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Vorbild für die Briten: die Reaktortechnik, die im neuen AKW Olkiluoto 3 in Finnland verbaut wird.
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Vorbild für die Briten: die Reaktortechnik, die im neuen AKW Olkiluoto 3 in Finnland verbaut wird.

Atomkraft

Die Renaissance der Nukleartechnik

  • Thorsten Knuf
    VonThorsten Knuf
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Die Briten unterzeichnen nach fast zwei Jahrzehnten Pause den Vertrag für ein neues Atomkraftwerk. Das wird als Renaissance der Nukleartechnik gefeiert.

Jean-Bernard Lévy ist ganz aus dem Häuschen. Man erlebe nun „die Wiedergeburt der Atomkraft in Europa“, jubelt der Chef des französischen Stromkonzerns EDF. Und der Cheflobbyist der deutschen Nuklearwirtschaft, Ralf Güldner, sagt: „Die britische Energiepolitik macht deutlich, dass die Kernenergie international eine Rolle beim Klimaschutz spielt.“

Der Grund für so viel Heiterkeit: Großbritannien hat sich endgültig entschieden, nach fast zwei Jahrzehnten Pause wieder ein Atomkraftwerk zu bauen. Heute soll in London der Vertrag für das Projekt Hinkley Point C unterzeichnet werden. Daran nehmen Vertreter der britischen Regierung sowie des französisch-chinesischen Baukonsortiums teil, das von EDF angeführt wird. Bis 2023 sollen zwei neue Reaktorblöcke entstehen. Weitere Projekte könnten folgen.

Damit Hinkley Point C überhaupt ins Rollen kommt, will London gigantische Subventionen zahlen: Per Kreditgarantie sichert die Regierung von Premierministerin Theresa May die Baukosten von mehr als 20 Milliarden Euro ab. Außerdem garantiert sie EDF über 35 Jahre hinweg einen Stromabnahmepreis von umgerechnet mehr als 100 Euro pro Megawattstunde plus Inflationsausgleich. Das ist etwa doppelt so viel, wie Elektrizität im Großhandel auf der Insel derzeit kostet.

Ist das die „Wiedergeburt der Atomkraft in Europa“, die sich die Manager der darniederliegenden Nuklearbranche auf dem Kontinent so sehr wünschen? Zweifel sind angebracht.

Denn wohin man auch schaut in Europa: Überall ist die Atomwirtschaft unter Druck, einst stolze Konzerne sind zu Pleitekandidaten mutiert. Mit der Katastrophe von Fukushima 2011 ist das Vertrauen in die Atomtechnologie noch weiter geschwunden. Neue Projekte lassen sich nur noch mit üppiger Unterstützung des Staates realisieren, wenn überhaupt. Die Zeiten, in denen abgeschriebene Meiler regelrechte Gelddruckmaschinen waren, scheinen vorbei.

Und das gilt nicht nur für Europa, sondern im Prinzip auch für andere Regionen der Welt: „Die Atomkraft verliert das Rennen gegen die erneuerbaren Energien und steigende Energieeffizienz“, so Mycle Schneider, Nuklearexperte mit Sitz in Paris. Schneider gibt jedes Jahr gemeinsam mit Kollegen den „World Nuclear Industry Status Report“ heraus, der penibel nachzeichnet, wie sich die Atomwirtschaft rund um den Globus entwickelt. In den 28 Mitgliedstaaten der EU waren demnach Mitte dieses Jahres 127 Reaktoren in Betrieb – 16 weniger als vor der Katastrophe von Fukushima und 50 weniger als zum historischen Höchststand 1989. Lediglich zwei Anlagen sind seit der Jahrtausendwende neu ans Netz gegangen.

Und der Kraftwerkspark altert: Im Durchschnitt produziert jeder Reaktor schon seit mehr als 30 Jahren Strom, mancher sogar seit mehr als 40 Jahren. Alte Anlagen sind störanfällig und damit teuer im Unterhalt. Auf die Betreiberfirmen kommen erhebliche Modernisierungskosten zu – und das in einer Zeit, in der der Ökostrom-boom die Strompreise drückt.

