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10 Jahre Internet-Blase

Die Republik im kollektiven Rausch

März 2000: Infineon feiert ein triumphales Börsendebüt, der Neue Markt druckt Geld - und Anleger werden betrogen. Heute vor zehn Jahren, am 10. März 2000, erreichen viele Aktien ihr Allzeithoch. Die Blase ist riesig - und seither ist die Luft raus. Mario Müller blickt zurück.

Infineon-Chef Ulrich Schumacher kündigt am 21. Februar 2000 in Frankfurt die Konditionen des Börsengangs an. (Bild: dpa)

Der Platz vor der Frankfurter Börse hatte bis dato schon reichlich Rummel erlebt. Doch am 13. März 2000 bietet sich dem Publikum ein Spektakel der besonderen Art. Unter den Augen vieler Fernsehkameras fährt ein silbergrauer Porsche vor, dem ein Mann in Rennfahrermontur entsteigt.

Infineon-Chef Ulrich Schumacher ist herbei geeilt, um dem Start des Halbleiterherstellers am Aktienmarkt beizuwohnen. Der schaltet gleich den Turbo ein: Der erste Börsenkurs liegt mit 70,20 Euro um 100 Prozent über dem Ausgabepreis von 35 Euro.

Bereits in den Wochen zuvor war die Post abgegangen. Die Nachfrage nach Infineon-Aktien hatte das Angebot um das 30-Fache übertroffen. Die Telefonanschlüsse der Geldhäuser liefen heiß, die Internet-Seiten von Direktbanken brachen zusammen.

Dass der Elektrokonzern Siemens seine Tochter zum Verkauf stellt, weil deren extrem schwankendes Geschäft wiederholt seine Bilanz verhagelt hatte, scheint private Anleger nicht zu scheren.

Sie greifen nach allem, was die Emissionshäuser an "Wertpapieren" feilbieten. Die Republik schwelgt im kollektiven Aktienkaufrausch.

Warum sollte man sich auch Gedanken über die Werthaltigkeit der Anteilscheine machen? Hatte nicht jedes Unternehmen, das in den Jahren zuvor an die Börse gegangen war, enorme Kursgewinne verzeichnet? Wohl wahr: Vor allem der 1997 eröffnete Neue Markt erweist sich als universelle Gelddruckmaschine für kapitalsuchende Firmen, Banken und Anleger.

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Aufstieg aus dem Nichts

Der Gründer und Chef des Jenaer Softwareherstellers Intershop, Stephan Schambach, auf einer Pressekonferenz im Erfurter Messe- und Kongresszentrum am 29. Juni 2000. (Bild: ddp)

Aus dem Nichts steigen Adressen wie Intershop oder Brokat, Comroad oder Gigabell zu gefeierten Börsenstars auf. Wer für 6000 Euro junge Aktien von EM.TV hätte ergattern können, wäre wenige Monate später Millionär gewesen.

Was am 13. März 2000 die wenigsten geahnt haben dürften: Die Bonanza neigt sich bereits dem Ende zu. Der Nasdaq-100 an der New Yorker Technologiebörse hält den Höhenflug gerade noch bis zum 24. März durch. Der Börsenindex für die größten Unternehmen am Neuen Markt in Frankfurt, der Nemax-50, hatte seinen Zenit bereits am 10. März erreicht - bei 9665 Punkten.

Im Juni 2003 macht die Frankfurter Wertpapierbörse den Neuen Markt dicht: Die meisten "Wachstumswerte" entpuppen sich als mit heißer Luft und oft krimineller Energie gefüllte Ballons.

Dabei hatte es an Warnungen nicht gemangelt. Schon 1996 sprach der Chef der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, mit Blick auf das Kursfeuerwerk an der Wall Street und der Technologiebörse Nasdaq von "irrational exuberance", irrationalem Überschwang. Zwar sackten die Notierungen daraufhin in Tokio, London und Frankfurt ab. Doch nur von kurzer Dauer.

Die Optimisten gewannen rasch wieder die Oberhand. Anfang 1999 nahm der weltweit als Orientierungsgröße geltende US-Börsenindex Dow Jones die Marke von 10000 Zählern. Und Bücher mit Titeln wie "Dow 36000", "Dow 40.000" oder "Dow 100.000" zeigten, wohin die Reise nach Meinung von "Experten" zu gehen versprach.

Völliger Irrsinn? Ja, aber so waren die Zeiten. Selbst seriöse Stimmen sprachen von einer "New Economy", einer neuen Ära der Ökonomie, in der die alten Maßstäbe und Konjunkturzyklen außer Kraft gesetzt sind und eine Periode grenzenlosen Wachstums anbricht.

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Das Fanal - die Deutschland AG zerbricht

19. November 1999: Beschäftigte von Mannesmann protestieren in Ratingen gegen eine Übernahme der Mobilfunkmarke D2 durch den britischen Konkurrenten Vodafone - letztlich vergebens. (Bild: dpa)

Begründet wurde das Wirtschaftswunder vor allem mit der Globalisierung, also der internationalen Ausweitung von Produktion, Konsum und Finanzmärkten, sowie der "High-Tech"-Entwicklung in Kommunikation oder Medizin.

Die Inflation galt als gebannt, die Zinsen würden weiter sinken, Produktivität und Gewinne der Unternehmen dauerhaft steigen. Ergänzt wurde das Szenario durch die Aussicht auf umfangreiche Privatisierungsaktionen sowie den schwindenden Einfluss der Gewerkschaften.

Hinter all dem verbirgt sich ein grundlegender ideologischer Wandel. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus feiert der Kapitalismus fröhliche Urständ´. Von den USA breitet sich weltweit eine neue Heilslehre aus, die die Aktienmärkte ungemein beflügelt.

Sie fordert von den Managern, den Interessen der Anteilseigner zu folgen und den Shareholder-Value, also den Börsenwert der Unternehmen, zu steigern. Und weil sich die Führungskräfte über Aktienoptionen dabei goldene Nasen verdienen können, sind sie auch gerne bereit, den Vorgaben zu folgen.

Unter dem wachsenden Druck der Finanzmärkte zerbricht schließlich auch die Deutschland AG. Als Fanal erweist sich die Übernahmeschlacht, die Mannesmann Anfang 2000 gegen den britischen Mobilfunker Vodafone verliert. Auch dabei machen viele Aktionäre noch einmal einen lukrativen Schnitt, bevor die Börsenblase platzt. Der aktuelle Kurs von Infineon liegt übrigens bei 4,30 Euro.

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