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Nicht nur im Regionalverkehr mischen Privatbahnen mit.

Bahn-Konkurrenz

Reisen in der dritten Klasse

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Im Fernverkehr wächst die Konkurrenz für die Deutsche Bahn: Mitte 2011 startet Mitbewerber Locomore seine Verbindungen von Köln nach Hamburg - mit drei Klassen und einem Fahrradabteil.

Derek Ladewig hat den Sitz seines Unternehmens wohl überlegt ausgesucht – direkt vis-à-vis seines größten Konkurrenten. Wenn der 39-jährige Unternehmer aus seinem Fenster schaut, blickt er genau auf den Tower der Deutschen Bahn (DB) am Potsdamer Platz in Berlin. Dort dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, wer ihr neuer Nachbar ist. Denn Ladewig schickt sich an, als eines der wenigen Unternehmen überhaupt in Deutschland dem heimischen Platzhirsch im Bahn-Fernverkehr Konkurrenz zu machen. Ab Mitte nächsten Jahres will Ladewigs Unternehmen Locomore Rail Fernzüge zwischen Köln und Hamburg auf die Reise schicken.

Anders als im Regionalverkehr hat die DB auf ihren Fernverbindungen kaum Konkurrenz. Nur das französische Unternehmen Veolia betreibt zwischen Leipzig, Berlin und Rostock den Interconnex. Ladewig will der nächste sein, der auf deutschen Schienen Neuland betritt. Dreimal täglich soll ab Mitte 2011 sein Hamburg-Köln-Express (HKX) verkehren. Jeweils um 7.01 Uhr, 12.01 Uhr und 17.01 Uhr ab Köln sowie 6.49, 11.49 und 16.49 ab Hamburg. Die Fahrzeit soll rund vier Stunden betragen. „Das ist etwa genau so lange, wie die IC- und ICE-Züge der DB brauchen“, sagte Ladewig.

Bei Preis und Service indes will sich Locomore vom großen Konkurrenten deutlich unterscheiden: „Wir werden einen sehr attraktiven Preis bieten“, kündigt der Chef an. „Je früher gebucht wird, desto attraktiver.“ Doch auch im Zug sollen Reisende ihren Fahrschein kaufen können. Ein Ticket der Deutschen Bahn kostet derzeit auf der Strecke Köln-Hamburg zwischen 29 und 80 Euro.

Um die Kunden in seine Züge zu locken, will Ladewig ihnen auch unterwegs einiges bieten: „Wir werden mindestens drei Klassen und weitere Komfort-Unterscheidungen haben.“ Es werde einen Bordservice am Platz und ausreichend Freiraum für Familien mit Kindern geben und andererseits Arbeitsmöglichkeiten für Geschäftsreisende. Auch an die Fahrradmitnahme sei gedacht. Von der Österreichischen Bundesbahn hat Locomore 18 Reisewagen gekauft, die derzeit total umgestaltet werden. Die nötigen Lokomotiven will das Unternehmen samt Lokführer mieten. „Das Personal im Zug stellen wir selbst.“

Mit Inbetriebnahme der Bahnstrecke werde Locomore 50 bis 60 Mitarbeiter beschäftigen. Insgesamt koste das Projekt fast zehn Millionen Euro. Das Geld hat der US- Investor Railroad Development Cooperation vorgeschossen, der einer der Gesellschafter ist. Ladewig verfolgt seit vielen Jahren die Idee, einen Fernzug zu betreiben. Als ehemaliger Berater des früheren Grünen-Verkehrsexperten Albert Schmidt hatte er mit den Weg dafür geebnet, dass auf dem deutschen Schienennetz Wettbewerb einzieht. Dass es so schwer wird, dies in die Praxis umzusetzen, hat auch ihn überrascht. So ist es nur alle fünf Jahre möglich, sich bei der DB-Tochter Netz für eine fünfjährige Nutzung einer Fernbahnlinie zu bewerben.

Im Oktober 2009 hatte Locomore den Antrag für die Linie Köln-Hamburg gestellt. Doch mit der Privatbahn Keolis gab es einen zweiten Bewerber. Die Tochter der französischen Staatsbahn SNCF wollte Zugreisen von Straßburg über Köln nach Hamburg anbieten. „Eigentlich waren wir damit schon weg vom Fenster, weil derjenige den Vorzug erhält, mit dem die DB mehr Trassen-Einnahmen erzielen kann“, sagt Ladewig. Doch Keolis sprang plötzlich ab. Grund: Das Eisenbahnbundesamt hatte die Züge der Privatbahn, obwohl sie erst seit einem Jahr auf dem Markt waren, nicht rechtzeitig zugelassen. Keolis musste passen und kann sich nun erst 2014 wieder für eine mehrjährige Bahnlinie bewerben.

Neben Straßburg-Köln-Hamburg wollte das Unternehmen weitere Linien beantragen, unter anderem von Berlin nach Frankfurt am Main. „Diese Pläne sind jetzt nicht mehr aktuell, wenngleich wir sie nicht völlig verworfen haben“, sagt Keolis-Chef Hans Leister. So bleibt Locomore vorerst neben Veolia einziger DB-Konkurrent im Fernverkehr. Und selbst das nur im beschränkten Maße. Denn zwischen Berlin-Köln-Frankfurt und Hamburg-Frankfurt-Stuttgart hatte Locomore weitere Strecken beantragt, konnte aber nicht rechtzeitig Züge bereitstellen, weil man dafür gut drei Jahre Vorlauf benötigt. Derzeit streiten DB Netz und Locomore darüber noch vor Gericht. „Doch das kann sich noch Jahre hinziehen“, so Ladewig.

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