In Deutschland ist das Ende der Atomkraft längst beschlossene Sache: Ende 2022 soll hierzulande der letzte der noch verbliebenen acht Reaktoren vom Netz gehen. Die Atomkonzerne RWE, Eon, EnBW und Vattenfall sind nur noch Schatten ihrer selbst. Derzeit bemühen sie sich, die finanziellen Risiken des Atomausstiegs auf den Staat abzuwälzen.

Auch Belgien will aus der Atomkraft aussteigen, und zwar bis 2025. Schweden erlaubt den Neubau von Reaktoren nur noch, wenn zugleich alte Anlagen vom Netz gehen. Zwei Blöcke des schwedischen AKW Oskarshamn werden vorzeitig abgeschaltet, weil sich der Betrieb nicht mehr lohnt. In den Niederlanden wurde der geplante Neubau eines weiteren Meilers am Standort Borssele auf unbestimmte Zeit verschoben. Ungarn wiederum ist entschlossen, am Kraftwerk Paks zwei neue Blöcke errichten zu lassen. Dafür begibt sich Premier Viktor Orbán allerdings in Abhängigkeit von Russlands Präsident Wladimir Putin: Die Russen sollen nicht nur die Anlage liefern, – sondern den Ungarn gleich auch noch das Geld für den Bau leihen.

In Frankreich, einer der führenden Atomnationen der Welt, geht die Branche ebenfalls in Sack und Asche. Der Staatskonzern EDF, der alle aktiven 58 Reaktoren im Inland betreibt, hat fast 40 Milliarden Euro Schulden angehäuft. Der Börsenwert von EDF beträgt nur etwa die Hälfte davon. Nach der Liberalisierung des Strommarkts laufen dem Ex-monopolisten die Kunden in Scharen davon. Ende des vergangenen Jahres flog Europas größter Stromkonzern aus dem Leitindex der Pariser Börse. Die amtierende Regierung will die erneuerbaren Energien massiv ausbauen und den Anteil der Atomkraft am nationalen Strommix von etwa drei Vierteln auf die Hälfte drücken.

Bisher ist überhaupt nicht klar, wie EDF die anstehende Modernisierung seiner Kraftwerke finanzieren soll. Dafür müssten eigentlich die Strompreise angehoben werden, was unrealistisch ist.

Der Staat zwingt den Konzern auch, die Reaktorbausparte des maroden Nukleartechnikspezialisten Areva zu übernehmen.

Und dann ist da noch das Projekt Flamanville in der Normandie, wo sich ein Reaktor neuen Typs seit 2007 in Bau befindet. Wegen technischer Probleme zieht sich das immer weiter in die Länge. Nun hofft EDF auf eine Inbetriebnahme 2018 – sechs Jahre später als geplant. Die Kosten betragen nach offiziellen Angaben inzwischen mehr als 10 Milliarden Euro und damit fast das Dreifache der ursprünglich kalkulierten Summe. Das gleiche Trauerspiel wiederholt sich am finnischen Standort Olkiluoto, wo zwar nicht EDF, aber Areva in der Verantwortung steht.

In Hinkley Point sollen nun Reaktoren vergleichbaren Typs wie in Flamanville und Olkiluoto entstehen. Belegschaftsvertreter und Aktionäre bei EDF halten die finanziellen Risiken für untragbar. So sah das auch der ehemalige EDF-Finanzchef Thomas Piquemal, der im Frühjahr aus Protest seinen Job gekündigt hat.

Im laufenden Jahr sind weltweit neun neue Reaktoren ans Netz gegangen – kein Einziger davon in Europa. Fünf der Anlagen stehen in China, das ein umfangreiches Atomprogramm verfolgt, aber noch stärker auf den Ausbau der erneuerbaren Energien setzt. Jeweils eine weitere Inbetriebnahme gab es in Indien, Südkorea, Russland – und den USA.

Die Bauzeit des US-Meilers Watts Bar 2 im Bundesstaat Tennessee betrug übrigens 43 Jahre. Er ging Anfang Juni ans Netz und musste wegen technischer Probleme bereits zwei Tage später wieder abgeschaltet werden.

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