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Rente: Höheres Eintrittsalter macht psychisch krank

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Von: Wolfgang Mulke

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Auszeit am Wasser: Arbeiten ist insbesondere im höheren Alter mit Stress verbunden.
Auszeit am Wasser: Arbeiten ist insbesondere im höheren Alter mit Stress verbunden. © Winfried Rothermel/Imago

Ein später Renteneintritt verschlechtert einer Studie zufolge den Gesundheitszustand der betroffenen Beschäftigten. Das gilt vor allem mit Blick auf psychische Krankheiten,

Frankfurt – Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit geht zulasten der Gesundheit. Insbesondere psychische Erkrankungen, Übergewicht und Rückenbeschwerden nehmen deutlich zu. Das geht aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor, die am Mittwoch (12. Oktober) veröffentlicht wurde. „In keiner Dimension konnte eine Verbesserung der Gesundheit festgestellt werden“, sagt DIW-Forscherin Mara Barschkett.

Für die Untersuchung hat das Institut Gesundheitsdaten zweier Jahrgänge von Frauen verglichen. Die 1951 geborenen Frauen durften schon ab einem Alter von 60 Jahren in den Ruhestand gehen, die des Jahrgangs 1952 erst mit 63 Jahren. Der Unterschied ist ein Ergebnis der Rentenreform von 1999. Damit wurde die an bestimmte Voraussetzungen geknüpfte Sonderregel für Frauen abgeschafft. Seit dem Ende einer Übergangsfrist gilt nun das Alter von 63 Jahren als frühestmöglicher Zeitpunkt für den Renteneintritt.

Renten-Studie: Erhebliche Unterschiede bei Jahrgängen

Zwischen den beiden untersuchten Jahrgängen zeigen sich bei der Auswertung der Gesundheitsdaten der Krankenkassen erhebliche Unterschiede. „Frauen, die von der Reform betroffen waren und erst mit 63 in Rente gehen konnten, wiesen häufiger psychische Erkrankungen sowie Adipositas und Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems auf“, heißt es in der Studie. Dazu zählen beispielsweise Arthrose und Wirbelsäulenkrankheiten.

Stressbedingte Krankheiten nahmen im Vergleich zum noch begünstigten Jahrgang 1951 um 2,6 Prozent zu, bei Stimmungsstörungen verzeichneten die Wissenschaftler eine Zunahme um 4,6 Prozent. „Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes können wir keine Veränderung feststellen“, sagt Barschkett. Heraus kam aber auch, dass sich bei keiner Diagnose der Gesundheitszustand durch eine längere Lebensarbeitszeit verbessert hat. Für die Studie verwendete das Institut die Daten aller gesetzlichen Krankenkassen. Damit werden rund 90 Prozent der Bevölkerung abgedeckt. Die Analyse selbst beschränkte sich auf die beiden Frauenjahrgänge vor und nach der Reform.

Rentner müssen häufiger Arzt bei späterem Eintritt

Die häufigeren Erkrankungen gehen auch mit vermehrten Arztbesuchen und damit steigenden Gesundheitskosten einher. Unter finanziellen Aspekten fällt das Ergebnis der Reform allerdings für die Gesellschaft positiv aus. „Die Gesundheitskosten steigen im Jahr ungefähr um 14 Euro pro Patientin an“, erläutert Barschkett. Die jährlichen Mehrkosten liegen damit bei 7,7 Millionen Euro. Das ist im Vergleich zu den Gesamtkosten im Gesundheitssystem sehr wenig. Außerdem stehen den zusätzlichen Ausgaben weitaus höhere zusätzliche Einnahmen gegenüber. Diese resultieren vor allem aus Steuern, Abgaben und geringeren Transferleistungen. Die kurzfristigen Effekte beziffert das DIW auf vier Milliarden Euro, ein Vielfaches der Mehrausgaben für Arztbesuche.

Die Gründe für einen schlechteren Gesundheitszustand durch das höhere Renteneintrittsalter sehen die Forscher vor allem im zusätzlichen Stress, dem die Arbeitnehmerinnen ausgesetzt werden. „Wenn die Arbeit die Gesundheit erst in Mitleidenschaft gezogen hat, ist es meist zu spät“, erläutert Studienmitautor Peter Haan. Die Folgen würden sich bei besseren Bedingungen für ein längeres Arbeiten vermindern.

Ergebnisse bei Männern könnten ähnlich sein

Expertin Barschkett geht zwar davon aus, dass die Ergebnisse bei Männern ähnlich ausfallen würden. Dazu habe das Institut jedoch keine Daten erhoben. Auch kämen internationale Studien zu unterschiedlichen Resultaten, schränkt sie die Vermutung ein.

„Aus unserer Sicht sollten weitere Erhöhungen des Renteneintrittsalters von präventiven Maßnahmen begleitet werden“, sagt Barschkett. Sie nennt als Beispiel Investitionen in die Gesundheit von Arbeitnehmern schon in frühen Jahren. Gleichzeitig sollten die Ausgaben für Bildung und Weiterbildung steigen. Das gilt als Voraussetzung für einen Wechsel von einer schweren und anstrengenden Tätigkeit hin zu einer altersgerechten Beschäftigung.

„Ebenso müssen die Arbeitsbedingungen im Alter angepasst werden“, fordern die Fachleute. So ließe sich die mit zunehmenden Alter ansteigende Arbeitsbelastung auffangen. Auch die Erwerbsminderungsrente wird bei einem höheren Renteneintrittsalter ein immer wichtigeres Instrument, um Gesundheitsrisiken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abzusichern.

Finanzierung des Rentensystems wird wichtig

Prävention spielt in der Debatte über die zukünftige Finanzierung des Rentensystems und als Mittel gegen den Fachkräftemangel in Fachkreisen eine große Rolle. Denn eine weitere Anhebung des Rentenalters auf 69 oder 70 Jahre gehört zu den Forderungen, insbesondere der Arbeitgeber. Die Gewerkschaften lehnen dies ab, weil viele Beschäftigte dazu gar nicht mehr in der Lage sind und eine Anhebung deshalb zu einer faktischen Rentenkürzung führen würde. (Wolfgang Mulke)

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