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Geronnenes Machtverhältnis. Wer hier der Stärkere ist, hängt von der konkreten Situation ab.

Analyse

Schuld und Macht

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Wer in einem Kreditverhältnis der Stärkere ist, hängt davon ab, wo die Not am größten ist: beim Gläubiger oder beim Schuldner? Die Analyse.

Im Handelskrieg zwischen den USA und China wird immer wieder darauf verwiesen, dass Peking die „nukleare Option“ wählen könnte: die Kündigung des Kredits. Schließlich ist China ein Großgläubiger Washingtons, es hält US-Dollar-Reserven zwischen einer und zwei Billionen Dollar, genaues weiß man nicht. Finanziert China nicht länger die Defizite der USA, so die Kalkulation, käme die US-Regierung in die Klemme. Doch dazu wird es nicht kommen, was zeigt: Die gängige Auffassung, in einem Gläubiger-Schuldner-Verhältnis sei der Schuldner die schwächere Seite, trifft nicht zu. Das demonstriert auch die Situation an den Weltfinanzmärkten.

Juristisch gesehen sind Schulden ein Rechtsverhältnis zwischen der Gläubigerseite, die eine Geldsumme auf Zeit überlässt, und der Schuldnerseite, die sich auf Rückzahlung plus Zins verpflichtet. Ökonomisch jedoch ist dieses Rechtsverhältnis, wie jeder Vertrag, ein geronnenes Machtverhältnis. Wer hier der Stärkere ist, hängt von der konkreten Situation ab.

Die Billionen von Dollar – genauer: von auf US-Dollar lautenden Schuldscheinen – in den Tresoren der chinesischen Zentralbank sind für China sein Staatsschatz, seine Sicherheitsreserve, ein großer Teil seines universell gültigen Vermögens. Wirft Peking Teile davon auf den Markt, verliert es erstens diesen Schatz. Zweitens riskiert es eine Abwertung des Dollar und damit eine Entwertung seiner restlichen Reserven. Und drittens stellt sich die Frage: Wohin mit dem vielen Geld? Als global gültiger Reichtum ist der Dollar ohne Alternative.

Die USA wiederum hätten damit kaum Probleme. Denn begehrt als sichere Reserve ist ihr Dollar nicht nur in China, sondern auch im Rest der Welt. Washington hätte nie Probleme, andere Geldgeber zu finden, sollten sich die Chinesen verweigern. Sprich: Der Schuldner sitzt am längeren Hebel. Er braucht zwar permanent Geld. Gleichzeitig aber brauchen die Gläubiger auch permanent Vehikel, in denen sie ihr Vermögen halten können.

Wie deutlich sich die Machtverhältnisse zwischen Geldgebern und -nehmern drehen können, sieht man derzeit in Europa. Noch vor zehn Jahren fürchtete die Euro-Zone, das Vertrauen der Finanzmärkte zu verlieren. Angesichts gestiegener Schulden verlangten die privaten Kreditgeber von einigen Ländern der Euro-Peripherie immer höhere Zinsen als Ausgleich für das Risiko. Um das Vertrauen der Märkte und ihre eigene Kreditwürdigkeit zu stärken, beschlossen die Euro-Staaten daher drastische Sparsamkeit: Fiskalpakt und Schuldenbremsen wurden geboren.

Heute jedoch „betteln die Märkte darum, dass sich Staaten verschulden“, so drückt es der US-Ökonom Paul Krugman aus. Weltweit herrscht ein Überangebot an Sparkapital, das nach Anlage, also nach Schuldnern sucht. Das Machtverhältnis zwischen Kreditgebern und Kreditnehmern hat sich so stark verschoben, dass die Zinsen auf Rekordtiefs gefallen sind.

Das zeigt: Wer in einem Kreditverhältnis der Stärkere ist, hängt davon ab, wo die Not am größten ist. Der Schuldner braucht Kapital, der Gläubiger braucht eine Kapitalanlage. Beide brauchen einander. Denn das private Weltfinanzvermögen in Höhe von rund 200 Billionen Dollar ist keine Summe, mit der man mangels Anlagemöglichkeiten einfach einkaufen gehen könnte.

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