+
Anreize für Qualifikation suchen viele Arbeitslose.

Arbeitsmarkt-Politik

Rezept gegen Fachkräftemangel

  • schließen

Forscher plädieren für eine Wende in der Arbeitsmarkt-Politik: Demnach muss die Arbeitslosigkeit verringert und mittelfristig auf die demografische Entwicklung reagiert werden. Andernfalls könnten alle Wachstumsmodelle graue Theorie bleiben

Deutschland braucht eine neue Arbeitsmarkt-Politik: Anstatt den Niedriglohn-Sektor zu fördern, muss stärker in Bildung investiert werden. Und die Einkommen müssen stabilisiert werden. Das fordern Forscher in einem Gutachten für das Thüringer Arbeitsministerium, das der Frankfurter Rundschau vorliegt. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) kommt in einer Studie zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

Die Bundesregierung müsse zunächst alles daran setzen, die Arbeitslosigkeit weiter zu verringern. Mittelfristig müsse sie auf die demografische Entwicklung reagieren. Andernfalls könnten alle Wachstumsmodelle graue Theorie bleiben, warnt die ILO.

„Die Vermeidung von Fachkräftemangel gehört zu den vorrangigen Zielen einer aktiven Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik“, heißt es auch in dem Thüringer Gutachten der Wissenschaftler Gerhard Bäcker, Gerhard Bosch und Claudia Weinkopf von der Universität Duisburg-Essen. Denn eine Fachkräfteknappheit könne die Expansion von Unternehmen beeinträchtigen und damit Wachstumschancen gefährden. Die Arbeitgeber klagen schon heute über Fachkräftemangel: Bei Ingenieuren, IT-Leuten, Technikern und Naturwissenschaftlern stünden derzeit 87000 Arbeitslosen rund 200000 offene Stellen gegenüber, berichtet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Beide Studien präsentieren konkrete Vorschläge für eine neue Arbeitsmarktpolitik:

Bildung: Arbeitslose sollen Anreize erhalten, sich weiterzubilden, betont Gerhard Bäcker. So könnten sie bei einer längerfristigen Qualifikation zusätzlich Unterhaltsgeld erhalten – ihr Arbeitslosengeld würde dann um fünf bis zehn Prozent aufgestockt. Wenn sie einen Abschluss schaffen, sollen sie mit einer Prämie von 2000 Euro belohnt werden. Die ILO verweist darauf, dass ein Großteil der Mittel für die Ausbildungsförderung, die in der Krise bereitgestellt wurden, ungenutzt blieb. Das müsse sich ändern.

Sozialleistungen: Jobsuchende sollten länger Arbeitslosengeld erhalten, fordert Bäcker. Die Leistungen sollten – bei einem abgesenkten Satz – um sechs Monate verlängert werden. Denn eine gute soziale Absicherung verbessere die Chance, einen Arbeitsplatz zu finden, der zu der eigenen Ausbildung passt. Dadurch lasse sich ein Entwertung der Qualifikation vermeiden.

Löhne und Investitionen: Um das Wirtschaftswachstum und die Nachfrage anzukurbeln, müssten die Löhne stärker steigen als bisher, betont die ILO. Bäcker schlägt vor, insbesondere die unteren Einkommen anzuheben, etwa durch einen Mindestlohn und die gleiche Bezahlung von Leiharbeitern und Stammbeschäftigten. Zudem müsse der Abwärtstrend bei den Investitionen gestoppt werden, fordert die ILO. Zwischen 1980 und 2006 sei der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt um sechs Prozentpunkte gesunken und damit mehr als doppelt so stark wie in anderen Industrieländern. Die Politik sollte insbesondere kleinen und mittelständischen Betrieben Finanzierungshilfen gewähren. Möglich sei, den in der Krise aufgelegten „Wirtschaftsfonds Deutschland“ wieder aufleben zu lassen.

Insbesondere die Vorschläge der Bäcker-Studie bedeuten eine Abkehr von den Hartz-Reformen. Deren Credo lautet: Den Niedriglohnsektor fördern und mehr Druck auf Arbeitslose ausüben, irgendeinen einen Job anzunehmen. Dass dadurch tatsächlich neue, zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen wurden, lasse sich weder theoretisch noch empirisch belegen, lautet die Bilanz der Wissenschaftler. Klar sei dagegen, dass auch gut Qualifizierte in Niedriglohnjobs gedrängt wurden. Das müsse sich ändern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare