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Gillian Tans ist die Chefin von Booking.com

Tourismus

Reisende wollen abenteuerlustiger sein

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Gillian Tans, Chefin von Booking.com, spricht in der FR über die Konkurrenz zu Airbnb, die wahren Kosten des Reisens und die Macht der Buchungsportale.

Schnell tippt Gillian Tans noch ein paar Zeilen in ihr Smartphone. Die Niederländerin steht ständig unter Strom, ist permanent unterwegs. Sie hat die Reise-Webseite Booking.com zu einer der größten der Welt gemacht. 1,55 Millionen Übernachtungen werden täglich auf dem Portal gebucht – vom Hotelzimmer bis zum Iglu. Dann hat Tans fertig getippt und es kann losgehen. 

Frau Tans, wie oft sind Sie im Urlaub?
Es wäre nicht gut fürs Geschäft, wenn ich häufig im Urlaub wäre. Aber ich habe drei Kinder, also kann ich die Urlaubszeit nicht ignorieren. Und ich will sicherstellen, dass ich Zeit mit meiner Familie verbringe. Also ja, wir machen ein paar Reisen im Jahr. Aber ich bin nie komplett offline. Das ist der Deal.

Zu diesem Zeitpunkt des Jahres fangen die Leute an, Pläne für ihren Sommerurlaub zu machen. Welche Trends sehen Sie?
Globale Studien von uns zeigen, dass zwei Fünftel der deutschen Reisenden 2019 bei der Wahl ihres Reiseziels abenteuerlustiger sein wollen als bisher. Ein Viertel möchte an einen Ort fahren, an dem noch keiner ihrer Freunde gewesen ist, und über die Hälfte plant, das Geld auf Reisen eher für Erlebnisse als für materielle Dinge auszugeben.

Was sind die generellen Trends?
Die Leute reisen weiter weg. Sie buchen mehr in letzter Minute. Die Art der Unterkünfte, die sie buchen, wird immer vielfältiger. Familien und Freunde können die gemeinsame Zeit zum Beispiel in einem Landhaus verbringen oder eine Penthouse-Wohnung buchen, um eine neue Stadt zu erkunden. Die Lust auf einzigartige, lokale und persönlichere Reiseerlebnisse sowie die diesbezügliche Erwartungshaltung nehmen zu.

Wie gut kommen private Unterkünfte bei Ihren Nutzern an?
Wir treiben das Geschäft mit privaten Unterkünften voran. Wir haben schon 5,8 Millionen Häuser und Wohnungen im Angebot. Das ist ein schnell wachsendes Segment. Es ist uns sehr wichtig, dass wir den kompletten Mix unterschiedlicher Unterkünfte anbieten, damit die Menschen daraus wählen können. Wir sind mit 30 unterschiedlichen Unterkunftstypen das weltweit größte Unternehmen in diesem Bereich.

Wie würden Sie den Wettbewerb mit Airbnb beschreiben?
Natürlich sind wir Wettbewerber. Für eine lange Zeit war Airbnb das Unternehmen, über das am meisten gesprochen wurde im Segment der privaten Unterkünfte. Booking hat seither stark aufgeholt. Für mich ist am wichtigsten, dass der Kunde diese Art Unterkunft nachfragt. Wir sagen uns immer, dass wir sicherstellen wollen, dass wir es richtig machen. Wir haben die Regulierungsänderung in Paris (z.B. eine zeitliche Begrenzung der Vermietungsdauer von Privatwohnungen und höhere Steuern, Anm. d. Red.) gesehen und festgestellt, dass unsere Art, das Geschäft zu betreiben, fast vollständig dazu passte. Ich denke, es ist wichtig, dass es Regeln gibt, wie dieses Geschäft läuft.

Können Sie ausführen, wie Sie das Regulierungsthema anpacken?
Für uns ist völlig klar, dass wir uns an die Regeln halten, und dass wir mit den Städten zusammenarbeiten.

Versuchen Sie, Regulierung zu forcieren oder sie aktiv zu gestalten?
Das ist nicht wirklich unser Job. 

Aber es ist in Ihrem Interesse, Konflikte zu vermeiden.
Wir mögen klare Regeln seit jeher. Das schafft gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle. Und dann können sie über die Qualität und den Preis den Konkurrenzkampf führen. Und das ist, was wir mögen.

Tripadvisor und Airbnb bewegen sich immer stärker in die Vermittlung von Erlebnissen – der eigentliche Grund, warum die meisten Menschen verreisen. Was macht Booking?
Wir verfolgen einen ganz anderen Ansatz. Wir haben aus den Daten gelernt, dass unsere Kunden immer noch viel Hilfe benötigen, wenn sie an einem Reiseziel ankommen. Wir verfolgen da einen integrierten, mobilen Ansatz, so dass wir immer mit Lösungen bereitstehen, wenn ein Kunde Hilfe benötigt. Wenn sie also zum Beispiel am Flughafen ankommen, sagen wir ihnen, wie sie am einfachsten oder günstigsten zu ihrer Unterkunft kommen. Es wird etwas Zeit benötigen, bis unser Angebot komplett ist, aber wir haben zum Beispiel schon für über 70 Destinationen Attraktionen im Angebot.

Als Kunde würde ich mir wünschen, alles auf einer Website zu buchen. Denken Sie nicht daran?
Es gibt immer noch viele Hürden beim Reisen. Es ist komplex. Ein langer Trip besteht aus vielen Elementen. Das heißt, dass viele Unternehmen und Anbieter eng zusammenarbeiten müssen. Ohne Kooperation geht es nicht. Aber wir werden eines Tages dorthin kommen. Und neue Technologie wird dabei helfen, denn man muss das Angebot auch sehr viel persönlicher machen, um es gut zu machen.

