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Geburtenrate und höhere Lebenserwartung: Druck auf das Rentensystem wächst

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Von: Jan Oeftger

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Um die Rente zu sichern, könnte das Eintrittsalter erhöht werden. Gewerkschaften wehren sich gegen den Vorschlag und die Politik hat andere Pläne.

Frankfurt – Um die Rente zu sichern, gab es schon in der Vergangenheit einige Reformen. Wegen der steigenden Lebenserwartung und der geringen Geburtenrate reicht das Geld in der Rentenkasse nicht aus. Die Bundeszuschüsse aus Steuermitteln steigen immer weiter an.

Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gasmetall, Stefan Wolf, hält eine Anpassung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre als richtige Reaktion auf dieses Problem. Die Anhebung solle schrittweise erfolgen. „Schaut man sich die demografische Entwicklung und die Belastungen der Sozial- und Rentenkassen an, dann sind die Reserven aufgebraucht“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe dazu. Seine Schlussfolgerung lautet: „Wir werden länger und mehr arbeiten müssen.“

„Auch weil das Lebensalter immer weiter steigt“, müsse man das Renteneintrittsalter Wolfs Auffassung nach erhöhen. Ohne eine Anhebung werde das System hingegen „mittelfristig nicht mehr finanzierbar sein.“

Eine Anhebung des Renteneintrittsalters ist im Koalitionsvertrag nicht vorgesehen.
Eine Anhebung des Renteneintrittsalters ist im Koalitionsvertrag nicht vorgesehen. © Monika Skolimowska/dpa

Warum lässt sich die Rente immer schwieriger finanzieren?

Dass das Rentensystem nicht mehr so problemlos wie früher funktioniert, lässt sich mit dem demografischen Wandel erklären. Die Menschen werden älter und haben dadurch länger Anspruch auf eine Rente. Hinzu kommt, dass die Geburtenrate geringer wird. Es gibt also weniger Erwerbstätige, die in die Rentenkasse einzahlen. Damit wird bei steigendem Bedarf die Finanzierung schwieriger. Laut dem Statistischen Bundesamt lebten 2019 rund 18 Millionen Menschen ab 65 Jahren in Deutschland. Der prognostizierte Höhepunkt könnte 2037 mit 23,3 Millionen erreicht werden und dann auf diesem Niveau bleiben. Auf der anderen Seite sinke die Zahl der Erwerbstätigen bis 2060 um zwei bis zehn Millionen.

Renteneintrittsalter - Überblick nach Geburtsjahren

GeburtsjahrRenteneintrittsalterRenteneintritt ab
195565 Jahre und 9 Monate2020
195665 Jahre und 10 Monate2021
195765 Jahre und 11 Monate2022
195866 Jahre2024
195966 Jahre und 2 Monate2025
196066 Jahre und 4 Monate2026
196166 Jahre und 6 Monate2027
196266 Jahre und 8 Monate2028
196366 Jahre und 10 Monate2029
ab 196467 Jahre2031

Wie stehen die Gewerkschaften zur Rente mit 70?

Vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) kam zu dem Vorschlag ein „klares Nein“. Für DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel wäre die Anhebung „nichts anderes als eine Rentenkürzung mit Ansage“. Die ablehnende Haltung begründet sie mit gesundheitlichen Aspekten. „Viele Beschäftigte schaffen es schon heute nicht, gesund bis zur Rente durchzuhalten.“

Auch Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, sprach sich bei den Funke-Zeitungen gegen den Renteneintritt mit 70 Jahren aus. „Länger arbeiten belastet die Gesundheit der Beschäftigten, die schon heute unter Stress und hoher Arbeitsdichte leiden.“ Vielmehr müsse versucht werden, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dann würden mehr Menschen die Regelaltersgrenze erreichen, ist sich Urban sicher.

„Ein Großteil der Bauarbeiter ist bereits mit Ende 50 körperlich am Ende und muss vorzeitig in Rente gehen“, weiß der IG-Bau-Bundesvorsitzende Robert Feiger, wie er den Funke-Zeitungen verrät. „Für Dachdecker ist die Rente mit 70 ein Alptraum. Ebenso für Zimmerer, Gerüstbauer, Betonbauer oder Eisenflechter. Aber auch Gebäudereinigerinnen und Fensterputzer sind körperlich oft einfach früher am Ende.“

Wie könnte das Rentensystem reformiert werden?

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VDK, fordert, das Rentensystem zu erweitern. „Perspektivisch müssen alle dort einzahlen - neben Angestellten auch Beamte, Selbständige und Politiker. Eine solche ‚Rente für alle‘ stärkt das System und führt zu mehr Gerechtigkeit. Vorbilder wie die Pensionskasse in Österreich zeigen, dass dieser Weg funktioniert.“

Auch Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch nimmt Österreich als Vorbild, wo „die durchschnittliche Rente 800 Euro höher als hierzulande“ liege. Zudem werde „sie wird ab 65 Jahren ausbezahlt“, wie er den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland sagte.

Wie ist der Stand zum Renteneintrittsalter in der Ampel-Koalition?

Eine Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters ist im Koalitionsvertrag ausgeschlossen. Dieses wird seit 2012 schrittweise angehoben und liegt für die Jahrgänge ab 1964 bei 67 Jahren. Außerdem beschlossen SPD, FDP und Grüne, dass der Beitragssatz zur Rentenversicherung in dieser Legislaturperiode nicht über 20 Prozent steigen darf. Zurzeit liegt er bei 18,6 Prozent und muss je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer bezahlt werden. Die Grundrente und eine Rentenerhöhung sollen Rentner entlasten.

Ist es möglich, früher in Rente zu gehen?

Wenn man 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, kann man früher in Rente gehen und erhält dennoch die vollen Bezüge. Dies schreibt das ZDF. Dafür verschiebt sich jedoch die Altersgrenze für Jahrgänge ab 1953 nun aber gleichfalls schrittweise auf 65 Jahre. Zuvor lag sie bei 63 Jahren. Es wurde von der „Rente mit 63“ gesprochen. Beschäftigte, die 35 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt haben, können demnach mit 63 Jahren in Rente gehen, müssen aber einen Rentenabschlag hinnehmen. Für jeden Monat, den man früher in Rente geht, liegt dieser dauerhaft bei 0,3 Prozent. Insgesamt würde man dann auf 14,4 Prozent verzichten müssen und die Höhe der Rente würde damit geringer ausfallen. (Jan Oeftger)

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