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USA und China: Rennen um die Spitze der Weltwirtschaft

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Von: Stephan Kaufmann

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Die größte Wirtschaftsmacht hat großen geopolitischen Einfluss. Derzeit haben die USA noch die Nase vorn, könnten aber bald von China überholt werden.

Im Wachstumswettrennen liegen die großen Wirtschaftsmächte dieses Jahr relativ eng beieinander: Die Eurozone dürfte mit knapp über drei Prozent etwas stärker wachsen als China und deutlich stärker als die USA mit rund zwei Prozent. Nächstes Jahr allerdings steht im Westen Stagnation an, China dürfte dagegen wegen der lockereren Covid-Politik wieder über vier Prozent Wachstum kommen.

Damit liegt die Frage auf dem Tisch: Wann wird China die größte Wirtschaftsmacht der Welt? Dieser Status hat nicht nur symbolische Bedeutung. Denn in einigen geopolitisch entscheidenden Punkten zählt nicht bloß Wachstum, sondern pure Masse.

Geopolitischer Einfluss durch militärische Stärke: Flugzeugträger wie die USS George H. W. Bush kosten 13 Milliarden Dollar – das muss man sich leisten können.
Geopolitischer Einfluss durch militärische Stärke: Flugzeugträger wie die USS George H. W. Bush kosten 13 Milliarden Dollar – das muss man sich leisten können. © IMAGO/Pixsell

Weltwirtschaft: China hat seit Jahrzehnten starkes Wirtschaftswachstum

Über Jahrzehnte war China dank seines starken Wirtschaftswachstum ein geschätzter Motor der Weltwirtschaft, der auch im Westen die Konjunktur stützte. Doch mit ihrem Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist auch die globale Macht der Volksrepublik gewachsen. Daher wird insbesondere in den USA wieder seit einiger Zeit gewarnt, die Vereinigten Staaten könnten gemessen am BIP von China überholt oder weiter abgehängt werden. Schließlich beruht die Stellung eines Landes in der geopolitischen Konkurrenz wesentlich darauf, wer mehr ökonomische Masse auf die Waage bringt.

Größste Volkswirtschaften nach Bruttoinlandsprodukt
Die größten Volkswirtschaften der Welt © FR-Layout

Wirtschaftlich große Länder verfügen über einen großen Heimatmarkt und damit über die Basis für große Konzerne. Und an diesen Superstarfirmen hängt ein Großteil der Exportpotenzen eines Landes wie auch seine gesamte internationale Wettbewerbsfähigkeit, zeigt eine Untersuchung von Oleg Itskhoki von der University of California in Los Angeles. Ein großes Wirtschaftspotenzial schafft auch die Ressourcen für Forschung und Entwicklung, was entscheidend ist im globalen Wettlauf um technologische Führerschaft zwischen den USA, China und Europa. „Um die Jahrtausendwende spielte China bei den weltweiten Patenten schlicht keine Rolle“, so das Institut IW, „mittlerweile liegt sein Anteil bei zwölf Prozent.“

Weltwirtschaft: Erwirtschaftetes Geld kann in Aufrüstung gesteckt werden

Ökonomische Masse zählt insbesondere auch in militärischen Fragen. Denn nur aus einer großen Wirtschaft können große Summen für Aufrüstung abgezweigt werden. Schließlich kostet ein moderner US-Flugzeugträger derzeit etwa 13 Milliarden Dollar, das entspricht dem Rüstungsbudget Polens.

Welche Ökonomie die größte der Welt ist, lässt sich allerdings nicht eindeutig bestimmen. Denn die Wirtschaftsleistungen werden in unterschiedlichen Währungen berechnet – die US-amerikanische in Dollar, die chinesische in Renminbi, die der Eurozone in Euro. Wir groß das BIP der einen im Verhältnis zu den anderen ist, hängt vom Umtauschverhältnis der Währungen ab. Der Einfachheit halber werden daher häufig die geltenden Wechselkurse in Anschlag gebracht. Nach dieser Rechnung liegen die USA derzeit noch weit vor China, das seinerseits 2018 die Eurozone überholt hat.

Wirtschaftsmacht: Welche Berechnungsmethode ist die richtige?

An dieser Berechnungsmethode gibt es jedoch Kritik. Denn bei ihr erhöht beispielsweise eine Aufwertung des Dollar die US-Wirtschaftsleistung, ohne dass mehr produziert worden wäre. Zudem reflektieren die Wechselkurse nicht die unterschiedlichen Preisniveaus in den Ländern – Chinas BIP mag zwar niedriger sein, aber viele Güter sind dort auch billiger als im Westen. Der Internationale Währungsfonds verwendet für seine Berechnungen daher Kaufkraftparitäten – berücksichtigt also die unterschiedlichen Preise in den Ländern. So kalkuliert hat China bereits 2016 die USA eingeholt und zieht davon.

Am Ende haben beide Methoden ihre Vor- und Nachteile. Die US-Investmentbank Goldman Sachs jedoch weist darauf hin, dass der globale Reichtum nach wie vor in Dollar gemessen wird und viele Güter – zum Beispiel Öl – weltweit in Dollar berechnet werden. Wie viel Zugriff ein Land daher auf Güter weltweit hat, entscheidet sich nicht an der inländischen Kaufkraft seiner Währung, sondern an deren globaler Kaufkraft. Und da misst sich alles am US-Dollar.

Weltwirtschaft: Immobilienkrise und Demografie bremsen China

In aktuellen Wechselkursen berechnet, liegt China zwar noch hinter den USA, und vielen Ökonomen scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Volksrepublik die Top-Position erklimmt. Doch dies ist keineswegs sicher. Der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers verweist auf die Warnungen früherer Jahre, Japan oder Russland könnten die USA überholen, was nie geschah. Zudem leide China unter strukturellen Problemen: eine schwelende Immobilienkrise und riesige Schulden im Zuge eines kreditgetriebenen Wachstums. Dazu kommen die Bemühungen Washingtons, Chinas Aufstieg durch Technologie-Sanktionen zu stoppen.

Auch die Demografie bremst China: Seine Arbeitsbevölkerung könnte in den nächsten 15 Jahren um 15 Prozent schrumpfen. „Das Potenzial an Erwerbsfähigen ist ein wichtiger Faktor für das Wachstumspotenzial eines Landes“, erklärt die DZ Bank. Die US-Regierung zielt ihrerseits „auf ein schnelleres Bevölkerungswachstum, um international besser konkurrieren zu können, insbesondere mit China“, so Matthew Yglesias, der 2020 das Buch „Eine Milliarde Amerikaner“ veröffentlichte.

Weltwirtschaft: China rennt auf die Spitze der Weltwirtschaft zu

Wesentliche Faktoren beim Rennen um die Weltspitze sind allerdings auch das Preisniveau in China sowie der Wechselkurs des Renminbi zum Dollar – beide dürften auf Dauer zulegen und so das BIP im globalen Vergleich aufblähen. Goldman Sachs prophezeit, dass sich Chinas Wirtschaftsleistung bis 2031 mehr als verdoppelt auf umgerechnet 38 Billionen Dollar – das wäre dann wohl weltweite Spitze. Zu diesem Anstieg trägt laut Goldman Sachs zur Hälfte das reale Wirtschaftswachstum von jährlich knapp vier Prozent bei. Die andere Hälfte resultiere aus einer Aufwertung des Renminbi zum Dollar und aus einer Angleichung des chinesischen Preisniveaus an das US-amerikanische. (Stephan Kaufmann)

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