Es ist schön, durch die Welt zu reisen. Aber Reisen hat seinen Preis, speziell für die Umwelt. Denken Sie, dass Booking in der Verantwortung steht, nachhaltigeres Reisen voranzutreiben?
Ich denke, ja! Wir haben große Initiativen rund um nachhaltiges Reisen gestartet. Wir müssen dafür sorgen, dass wir einmalige Destinationen bewahren und es sich auch für künftige Generationen noch zu reisen lohnt. Wir sehen diese Verantwortung. Aber dann stellt sich die Frage, wie man es anpackt. Wir investieren viel von unserer Zeit in diese Themen, aber wir investieren auch in die Wissenschaft und in Start-ups, die im nachhaltigen Tourismus unterwegs sind. Wir können diesen Unternehmen helfen, und wenn wir ihnen helfen, dann wird ihre Wirkung größer. Natürlich ist das nicht alles, was wir in Zukunft tun sollten, wir müssen mehr tun, aber es ist ein guter Start.

Können Sie ein paar Beispiele von Start-ups geben?
Es ist ganz unterschiedlich. Wir haben zum Beispiel „Women on Wheels“ aus Indien. Die sorgen dafür, dass Frauen als Taxifahrerinnen arbeiten. So kommen Frauen in Arbeit. Und das nützt auch den Reisenden: Wenn eine Frau zum Beispiel spät am Flughafen ankommt und sich unsicher fühlt, dann kann sie ein Taxi mit einer Fahrerin nehmen. Dann haben wir „Wheel the World“, die das Reisen für behinderte Menschen erleichtern. Und wir haben auch die „Himalaya Experience“, dort trägt Tourismus dazu bei, dass viele Dörfer, die noch kein Licht haben, welches bekommen. So können zum Beispiel Schüler abends noch lernen. Aber es geht bei unseren Projekten auch darum, Plastik aus den Meeren zu holen und unsere Strände zu säubern.

Fernreisen sind schlechter für die Umwelt als kurze Reisen. Versuchen Sie, die Leute dazu zu animieren, in der näheren Umgebung Urlaub zu machen?
Wir sind noch weit davon entfernt, den Kunden nahezulegen, dass sie statt nach Asien zu reisen doch lieber eine Stadt in Holland besuchen sollten. Vielleicht kommen wir da eines Tages hin. Aber davor müssen wir erstmal noch besser verstehen, wie die Bedürfnisse tatsächlich sind. Denn das hätte nur Erfolg, wenn wir den Kunden wirklich helfen. 

Plattformen wie Booking.com sind für die Kunden bequem. Aber es gibt auch eine negative Seite. In einer Umfrage unter 3400 Hotels hat die Hälfte gesagt, dass die Plattformen zu viel Macht hätten, dass sie Vertragskonditionen, Spezialkonditionen und Rabattaktionen akzeptiert hätten, die ihnen eigentlich nicht gefallen. Sie riefen danach, dass die Regulatoren einschreiten sollten. Was ist Ihre Antwort auf diesen Vorwurf?
Ich kenne die Umfrage nicht. Aber ich weiß, dass wir unsere Unternehmenspolitik nicht wirklich geändert haben …

… ja, aber Sie gewinnen Marktanteile.
Das liegt in der Natur des Geschäfts und daran, dass die Menschen unser Produkt mögen. Und es ist nicht so, dass wir die Hälfte des Unterkunftsgewerbes beherrschen würden. Online sind wir groß, aber es gibt für Hotels immer noch viele Wege, die Menschen zu erreichen, zum Beispiel durch Reisebüros und Veranstalter.

Sie befürchten nicht, dass die Kartellbehörden in Ihr Geschäftsmodell eingreifen?
Wenn wir Fragen von Regulatoren bekommen, dann kooperieren wir. Wir waren bisher immer in der Lage zu erklären, warum und wie wir etwas tun. Für uns ist es wichtig, dass wir für unsere Partner und unsere Kunden weiterhin genug Wert schaffen.

Wenn wir über erfolgreiche Unternehmen im digitalen Zeitalter reden, dann reden wir üblicherweise über US-Firmen. Booking ist ein Gegenbeispiel dafür, dass wir erfolgreiche digitale Unternehmen in Europa haben. Wie gut ist Europa bei digitaler Innovation?
Ich denke, da ist noch Arbeit zu tun. Es wurde viel getan für Start-ups. Für sie ist immer mehr Geld verfügbar. Es gibt immer mehr Städte, die Ökosysteme für Start-ups schaffen, zum Beispiel Berlin oder Amsterdam. Da haben wir einen Riesenschritt gemacht. Aber was jetzt noch mehr Aufmerksamkeit benötigt, sind die Scale-ups. Damit aus Unternehmen mit einer funktionierenden Idee auch große Unternehmen werden können. Es ist sehr schwierig, wenn sie in einem europäischen Land gründen und dann über die Grenzen des Landes hinauswachsen wollen – weil sie es in jedem Land mit anderen Gesetzen zu tun haben. Da brauchen sie fast mehr Juristen als Software-Ingenieure. Da muss man ran.

Der Erfolg von Booking.com steht in enger Verbindung mit Ihrem Namen. Was machte ihre Karriere als weiblicher Tech-Leader möglich?
Ich will nicht die ganzen Lorbeeren für den Erfolg von Booking.com einheimsen. Aber es zeigt, dass Booking in seiner DNA vom ersten Tag an Diversität verankert hatte. So wurde es für mich möglich, mich überhaupt in diese Richtung zu bewegen.

Interview: Daniel Baumann

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