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Rezepte aus dem gelobten Land

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Von: Maria Sterkl

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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (links) mit seinem israelischen Amtskollegen Nitzan Horowitz. dpa
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (links) mit seinem israelischen Amtskollegen Nitzan Horowitz. dpa © Christophe Gateau/dpa

In Israel sind 99 Prozent der Krankenakten digitalisiert. Das bringt die medizinische Forschung voran. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will davon lernen.

Für Israelis ist die wichtigste medizinische Einrichtung das Mobiltelefon. Mit der App ihrer Krankenversicherung klicken sie sich direkt auf ihr persönliches Gesundheitsportal, wo sie auf einen Blick alle Befunde, Überweisungen, zuvor verschriebene Medikamente und den elektronischen Impfpass finden. Braucht man ein neues Rezept, reicht eine elektronische Nachricht an die Arztpraxis, die das Rezept dann aufs Patient:innen-Konto bucht.

In der Apotheke muss dann nur noch die Gesundheitskarte gescannt werden, und das Rezept erscheint auf dem Bildschirm der Apothekerin. Einfache Fragen an Ärzt:innen können in der Chatfunktion gestellt werden, bei Bedarf kommt dann ein Rückruf, um Details telefonisch zu klären.

Deutschland kann von Israel viel lernen, wenn es darum geht, das Gesundheitssystem stärker zu digitalisieren. Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der Anfang der Woche zur Regionaltagung der Weltgesundheitsnation WHO nach Tel Aviv reiste, möchte daher mit Israel in diesem Bereich stärker zusammenarbeiten. Der Neun-Millionen-Einwohner-Staat sei „ein Vorbild in der Digitalisierung“, sagt der Minister.

Dabei geht es vor allem darum, Krankheitsverläufe und Therapiewirkungen besser zu verstehen. In Deutschland scheitert das oft an den fehlenden Daten: Patientenakten sind großteils nicht digitalisiert, und wenn, dann sind die verschiedenen Datensysteme der Krankenkassen nicht miteinander kompatibel. Ganz anders in Israel. Hier gibt es nur vier Krankenkassen, fast 99 Prozent der Patientenakten sind elektronisch verfügbar. Die größeren Krankenkassen und Spitäler leisten sich eigene Forschungsinstitute, die anhand der Patientendaten Trends erkennen. Vieles von dem, was die Welt heute über das Coronavirus weiß, entstammt den Auswertungen dieser Daten in Israel – was auch der wohl wichtigste Grund für Pfizer-Biontech war, um Israel als „Testlabor der Welt“ für seinen Covid-Impfstoff auszuwählen.

Die im Vergleich zu Deutschland geringeren Datenschutzstandards erleichterten dies, aber nicht nur. Israel hat schon vor 27 Jahren begonnen, die medizinische Infrastruktur schrittweise zu digitalisieren. Der Staat investiert viel in die Förderung von Start-ups im medizinischen Bereich, das lockt wiederum private Investor:innen an.

Vor wenigen Monaten wählte die israelische Regierung 19 Start-ups aus, die nun mit staatlicher Förderung eine geschützte Infrastruktur bauen sollen, um Patientendaten zu teilen und weitere Forschung auf Basis dieser Daten zu erleichtern. Die Ergebnisse dieser Forschungen fließen dann in die künftige gesundheitspolitische Planung ein. Auch in Europa können diese Erkenntnisse von Nutzen sein, etwa in der Krebsbekämpfung: Durch eine laufende Analyse von Patientendaten gelang es in Israel bereits, die Mortalität bei bestimmten Krebserkrankungen in Israel zu senken.

Deutschland ist zwar in vielerlei Hinsicht nicht mit Israel vergleichbar: In Israel gibt es keine Landesregierungen und nur vier Krankenkassen, es gibt 9,4 Millionen Israelis und eine überschaubare Anzahl von Krankenhäusern. In punkto Datenverwertung will der Gesundheitsminister aber ein paar Schritte näher an das israelische Vorbild herankommen. „Die Nutzung von Patientendaten für Forschungszwecke interessiert mich ganz besonders“, sagt Lauterbach.

Für einfache Routinebehandlungen reichen digitale Anwendungen aus. Wenn es komplizierter wird, gerät aber auch die Digitalisierung an ihre Grenzen: Israel leidet unter einem akuten Mangel an Mediziner:innen, der sich in Zukunft noch verschärfen wird. Kein OECD-Land bildet so wenige neue Ärzt:innen aus wie Israel. Zugleich werden viele ältere Mediziner:innen in den nächsten Jahren in den Ruhestand treten.

Die Wartezeiten auf Termine werden vor allem bei Fachärzt:innen immer länger. Wer es sich leisten kann, weicht deshalb in den privaten Bereich aus. Diese Daten fehlen dann aber in der Digitalisierung: Privatärzt:innen synchronisieren ihre Behandlungsdaten oft nicht mit den Kassen. Mit der neuen Digitalstrategie könnte sich das ändern.

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