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Wirtschaftsweisen

Rezession nicht zu vermeiden

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  • Tim Szent-Ivanyi
    Tim Szent-Ivanyi
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Der Sachverständigenrat rechnet mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 2,8 Prozent - es könnte aber auch noch schlimmer kommen.

Die Wirtschaftsweisen gehen davon aus, dass sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland über den Sommer wieder stabilisiert und daher die Konjunktur nicht so stark einbricht wie befürchtet. Das geht aus einem Sondergutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hervor. Für das laufende Jahr rechnen die Ökonomen mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,8 Prozent. Damit wäre der Einbruch wesentlich kleiner als in der Finanzkrise 2008/2009, als der Wert der Waren und Dienstleistungen um mehr als fünf Prozent zurückging.

Für 2021 prognostizieren die Experten in diesem „V“-Szenario – das V beschreibt einen kurzen Einbruch – ein kräftiges Wachstum von 3,7 Prozent. Sie begründen die Erwartung mit sogenannten Aufholeffekten: Die Wirtschaft bekommt einen zusätzlichen Schub, weil ausgefallene Investitionen oder Einkäufe nachgeholt werden. Ein derartiger Verlauf wird derzeit von vielen Experten prognostiziert, sie orientieren sich dabei vor allem am Geschehen in der Finanzkrise, das schnell in eine lange Wachstumsphase mündete.

Die Wirtschaftsweisen beschreiben aber auch ein Risikoszenario („ausgeprägtes V“). Dabei erholt sich die Wirtschaft zwar auch wieder über den Sommer. Der Einbruch ist aber deutlich stärker als im ersten Szenario. Unter diesen Bedingungen rechnen die Experten mit einem Einbruch der Konjunktur im zweiten Quartal um zehn Prozent. Im Jahresschnitt würde das Bruttoinlandsprodukt dann um 5,4 Prozent zurückgehen. 2021 könnte die Wirtschaft dann aber sogar um 4,9 Prozent wachsen.

In der dritten Variante gehen die Ökonomen davon aus, dass die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus über den Sommer hinaus dauern müssen. In diesem Risikoszenario („langes U“) erwarten die Wirtschaftsweisen Entlassungen und Insolvenzen in einem größeren Ausmaß. Zudem könnten auch die Banken und die Finanzmärkte in Mitleidenschaft gezogen werden. In dieser Variante rechnen die Ökonomen mit einem Einbruch der Konjunktur in diesem Jahr um 4,5 Prozent. Deutlichere Spuren würde dieses Szenario aber vor allem 2021 hinterlassen. Denn hier erwarten die Experten dann nur eine sehr langsame Erholung der Wirtschaft mit einem ein Plus von lediglich einem Prozent.

Drohen Staatspleiten?

Klar ist für die Wirtschaftsweisen: Ob U oder V – das hängt ganz stark vom Gesundheitssystem ab. Es müssten „hinreichende finanzielle Mittel“ zur Verfügung gestellt, personelle Reserven und Notkapazitäten aktiviert werden. Man dürfe jetzt nicht Wirtschaft und Gesundheit gegeneinander aufrechnen, sagte der Vorsitzende des Expertengremiums, Lars Feld.

Für das richtige Timing zum vielfach diskutierten Zurückfahren der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen schlagen die Experten eine Ausweitung der Virus-Tests und „Echtzeitdaten über Wirtschaftsaktivitäten“ vor. Mehrere Vertreter der Bundesregierung haben in den vergangenen Tagen deutlich gemacht, dass es eine Lockerung der Bestimmungen nur dann geben kann, wenn die Zahl der Neuinfektionen drastisch zurückgeht.

Eine ökonomische Gesundung ist nicht nur davon abhängig, was hierzulande geschieht. So macht der Sachverständigenrat darauf aufmerksam, dass es im äußersten Fall auch eine konzertierte Aktion von Europäischer Zentralbank (EZB) und dem reaktivierten ESM-Fonds der EU geben müsse. Aus dem ESM würden besonders stark angeschlagene Staaten wie Italien und Spanien günstige Kredite beziehen. Dies könnte aber Spekulanten anlocken, die gegen diese Länder wetten und so Renditen für Staatsanleihen in die Höhe treiben – Staatspleiten drohen dann. Die EZB könnte dagegenhalten, indem sie gezielt Anleihen dieser Länder aufkauft. Solche Eingriffe der EZB kämen einem Tabubruch gleich – nämlich der eigentlich verbotenen Staatsfinanzierung durch die Notenbank, die wegen Inflationsgefahren Risiken bergen kann.

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