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Nicht das Gelbe vom Ei: Die Riesterrente hat ihren Rückhalt in der Politik verloren.
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Nicht das Gelbe vom Ei: Die Riesterrente hat ihren Rückhalt in der Politik verloren.

Rentenexpertin Henrich

„Riester ist nicht massentauglich“

  • Antje Mathez
    VonAntje Mathez
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Rentenexpertin Katharina Henrich über die Kritik an der staatlich geförderten Altersvorsorge und wie man sie besser machen kann.

Sie steht von allen Seiten unter Beschuss: die Riester-Rente. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und der Deutsche Gewerkschaftsbund haben die Rentenreform von 2001 für gänzlich gescheitert erklärt und eine Rückkehr zur Umlagefinanzierung gefordert. Selbst die SPD rückt vom Konzept der kapitalgedeckten Altersvorsorge ab, das ihr damaliger Arbeitsminister Walter Riester entwickelt hatte. Für die 16,5 Millionen Riester-Sparer stellt sich nun die Frage, was tun mit einem Vertrag, den man im guten Glauben abgeschlossen hat? Die Frankfurter Rundschau hat darüber mit Katharina Henrich von der Stiftung Warentest gesprochen.

Frau Henrich, sollten Riester-Sparer ihre Verträge jetzt kündigen?
Nein, auf keinen Fall. Vor allem ist es wichtig, dass sich Sparer, die einen Riester-Vertrag haben, erst mal nicht verunsichern lassen.

Wie soll das gehen, wenn Politik, Gewerkschaft und Ökonomen unisono die Riester-Rente für gescheitert erklären? So pauschal kann man das gar nicht sagen.

Wie denn dann?
Dafür muss man zunächst fragen: Sprechen wir über das Vorsorgemodell Riester, sprechen wir über den einzelnen Sparer und über welches Produkt reden wir? Das ist sehr komplex.

Dann sprechen wir doch erst einmal über das Vorsorgemodell. Ist das zu teuer, zu bürokratisch, nicht rentabel?
Es hat viel zu viele Stellschrauben. Anbieter, Rentenversicherung, Zulagenstelle, Arbeitgeber, Finanzamt. Teilweise spielen auch die Krankenkassen als Schaltstelle zwischen Arbeitgeber und Rentenversicherung mit rein. Alle verknüpft durch ein komplexes Netz staatlicher Riester-Vorgaben. Dazwischen der Sparer, der bei Fehlern oft von einer Stelle zur nächsten verwiesen wird. Dann gibt es die verschiedenen Durchführungswege: Wohn-Riester, Rentenversicherung, Banksparplan oder Fondssparplan. Die Menschen wissen oft nicht, welches die passende Sparform für sie ist, welches Produkt gut ist und welches nicht. Das ist ohne Hilfe überhaupt nicht zu machen, schon unsere Tester haben damit genug Probleme. Um wirklich massentauglich zu sein, finde ich das Modell zu kompliziert.

Das heißt, es hapert an der Umsetzung. Aber die grundsätzliche Idee ist so schlecht nicht?
Da bewegen wir uns in einer sozialpolitischen Diskussion. Das Rentenniveau wurde abgesenkt, und das sollte durch private Vorsorge ausgeglichen werden. Mehr ist Riester eben auch nicht, man wird dadurch nicht reich. Aber auch das Aufstocken funktioniert nicht wirklich. Es gibt ja mehrere Studien, die zeigen, dass es sich gerade für Geringverdiener lohnen würde, eine Riester-Rente abzuschließen. Das tun sie aber zu selten. Stattdessen nehmen Menschen die Förderung mit, die eigentlich schon genug haben, um von den Steuervorteilen zu profitieren. So war das nicht gedacht.

Was ist mit den Riester-Produkten?
Viele sind einfach nicht so gut, dass sie einen adäquaten Ausgleich für die Absenkung der gesetzlichen Rente bieten. Beim letzten Rentenversicherungstest der Stiftung Warentest haben von 23 Angeboten nur vier gut abgeschnitten. Und natürlich hat Riester das gleiche Problem, das alle Garantieprodukte derzeit haben: die niedrigen Zinsen. Man muss sich natürlich fragen, ob man eine Rentenversicherung abschließen sollte, wenn der Garantiezins auf 0,9 Prozent gesenkt wird. Macht es da Sinn, sich über 30 Jahre festzulegen? Auf ein Produkt, das eventuell überteuert und zudem völlig intransparent ist? Eher nein.

Wer sollte denn jetzt noch eine Riester-Vertrag abschließen?
Zum Beispiel Eltern, also meist Frauen, deren Erwerbsbiographie durch die Betreuung mehrerer kleiner Kinder ziemlich löchrig ist. Eine Frau mit drei kleinen Kindern, bekommt 1000 Euro im Jahr an Zulagen. Das ist kein schlechter Anfang. Gerade bei niedrigen Verdiensten sind die Zulagen prozentual ziemlich hoch. Wir haben errechnet, dass manche Gruppen auf 8,5 Prozent Rendite allein durch die Zulagen kommen.

