Luca de Meo.
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Luca de Meo steht bei Renault vor großen Herausforderungen.

Renault

Bei Renault sitzt ein Künstler am Steuer

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Der Italiener Luca de Meo soll Renault aus der Krise führen. Doch die Ära Ghosn lastet schwer auf dem französischen Autohersteller. Die Analyse.

Wenn sein Salär in Vorschusslorbeeren ausbezahlt würde, wäre Luca de Meo jetzt schon ein schwerreicher Mann. Der Aufsichtsrat von Renault hatte den 52-jährigen Italiener am Dienstagnachmittag noch nicht bestimmt, da wurde er in Paris schon als Retter in der Not gefeiert. Ein Direktionsmitglied des Herstellers musste gar versichern, dass man den neuen Boss „nicht wie einen Messias“ erwarte. Allein, die französischen Medien sind voll des Lobes: De Meo spreche fünf europäische Sprachen fließend, kenne aber seit einer früheren Anstellung bei Toyota auch die japanische Mentalität – was der Renault-Allianz mit Nissan natürlich dienlich sein kann.

Außerdem habe er den spanischen Hersteller Seat aus der Versenkung geholt und in vier Jahren zu Rekordverkäufen von 574.000 Fahrzeugen verholfen. Wobei er das nicht mit billigen Marketingtricks erreicht habe: De Meo habe die demoralisierten Seat-Arbeiter „zum Träumen ermutigt“, schreibt das Finanzportal Boursorama in Paris. Der elegante Mailänder sei eben kein bloßer Marketingspezialist, er habe „etwas von einem Künstler“, der auf Elektromusik stehe und eigentlich lieber DJ geworden wäre.

Auch Volkswagenchef Herbert Diess hatte schon beim Weltwirtschaftsforum in Davos erklärt, er sei „sehr, sehr traurig“ über den Abgang de Meos bei Seat. Ein kleiner Trost ist ihm die millionenschwere Abfindung, die Renault für die zeitliche Verkürzung des Konkurrenzverbotes an VW entrichten muss. Auch so wird sich de Meo fünf Monate lang nur aus den Zeitungen über seinen nächsten Arbeitgeber informieren können; erst im Juli, wenn er seinen neuen Job antreten dürfte, wird er Zugang zu den internen Firmendaten zu erhalten. Sicherlich keine leichte Zeit für einen Mann, dessen größte Schwäche die Ungeduld sein soll.

Dass Renault in einer schwierigen Phase steckt, weiß de Meo ohnehin. Umsatz und Gewinn des französischen Herstellers sind rückläufig; der Börsenwert hat seit Mitte 2018 die Hälfte eingebüßt.

Die Affäre um den tief gefallenen Konzernboss Carlos Ghosn – der von Renault gerichtlich Rentenansprüche verlangen will – enthüllte die massiven Spannungen mit der Nissan-Führung. Darüber war im vergangenen Oktober schon de Meos Vorgänger Thierry Bolloré gestrauchelt. Die Japaner wollen den – für sie nachteiligen – Aktionsärspakt mit den Franzosen zu ihren Gunsten ausgleichen. Wenn de Meo dazu die Hand bieten sollte – und sei das nur, um Geld in die leeren Renault-Kassen zu spülen –, würde er in Paris schnell die Sympathien verspielen.

An der Seine wird sich de Meo aber auch gegen den französischen Staat behaupten müssen. Er hält noch 15 Prozent des Renault-Kapitals – und bedeutend mehr Mitspracherecht: Es war die Pariser Regierung gewesen, die 2019 ein Fusionsangebot von Fiat Chrysler für Renault hintertrieben hatte. Zum Zug kam schließlich Peugeot-Citroën PSA; Renault fehlt hingegen ein starker Partner, um in der Allianz gegenüber Nissan und Mitsubishi zu bestehen.

Kurz: Marketingmann de Meo muss sich zuerst einmal als Machtmensch behaupten. Seine schwierige Mission besteht darin, die teils völlig divergierenden Interessen und Strategien zu kanalisieren – und mit eigenwilligen Japanern, ambitiösen Ministern und stolzen Spitzeningenieuren auch noch gute Autos auf den Markt zu werfen.

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