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„Der in Frankreich, Belgien und Spanien eingeführte Nutri-Score mit einer fünfstufigen Farbskala ist allen anderen zur Abstimmung stehenden Systemen klar überlegen“, stellt Künast klar.

Renate Künast

Grünen-Politikerin Renate Künast greift Landwirtschaftsministerin Klöckner an

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Renate Künast, Ernährungs-Expertin der Grünen und frühere Ministerin für Landwirtschaft, über Nährwert-Logos und Zuckersteuer.

Frau Künast, Landwirtschaftsministerin Klöckner lässt seit Kurzem Verbraucher befragen, mit welchem Nährwert-Logo künftig auf Produkten über Zucker, Fett oder Salz informiert werden soll. Was haben Sie daran auszusetzen?
Das ist doch nur eine weitere Verschleppungsstrategie der Ministerin. Seit 20 Jahren diskutieren wir über eine sinnvolle Nährwert-Kennzeichnung, jetzt müssen endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Der in Frankreich, Belgien und Spanien eingeführte Nutri-Score mit einer fünfstufigen Farbskala ist allen anderen zur Abstimmung stehenden Systemen klar überlegen.

Nach Danone und Bofrost hat nun auch der Lebensmittel-Gigant Nestlé angekündigt, Nutri-Score zu nutzen. Das macht mit Blick auf die Qualität der Kennzeichnung misstrauisch.
Die Sorgen sind unbegründet. Zumindest Teile der Industrie und des Handels haben deutlich schneller als Klöckner erkannt, dass die Verbraucher endlich wissen wollen, was sie da essen, und sich gesund ernähren wollen. Die Unternehmen haben begriffen, dass sie sich verändern müssen und befürchten andernfalls einen Wettbewerbsnachteil. Das ist eine ähnliche Entwicklung wie bei Bioprodukten. Es ist doch grotesk, dass die Industrie beim Thema Nährwert-Logo bei Klöckner Druck machen muss. Umgekehrt müsste es sein. Die Ministerin schadet inzwischen der Wirtschaft.

Aber wie sinnvoll ist Nutri-Score tatsächlich?
Nutri-Score ist eine gute Alternative zu sehr detaillierten Nährwertangaben und wird auch von Verbraucherschützern befürwortet. Der entscheidende Vorteil ist, dass er simpel und durch die Ampelfarben leicht verständlich ist. Seien wir doch präzise: Das Logo richtet sich doch eher an sozial und finanziell schwächere Schichten, die der Werbung für angeblich gesunde Produkte schon mal auf dem Leim gehen. Wer keine Fertiggerichte und Softdrinks kauft und sich den halben Tag von Obst und Gemüse ernährt, braucht so etwas nicht.

Zur Auswahl bei der Befragung steht auch ein Modell, dass das staatliche Max-Rubner-Institut entwickelt hat und eine Art Kompromissmodell sein soll. Was halten Sie davon?
Es ist zu kompliziert und arbeitet nicht mit Signalfarben. Das bringt doch nichts. Ich habe gehört, dass das Institut das neue Modell auf Druck der Ministerin in sehr kurzer Zeit entwickeln musste. Entsprechend wenig überzeugend ist es. In seiner Bewertung verschiedener Nährwert-Kennzeichnungen von April 2019 hatte das Institut den Nutri-Score positiv bewertet. Klöckner hätte also längst handeln können.

Renate Künast war von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft.


Was ist notwendig, um Nutri-Score in Deutschland einzuführen?
Das muss Klöckner nur in Brüssel beantragen, was problemlos durchgehen dürfte. Und sie sollte eine Initiative starten, um das System permanent weiter zu entwickeln. Dazu müssen die Algorithmen, die hinter dem Logo stehen und für die Gewichtung der verschiedenen Inhaltsstoffe sorgen, nach wissenschaftlichen Kriterien immer wieder angepasst werden. So kann die Kennzeichnung später schrittweise verschärft werden. Aber das allein reicht auch nicht. Wir brauchen eine Ernährungswende.

Was verstehen Sie konkret darunter?
Unser Ernährungssystem ist gescheitert. Es bietet uns Lebensmittel, die nicht Mittel zum Leben sind, sondern uns krank machen. Die Mehrheit der deutschen Erwachsenen ist übergewichtig. Wir brauchen überall gesundes Essen, das für alle Verbraucher leicht verfügbar ist. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Gemeinschaftsverpflegung in Schulen, Kitas, Betriebskantinen, Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Dort sollten natürliche, frische Zutaten verwendet werden, keine überzuckerten Fertigprodukte.

Und was ist mit einer Zuckersteuer? Die Grünen drucksen bei diesem Thema nach den schlechten Erfahrungen mit dem Veggie-Day etwas herum.
Stimmt nicht. Ich sage es ganz klar: Wir brauchen eine Zuckersteuer. Das Beispiel Großbritannien zeigt, dass die Industrie wie gewünscht mit einer Senkung des Zuckergehalts reagiert, um diese Abgabe zu vermeiden. So verrückt es klingt: Die Zuckersteuer ist eine Steuer, die am Ende möglichst geringe Einnahmen bringen soll. Wir müssen nun nur die beste Variante auswählen.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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