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Repair Café: Ehrenamtliche Tüftler zeigen, dass sich Reparieren lohnt.

Kreislaufwirtschaft

Reparieren statt wegwerfen

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Wirtschaftspublizist Wolfgang Kessler erklärt, wie wir zur Kreislauf-Ökonomie kommen und wie Produzenten, Verbraucher, Handwerker und Dienstleister davon profitieren würden.

Noch immer herrscht der Glaube vor, es genügten ein paar ökologische Schönheitsreparaturen, um den globalen Kapitalismus mit einer Welt der begrenzten Ressourcen zu versöhnen. Das ist ein Irrtum. Es braucht die grundsätzliche Abkehr vom wachstumstreibenden Kreislauf von Massenproduktion und Massenkonsum, der immer auf das große Mehr zielt: mehr Waren, mehr Konsum, mehr Abfall, mehr Ressourcenverbrauch, höhere Klimabelastung. Notwendig ist stattdessen die Hinwendung zu einer Kreislaufwirtschaft, die nicht weniger anstrebt als ein Gleichgewicht von Mensch,Wirtschaft und Natur. Noch ist dieses Gleichgewicht Zukunftsmusik. Doch der Einstieg wäre schon heute möglich, wenn die Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen schafft.

Schon mit wenigen verbindlichen Regelungen könnten die Regierungen erste Signale für die Reise in die Kreislaufwirtschaft setzen: mit hohen Quoten für Mehrweggefäße, für das Recyceln von Plastik oder mit einer verbindlichen Rücknahmepflicht für alle Anbieter von technischen Geräten. Das wären jedoch nur erste Signale. Der Wandel von einer Industrie-Gesellschaft zu einer industriellen Kreislaufwirtschaft wird erst gelingen, wenn die Dynamik des Marktes genutzt wird. Voraussetzung dafür ist ein Kranz von Ökoabgaben: auf fossile Produkte und auf wichtige endliche Rohstoffe, aber auch auf Plastik. Diese Abgaben erhöhen den Wert der Ressourcen und verteuern ihre Verschwendung. Wenn die Ökoabgaben jedes Jahr steigen, wächst der Druck auf die Unternehmen, so viele Ressourcen wie möglich einzusparen.

Ein Lenkungseffekt hin zu einer Kreislaufwirtschaft stellt sich jedoch erst ein, wenn auf der anderen Seite Steuersenkungen signalisieren, wohin die Reise gehen soll. Schweden macht dies seit 2017 vor. In diesem Jahr reduzierte die Regierung des Landes die Mehrwertsteuer auf viele Reparatur-Dienstleistungen auf den geringeren Satz – der läge in Deutschland bei sieben Prozent statt neunzehn.

Wolfgang Kessler: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern. Eine Streitschrift. Publik-Forum Edition, Oberursel 2019. 128 Seiten, 15 Euro.

Doch damit nicht genug: Wer in Schweden einen Handwerker nach Hause kommen lässt, um die Waschmaschine, den Kühlschrank oder den Fernseher zu reparieren, kann die Hälfte der Arbeitskosten von der Steuer absetzen. Bürger, die keine Steuern zahlen, können einen Zuschuss beantragen. Nachdem diese Maßnahmen gut angenommen wurden, prüfen die Schweden nun, wie Car-Sharing oder andere Miet- und Leihangebote gefördert werden können.

Wider die Erotik des Kaufens

Den Ressourcenverbrauch und die Verschwendung von Rohstoffen verteuern, Wiederverwertung und Reparatur verbilligen sowie das Teilen von hochwertigen Konsumgütern fördern – diese Schritte würden Produktion und Konsum grundlegend verändern: Die Wegwerfkultur wird teurer. Die Hersteller bieten verstärkt langfristige Produkte an. Sie kosten zwar mehr, halten aber länger und können repariert werden. Immer häufiger werden diese Produkte gar nicht mehr vom Kunden gekauft, sondern geleast – wie etwa Rollstühle heute, die fünf Jahre genutzt werden können, aber im Besitz der Krankenversicherung bleiben. Weisen die Geräte einen Defekt auf, lässt der Anbieter sie reparieren.

Die Verbraucher hätten die klare Botschaft: Eine Reparatur kommt billiger als ein Neukauf. Handwerk ist wieder bezahlbar. Vielfach kommt Leihen billiger, als alle Geräte zu kaufen, um sie dann herumstehen zu lassen. Vor Ort blühen Reparaturbetriebe und Dienstleister, die lokale Wirtschaft wird belebt, die Zahl der Arbeitsplätze wächst. Der Übergang von der ressourcenintensiven Industriegesellschaft zur Kreislaufwirtschaft hat begonnen.

Für die Wirtschaft hätte diese Umsteuerung große Vorteile. Nach Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey würde die europäischen Unternehmen durch die Kreislaufwirtschaft Ressourcenkosten von 600 Milliarden Euro pro Jahr einsparen.

Und die Verbraucher: Manche von ihnen werden sicherlich die Erotik des ständigen Kaufens vermissen. Immer mehr werden jedoch feststellen, dass sie gerade deshalb gut leben, weil sie vieles nutzen und genießen können, ohne alles gleich kaufen zu müssen,

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