gut an der Rüstungsindustrie verdeutlichen: Die Branche hat im Rahmen der Konsultationen zur sozialen Taxonomie für sich beansprucht, die Rüstungsindustrie als sozialkonform einzustufen, weil sie der Landesverteidigung dient und eine gewisse abschreckende Wirkung erzeugt. Folgt man dieser Definition, würde die Rüstungsindustrie als nachhaltig gelten. Genau damit würde Social-Washing beginnen.

Der Chef der Evangelischen Bank, Thomas Katzenmayer.
Der Chef der Evangelischen Bank, Thomas Katzenmayer. © Evangelische Bank

Zur Person

Thomas Katzenmayer ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Bank und als solcher zuständig für Fragen der Nachhaltigkeit. 1981 begann er seine Laufbahn mit der Ausbildung zum Bankkaufmann. Von 1984 bis 2001 arbeitete Katzenmayer in leitender Position für die Volksbank Darmstadt und danach für die genossenschaftliche Beratungsgesellschaft GenoConsult. 2006 wechselte er zur Evangelischen Kreditgenossenschaft Kassel (EKK), einem der Vorgängerinstitute der Evangelischen Bank. Bei der EKK wurde er 2007 in den Vorstand berufen.

Die Evangelische Bank ist ein genossenschaftlich organisiertes Kreditinstitut mit Sitz in Kassel. Sie ist eine Spezialbank für Kunden aus der Kirche, Gesundheits- und Sozialwirtschaft sowie Privatkunden, denen eine nachhaltig lebenswerte Gesellschaft wichtig ist.

jes/Bild: Evangelische Bank

Die Evangelische Bank finanziert traditionell Unternehmen der Sozialwirtschaft. Das heißt, Sie haben in Ihrem Portfolio viele soziale, aber nur wenige grüne Immobilien – die Krankenhausproblematik haben Sie zuvor ja selbst angesprochen. Ab 2024 müssen Finanzinstitute den Grad der Nachhaltigkeit eines Portfolios ausweisen. Fürchten Sie ohne eine soziale Taxonomie eine Benachteiligung für Ihre Bank?

Ja, ich befürchte schon eine gewisse Benachteiligung, wenn nur eine Kennziffer darüber entscheidet, was ein gutes und was ein schlechtes Investment ist. Aber das betrifft nicht nur uns, das betrifft die gesamte Wirtschaft. Wenn nur ökologische Aspekte in den Vordergrund gerückt werden, wird es zwangsläufig auch für andere Unternehmen, die Beiträge zur Gestaltung einer nachhaltig lebenswerten Gesellschaft leisten, schwieriger werden. Investoren oder auch Banken werden in der Kreditvergabe bestimmte Bereiche nicht mehr finanzieren, weil sie – und damit am Ende die Kunden – im Rahmen des neu geregelten Emissionshandels Ausgleichszahlungen für nicht CO2-konforme Portfolios leisten müssen. Das verschlechtert und verzerrt natürlich die Situation.

Im Februar letzten Jahres hat die Platform on Sustainable Finance ihren finalen Bericht zur Sozial-Taxonomie vorgelegt und weitere Schritte empfohlen. Seitdem scheint die Arbeit an dem Projekt aber ins Stocken geraten zu sein, wer bremst da und warum?

Wir haben die EU-Kommission zu dem Thema angeschrieben und um Klärung und vor allen Dingen auch Berücksichtigung der sozialen Taxonomie gebeten. Wir haben aus Ursula von der Leyens Büro ein Schreiben erhalten, in dem versichert wird, dass man sich mit dem Thema weiter befassen würde. Aber die Kommission hat im Grunde ihre Arbeit eingestellt.

Wie kommen Sie darauf?

Die Kommission hat außer der Absichtserklärung, sich damit befassen zu wollen, keine weiteren Papiere vorgelegt. Im Moment ist auch nicht erkennbar, dass die Platform on Sustainable Finance weiter an der sozialen Taxonomie arbeitet. Ich sehe in Brüssel auch aktuell keinen politischen Willen, das Thema weiter zu verfolgen.

Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Ich vermute, der Grund ist die Schwierigkeit, europaweit Richtlinien für soziale Themen zu beschreiben. Das Soziale ist sehr vielschichtig und in jedem europäischen Land anders ausgeprägt. In Deutschland ist der Sozialbereich der größte Arbeitgeber. Er unterstützt die Bevölkerung in vielen Belangen, bietet Hilfe, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe; er ist im Grunde unser gesellschaftlicher Kitt. Das ist in vielen europäischen Ländern ganz anders. Diese Komplexität ist sicherlich einer der Gründe, warum das Thema – wenn überhaupt – mit spitzen Fingern angefasst wird. Vielleicht fehlt es aber auch schlicht am Willen, sich zwischen den Wahlsonntagen damit zu befassen. Klar ist, dass man mit ökologischen Themen vor allem bei der jüngeren Generation mehr politische Wirkung signalisieren kann als das im Bereich der Altenpflege, Kindergärten oder Krankenhäusern der Fall ist. Aber verfolgen Sie doch mal die Nachrichten: In den Krankenhäusern fehlt an allen Ecken und Enden Personal, Pflegeeinrichtungen müssen wegen des Fachkräftemangels schließen, vom Zustand unserer Bildungseinrichtungen will ich gar nicht sprechen. Das klingt für mich nicht nach blühenden Landschaften. Ich schaue mit Besorgnis auf die Zukunft der Sozial- und Gesundheitswirtschaft, wenn wir versuchen, die Probleme politisch rein über ökologische Fragestellungen zu lösen.

Aber wie schafft man dann ein EU-weit zustimmungsfähiges Regelwerk, das den Namen soziale Taxonomie auch verdient?

Das wird ein langer Weg, denn es wird nicht einfach, alle 27 Länder unter einen Hut zu bekommen. Beginnen muss er bei der Definition, was wir unter sozial verstehen – und dabei sollte es keinen Unterbietungswettbewerb geben. Man muss den Menschen erklären, dass es neben dem Schutz der Umwelt noch einen anderen wichtigen Bereich der Nachhaltigkeit gibt. In der EU leben knapp 448 Millionen Menschen. Eine soziale Taxonomie wäre dann vermittelbar, wenn wir für diese Menschen Standards schaffen würden, die sicherstellen, dass die soziale Arbeit in den Ländern – so unterschiedlich sie auch sein mag – finanzierbar bleibt. Das erreichen wir, wenn die soziale Arbeit wieder eine attraktive Geldanlage ist, weil sie auch als Kompensation für ökologische Fragestellungen dienen kann. Mit einer sozialen Taxonomie könnte man sich von dem Gedanken verabschieden, dass jede Immobilie 1,5-Grad-konform sein muss. Das wird ein Krankenhaus niemals sein. Und dennoch hat es für die Gesellschaft einen Wert. Das sollte auch für Umweltschützer nachvollziehbar sein, denn wo bringen die ihre Oma hin, wenn sie krank ist? Wahrscheinlich ins Krankenhaus.

Interview: Antje Mathez

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