Was für einen Vertrag empfehlen Sie?
Das kommt darauf an. Wenn man flexibel bleiben möchte, einen Banksparplan. Wenn man noch jung ist und mehr auf Rendite setzen will, einen Fondssparplan.

Und ein Wohn-Riester?
Auch hier gibt es unterschiedliche Produkte: Bausparverträge, Darlehen, Kombikredit. Einen Bausparvertrag sollte man nur abschließen, wenn man später auch wirklich bauen oder kaufen will. Denn damit sichert man sich einen günstigen Kredit für die Zukunft, wenn die Zinsen vielleicht schon wieder gestiegen sind. Direkt ein Riester-Darlehen aufzunehmen, kann immer noch interessant sein. Es lohnt sich aber nicht mehr so wie früher, weil die Zinsen für Darlehen ohnehin sehr niedrig sind.

Zurück zu denen, die bereits einen Riester-Vertrag haben: Wie sollten die jetzt verfahren?
Grundsätzlich kann man sagen: Behalten und vor allem richtig besparen. 57 Prozent der Sparer nutzen ihre Förderung nicht voll aus. Riestern ist aber nur dann sinnvoll, wenn man die staatliche Förderung auch mitnimmt. Sparer sollten sich Ihren Vertrag auch mal genau anschauen. Es gibt bei den Alt-Verträgen richtig gute Rentenversicherungen, die einigermaßen günstig sind und noch eine hohe Garantieverzinsung von 2,75 oder 2,25 Prozent haben. Damit ist man ja gut bedient.

Und wenn das nicht der Fall ist? Dann kündigen?
Kündigen ist keine gute Idee. Wenn man kündigt, muss man die gesamte Förderung zurückzahlen, die Zulagen und die gesamten Steuervorteile – es sei denn, man investiert wieder neu in ein Riester-Produkt. Man kann den Vertrag auch ruhend stellen …

… das heißt, man zahlt nicht weiter ein.
Genau. Man bespart den Vertrag nicht weiter und wartet bis zum Rentenalter. Dann hat man zumindest keine Verluste, weil die Förderung und alles, was man selbst eingezahlt hat, erhalten bleibt. In den meisten Fällen ist das die bessere Lösung.

Gibt es überhaupt eine Alternative zu Riester?
Es gibt Alternativen. Die hängen aber sehr davon ab, wie viel Sicherheit ich beim Altersvorsorgesparen benötige. Wenn ich einen sicheren Job mit guter Betriebsrente über meinen Arbeitgeber habe und vielleicht später noch das Einfamilienhaus meiner Eltern erbe, muss ich mich nicht mit Riestern aufhalten. Dann habe ich mit einem günstigen, ungeförderten Fondssparplan bessere Renditechancen. Auch ein Eigenheim ist Altersvorsorge.

Wie kann man das denn rausfinden, ob Riestern sich lohnt? Die Zulagen kennt man ja, aber die Höhe der jährlichen Steuerersparnis, wo sehe ich die?
Das wird auf dem Steuerbescheid ausgewiesen. Das können auch mal vier- oder fünfhundert Euro sein.

Wo kann man seinen Vertrag prüfen lassen?
Bei den Verbraucherzentralen. Wenn man nur wissen will, was man rausbekommt, wenn man zu einem bestimmten Zeitpunkt kündigen würde, fragt man seinen Anbieter.

Wie sollte die Politik jetzt mit dem Riester-Konzept verfahren? Laufenlassen, Umbauen, Verschrotten?
Aus Verbrauchersicht: Vereinfachen. Ein Beispiel: Einer Hausfrau wird die Förderung von rund 1000 Euro für ein bestimmtes Jahr wieder zurückgebucht. Der Grund: Ihr Ehemann, über den sie förderberechtigt ist, hat zwischen zwei befristeten Jobs ein Jahr freiberuflich gearbeitet und war in der Zeit nicht rentenversicherungspflichtig versichert – das ist aber Voraussetzung für die staatliche Förderung. So etwas können die meisten Verbraucher erst mal nicht nachvollziehen. Ärgerlich ist auch, dass sich die Zulagenstelle mit solchen Rückbuchungen vier Jahre Zeit lassen kann. Noch schlimmer ist es, wenn sie die Förderung zu Unrecht zurückbuchen lässt, was auch oft genug vorkommt. Wir bekommen oft E-Mails von absolut frustrierten Verbrauchern. Ich denke, Riester muss die Formalbürokratie hinter sich lassen, hin zu mehr Pragmatismus.

Haben Sie denn eine Idee für ein Alternativangebot?
Als Stiftung Warentest mischen wir uns nicht in sozialpolitische Diskussionen ein. Sollte es aber tatsächlich zu einer wie aus Hessen vorgeschlagenen Deutschland-Rente kommen – einem einfachen, kostengünstigen Standardprodukt, das vom Staat verwaltet wird – sind wir gespannt, wie es in unseren Tests abschneidet.

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