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Christine Lagarde, derzeit Chefin der Internationalen Währungsfonds, löst Mario Draghi an der EZB-Spitze ab.

Zinspolitik

Zinspolitik: Renditen unter Null

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Die lang erwartete Wende bleibt aus: Statt zu steigen, fallen die Zinsen auf Tiefststände.

Jetzt haben wir die Zinswende – doch ganz anders als noch vor wenigen Monaten gedacht. Alles deutet auf eine Senkung der Sätze hin. Das bedeutet: schwere Zeiten für viele Banken und für Sparer. Auch bei der privaten Altersvorsorge tun sich immer größere Lücken auf.

Es ist nur eine merkwürdige abstrakte Zahl: Die Rendite der Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit notierte am Donnerstag nahe der Marke von minus 0,4 Prozent. Das bedeutet: Investoren sind bereit, quasi eine Gebühr dafür zu zahlen, dass sie dem Staat Geld leihen. Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Aber die Bundesrepublik gilt als einer der verlässlichsten Schuldner weltweit. Außerdem sind die Papiere sehr liquide, sie lassen sich schnell kaufen und verkaufen.

Die verkehrte Welt dürfte für die nächsten Monate zur Normalität werden. Die Experten der US-Investmentbank Goldman Sachs gehen davon aus, dass es bei dem Rekordwert von minus 0,4 Prozent nicht bleiben wird, dass bis zum Jahresende sogar minus 0,55 Prozent erreicht werden könnten.

Die kuriose Situation ist das Ergebnis der seit Jahren extrem lockeren Geldpolitik in der Eurozone. Seit 2014 liegt der für die Finanzbranche maßgebliche Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) bei null Prozent. Kürzlich hat der scheidende EZB-Präsident Mario Draghi angekündigt, dass es dabei bis mindestens Mitte nächsten Jahres bleiben soll. Hinzu kommt, dass Geschäftsbanken, die Geld bei der Notenbank parken wollen, dafür einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen müssen. Mehr noch: Draghi führt im September ein Sonderprogramm ein, das Banken zusätzlich billiges Geld zur Verfügung stellt. Es gibt Prämien für Institute, wenn sie eifrig Kredite vergeben. Und Draghi hat angedeutet, dass er die Geldpolitik noch weiter lockern will.

Volkswirte rechnen entweder mit einem noch niedrigeren Einlagensatz und/oder mit einem neuen Programm zum Aufkaufen von Anleihen – die EZB-Spitze hatte Ende 2018 das Programm zurückgefahren und damals sogar vernehmlich über Zinserhöhungen nachgedacht.

Die Kehrtwende hat viel mit der eingetrübten konjunkturellen Großwetterlage zu tun. Die Fährnisse des bevorstehenden Brexit und die Unsicherheiten durch die von US-Präsident Trump losgetretenen Handelskriege werden von den Experten als Hauptursachen genannt. Vor allem Industrieunternehmen leiden darunter. Selbst die optimistisch gestimmten Volkswirte des gewerkschaftsnahen IMK-Wirtschaftsforschungsinstituts erwarten nur noch ein Prozent Wirtschaftswachstum in Deutschland in diesem Jahr. Fragilere Ökonomien wie die italienische könnten in eine Rezession rutschen.

Der „Lagarde-Effekt“ wirkt

Die extrem freigiebige Strategie der EZB zielt darauf ab, die Kreditvergaben der Banken anzuheizen, was Investitionen der Unternehmen befeuern und damit neue Arbeitsplätze schaffen soll. Wie ein Turbo wirkt nun noch die Nominierung von Christine Lagarde zur Nachfolgerin von Draghi. Die Volkswirte der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS erwarten, dass die Neue nicht nur Anleihekaufprogramme forcieren wird, sondern auch auf eine „Fiskalpolitik zur Unterstützung der europäischen Wirtschaft“ pochen wird. Gemeint sind damit staatliche Investitionsprogramme, die Silke Tober, Expertin für Geldpolitik beim IMK, befürwortet. Sie schlägt unter anderem einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs vor. Es müsse ein „innovationsfreundliches Umfeld“ geschaffen werden, um private Investitionen zu schaffen.

Der „Lagarde-Effekt“ hat schon gewirkt und Aktien nicht nur in Europa nach oben getrieben. In den USA kletterte der Dow-Jones-Index auf einen Höchstwert, weil auch dort Zinssenkungen erwartet werden. Trump erhöht den Druck auf „seine“ Notenbank Fed, die Leitzinsen (sie liegen derzeit bei 2,25 bis 2,5 Prozent) zu senken, um vor allem die US-Exportwirtschaft anzukurbeln – niedrige Zinsen schwächen den Dollar und erleichtern damit Ausfuhren.

Der Minizins-Trend provoziert indes Anleger dazu, ihr Kapital in Aktien zu investieren. Denn das klassische Sparen ist längst ein Verlustgeschäft geworden, da die Zinserträge weit unter der Inflationsrate liegen. Auch Pensionskassen und Lebensversicherer haben schwer zu kämpfen. Bei vielen Sparplänen für die Altersvorsorge müssen massive Abstriche gemacht werden. Ein wichtiger Grund: In der Regel muss ein erheblicher Teil des Geldes in bombensichere Anlagen investiert werden – womit wir wieder bei den Negativzinsen für Bundesanleihen wären. Hinzu kommt, dass viele hiesige Banken immer stärker unter der geringen Zinsmarge leiden – also der geringen Differenz zwischen den Zinseinnahmen aus Krediten und Kosten für Guthabenzinsen. Branchenkenner gehen davon aus, dass diese Einbußen nun zunehmend durch höhere Gebühren für die Kunden ausgeglichen werden sollen.

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