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Unter den Branchen ragt die Bauwirtschaft heraus.

Konjunktur

Der Rezession entgangen

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Die deutsche Wirtschaft wächst im dritten Quartal überraschend - wenn auch nur leicht.

Es ist nicht besonders viel: 0,1 Prozent. Dennoch hat diese Zahl am Donnerstag bei Politikern und Volkswirten für viel gute Laune gesorgt. Denn die Wirtschaftsleistung ist in den drei Monaten von Anfang Juli bis Ende September im Vergleich zum Vorquartal überraschend gestiegen – um jene 0,1 Prozent. Viele Ökonomen, auch die der Bundesbank, hatten ein Minus erwartet.

Guter Konsum hilft

Damit ist die Diskussion, ob Deutschland in eine sogenannte technische Rezession abrutscht, erst einmal beendet. Das wäre der Fall, wenn die Wirtschaftsleistung in zwei Vierteljahres-Abschnitten hintereinander sinkt. Im zweiten Quartal fiel das Bruttoinlandsprodukt um 0,2 Prozent.

Die Prognosen vieler Experten waren in den vergangenen Monaten immer düsterer geworden. Als Hauptgrund wurden immer wieder die Verwerfungen genannt, die durch den Handelskonflikt der USA mit China entstanden sind. Für solche Störungen sei die deutsche Wirtschaft, die stark vom Export abhänge, besonders anfällig, hieß es. Zumal China einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands ist, und in der Volksrepublik die wirtschaftliche Entwicklung wegen der Spirale aus Strafzöllen und Vergeltungszöllen tatsächlich an Dynamik verloren hat. Maschinenbauer, die Chemie- und die Elektroindustrie berichteten von schrumpfenden Absätzen und Aufträgen.

Doch ganz so schlimm kann es für die Gesamtwirtschaft nicht gewesen sein. Das Statistische Bundesamt (Destatis) hatte schon vor einigen Tagen mehr Ausfuhren für September gemeldet, und zwar auf breiter Front. Vor allem sorgte die Nachfrage der Nachbarn in der EU für ein steigendes Export-Volumen.

Das ist nicht der einzige Faktor für das Mini-Wachstum. Deutschland schrammte auch an der Rezession vorbei, weil der Staat seine Ausgaben erhöhte und weil bei den Konsumenten das Geld locker sitzt. Das hat mit der geringen Arbeitslosigkeit zu tun.

Laut dem Statistischen Bundesamt wurden im dritten Quartal Waren und Dienstleistungen im Wert von knapp 860 Milliarden Euro von den 45,4 Millionen Erwerbstätigen produziert respektive erbracht. Das waren 356 000 Frauen und Männer mehr als ein Jahr zuvor. Verstärkend kommt hinzu, dass die Gewerkschaften in der jüngeren Vergangenheit vielfach Lohn- und Gehaltssteigerungen erkämpft haben, die deutlich über der Inflationsrate lagen. Das hat die Kaufkraft gestärkt. Unter den Branchen ragt die Bauwirtschaft heraus. Die niedrigen Zinsen und die große Nachfrage nach Wohnungen – vor allem in Ballungsgebieten – sorgen für hohe Umsätze und kräftige Gewinne am Bau.

Mau sieht es laut den Statistikern hingegen bei „Investitionen in Ausrüstungen“ aus. Viele Unternehmen halten sich zurück bei der Anschaffung neuer Maschinen und Anlagen, weil sie nicht sicher sind, ob sie auch ausgelastet werden können. Das trifft besonders auf die Autobranche zu. Bei vielen Zulieferern sind Sparprogramme mit Stellenstreichungen angelaufen. Gleichwohl sagte Sebastian Dullien, Direktor des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK: „Die aktuellen Daten zeigen die Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft dank der kräftigen Inlandsnachfrage.“ Auch das Wirtschaftsministerium sprach vom privaten Konsum als „verlässlicher Stütze“.

Geringere Dynamik

Jetzt läuft es auf ein Wachstum von 0,5 Prozent für das Gesamtjahr 2019 hinaus. 2018 wurde allerdings noch ein Plus von 1,5 Prozent erreicht. Aus Sicht der IMK-Volkswirte ist die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland in den letzten drei Monaten des Jahres doch noch einen Rückschlag erleidet, deutlich gesunken. Die Chancen seien gestiegen, dass die aktuelle Flaute ohne tatsächliche Rezession überstanden werde. Die Experten geben aber zu bedenken: Viele ins Positive gerichtete Indikatoren seien stark von optimistischen Erwartungen in puncto Handelsstreit und Brexit geprägt. Sollten diese Hoffnungen enttäuscht werden, drohe ein „konjunktureller Rückprall“.

Auch Friedrich Heinemann, Ökonom am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, warnt: Es sei unerheblich, ob das Wachstum knapp über oder knapp unter der Nulllinie liege. „Sorge muss vielmehr bereiten, dass die längerfristige Wachstumsperspektive sinkt.“ Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Union Investment, sieht das ähnlich. Unter anderem die Krise in der wichtigen Autoindustrie werde Deutschland auch im kommenden Jahr in Atem halten.

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