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Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup übt sich in Kapitalismuskritik.

Mieten

Renditejagd beim Wohnungsbau stoppen

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Problemfall Mietenwahnsinn: Der Staat muss umverteilen und viel mehr Wohnungen bauen, fordert Ökonom Bontrup.

Heinz-J. Bontrup spitzt gerne zu. So geriet seine kürzlich gehaltene Abschiedsvorlesung an der Westfälischen Hochschule zu einer messerscharfen Kapitalismuskritik. Die Politik müsse endlich „intervenieren“, weil es die Gewerkschaften nach 30-jähriger neoliberaler Auszehrung nicht mehr schafften, die gesellschaftlich notwendige „substanzielle Umverteilung“ herbeizuführen.

Wer den Reichen ans Vermögen will, denkt wohl zunächst an Immobilienboom, Mehrwert und Mietwohnungen. Jeder zweite Bundesbürger wohnt zur Miete. Doch wer sind eigentlich die Vermieter? In der Öffentlichkeit werden hauptsächlich Konzerne wie Deutsche Wohnen mit mehr als 150 000 Wohnungen wahrgenommen. Die Frankfurter Aktiengesellschaft ist an der Börse bereits mehr wert als Lufthansa oder RWE und steht im Mittelpunkt des geplanten Berliner Volksbegehrens zur Enteignung großer Immobilienunternehmen.

Noch bieten die Hauseigentümer in Deutschland allerdings einen bunten Mix: private Kleinvermieter mit einer Wohnung, Genossenschaften, kirchliche Vermieter, kommunale Wohnungsunternehmen, private Kapital- und Personengesellschaften und eben börsennotierte AGs wie der Dax-Konzern Vonovia.

„Damit kann man von einer atomistisch aufgestellten Branche sprechen“, so Ökonomieprofessor Bontrup, „ohne hohe Konzentration auf wenige Unternehmen, wie in anderen Branchen heute üblich.“ Lediglich in einigen räumlich abgegrenzten Teilmärkten besitzen Vonovia & Co. eine starke Marktstellung. In seinem neuen Buch „Wohnst du noch ...?“ rechnet Bontrup vor, dass die Profitraten selbst bei Branchengrößen weit unter den durchschnittlichen Rentabilitäten in der deutschen Wirtschaft liegen.

Branche ist überaus eng mit der Finanzwirtschaft verzahnt

Auf eine andere, gefährliche Besonderheit weist der Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik hin: Die Branche ist überaus eng mit der Finanzwirtschaft verzahnt, was maßgeblich zur Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 beitrug. Später hat paradoxerweise die Finanzkrise ihrerseits den Immobiliensektor beflügelt. Das billige Geld der Zentralbanken machte es Investoren und Spekulanten leicht, Wohnungen auf Pump zu kaufen.

Entsprechende Mehrwerterwartungen werden heute erfüllt. Durch die Migration stieg die Zahl der Wohnungssuchenden. Gleichzeitig bewirkte die Landflucht, dass in Städten Wohnraum knapp wurde. Und selbst dort, wo die Bevölkerungszahl schrumpfte, stieg die Anzahl der Haushalte und damit die Nachfrage. Älter werdende Menschen, häufiger kinderlose und darum einkommensstarke Paare sowie ein Trend zu Singlehaushalten führten zu „zusätzlichen Spannungen“ auf dem Wohnungsmarkt. Gleichzeitig sank die Zahl der neu fertiggestellten Wohnungen drastisch, von jährlich fast 500 000 in den Neunzigern auf etwa 250 000 in diesem Jahrzehnt.

Durch ihr (schlechtes) Beispiel treiben die Großen die Preise nach oben. Sie wollen den Kaufpreis refinanzieren, die Kredite abzahlen, mit denen die Immobilien gekauft wurden, und hegen höhere Renditeerwartungen als „der Markt“. Dazu setzen sie auf Kosteneinsparungen, Rationalisierung der Prozesse, steigende Margen aus Modernisierungen und Zusatzleistungen wie Grünstrom. Diesem Beispiel der „finanzmarktorientierten“ Unternehmen folgen inzwischen selbst die „Amateurvermieter“.

Bontrups bittere Pointe: Börsennotierte Immobilienkonzerne sind aus Käufen von Werkswohnungen und kommunalen Immobilien hervorgegangen. Ein Grund mehr, um den Staat stärker in die Pflicht nehmen: Er soll 200 000 öffentliche Wohnungen im Jahr errichten, finanziert durch die Erhöhung immobilienspezifischer Steuern, so Bontrup. Damit würde zugleich die gesellschaftliche Umverteilung zugunsten der Vermieter gestoppt.

Hintergrund: Wohnungstausch

Der Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes, Ulrich Ropertz, hat für eine Änderung des Mietrechts plädiert, um den Tausch von Wohnungen zu ermöglichen – unter Beibehaltung der bisherigen Quadratmeterpreise. „Ich würde mir eine entsprechende Änderung wünschen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Denn bisher kann man private Eigentümer nicht zwingen, auf entsprechende Tauschangebote einzugehen – geschweige denn den Preis dafür vorgeben. Das ginge nur mit einer Änderung des Mietrechts.“ Bisher verlassen manche Mieter ihre zu großen Wohnungen nicht, weil kleinere Wohnungen nach einer Neuvermietung zuweilen noch teurer sind.

Ulrich Ropertz warnte aber vor zu hohen Erwartungen. Denn landeseigene Wohnungsunternehmen in

Berlin und Nordrhein-Westfalen böten entsprechende Tauschbörsen an. Dabei gebe es mehr Interesse an großen als an kleinen Wohnungen. Insgesamt seien die Tauschbörsen eher mäßig nachgefragt. „Bisher sind Tauschbörsen keine Erfolgsmodelle.“ Ropertz reagierte damit auf einen Vorschlag des Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck. (mdc)

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