Welthandelsorganisation

Rennen um den WTO-Chefsessel

  • vonJan Dirk Herbermann
    schließen

Erstmals in der Geschichte der Organisation könnte eine Frau Generaldirektorin werden.

Am 31. August wird ein geräumiges Büro auf der Chefetage der krisengeschüttelten Welthandelsorganisation frei. Generaldirektor Roberto Azevêdo (62) verlässt dann nach sieben Jahren die WTO, vorzeitig. Um die Nachfolge des Brasilianers, der auf dem Posten stets etwas blass geblieben war, ist ein internationales Rennen entbrannt – am Ende könnte zum ersten Mal in der 25-jährigen WTO-Geschichte eine Frau als Generaldirektorin übernehmen.

Welche Kandidaten wollen sich die Position in Genf antun, die der WTO-Kommunikations-chef Keith Rockwell als „einen der härtesten Jobs auf internationaler Ebene“ bezeichnet? Bislang sind fünf offizielle Bewerbungen für den Posten in der WTO-Zentrale eingegangen:

Die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala (66). Die erste Finanzministerin und vorübergehende Außenministerin ihres Landes stieg bei der Weltbank zum Managing Director auf.

Der Ägypter Abdel-Hamid Mamdouh (67). Der Anwalt bekleidete bereits hohe Positionen in der WTO und gilt als Insider auf den verschlungenen Pfaden der Handelsdiplomatie.

Der Mexikaner Jesús Seade (73). Der Veteran diente nach der Gründung der WTO als Vizegeneraldirektor, er vertrat sein Land bei den Beratungen über das neue Handelsabkommen mit den USA und Kanada.

Moldawien nominierte den Youngster im Feld, Tudor Ulianovschi (37). Der frühere Außenminister trieb die wirtschaftliche Öffnung des osteuropäischen Staates voran.

Als vorläufig letztes Land hinterlegte Südkorea eine Bewerbung: Handelsministerin Yoo Myung-hee (53) will ihre steile Karriere in Genf krönen: als WTO-Generaldirektorin.

Daneben werden weitere mögliche Kandidaten ins Spiel gebracht: So die spanische Außenministerin Arancha González, die dem Ex-WTO-Generaldirektor Pascal Lamy als Stabschefin zuarbeitete. Der irische EU-Handelskommissar Phil Hogan hatte zunächst Interesse an einem Wechsel nach Genf signalisiert. Letztlich will er aber in Brüssel weitermachen. Am 8. Juli läuft die Bewerbungsfrist ab.

Egal wen die 164 WTO-Mitglieder als neuen Chef auswählen, die oder der Neue muss sich gegen ein weiteres Rutschen der Institution ins Abseits stemmen. Und das ausgerechnet in der Corona-Krise, die den globalen Warenaustausch schmerzlich schrumpfen lässt. „Die WTO ist ein Chaos“, höhnt Robert Lighthizer, der Handelsbeauftragte von US-Präsident Trump. Dabei trägt Trumps Team entscheidend zu dem „Chaos“ bei – etwa durch die Lahmlegung der WTO-Berufungsinstanz für Streitfälle. Die US-Amerikaner blockierten solange Nachbesetzungen für das Gremium, bis es handlungsunfähig wurde.

Zudem machen immer wieder aufflammende Handelskriege, wachsender Protektionismus und das Fehlen eines neuen Großprojektes der WTO zu schaffen: Die 2001 in Doha begonnene Welthandelsrunde versandete kläglich. Wenige Jahre vor Beginn der Runde ging die WTO 1995 selbst mit Zuversicht an den Start. Als Ziel gab man aus, den regelgebundenen, möglichst freien Warenaustausch zu stärken.

Der auf vier Jahre gewählte Generaldirektor jedenfalls verfügt über begrenzte Mittel, um der WTO mit ihren oft zerstrittenen Mitgliedern neuen Schwung zu geben. „Die traurige Wahrheit ist, dass nur die Mitglieder die WTO vor der Bedeutungslosigkeit retten können“, erläutert Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Der Generaldirektor müsse das Vertrauen der WTO-Schwergewichte EU, USA und China erwerben. Gebraucht sei „jetzt vor allem Diplomatie, nicht technokratisches Detailwissen“, betont Felbermayr. Der Bundesverband der Deutschen Industrie gibt für den neuen WTO-Chef das Ziel aus, „die US-Regierung am Verhandlungstisch zu halten“. Eine mögliche Abwahl von US-Präsident Trump im November könnte sogar ab 2021 in Genf „einen neuen Geist der Zusammenarbeit auslösen“.

Doch bis dahin dürfte die jetzige US-Administration der WTO weiter zusetzen – etwa indem das Trump-Team die Wahl des neuen Generaldirektors verzögert. Falls sich die WTO-Mitglieder bis Ende August nicht auf einen Chef einigen, könnte die Stunde des Deutschen Karl Brauner schlagen. Brauner ist einer der vier Stellvertreter des noch amtierenden Generaldirektors – einer von ihnen würde bis zur Einsetzung eines neuen Generaldirektors vorübergehend als Chef einspringen.

Kommentare