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Frank Bsirske hat die Gewerkschaft Verdi jahrelang geprägt.

Arbeitnehmer

Rein ins Leben

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Ohne starke Gewerkschaften keine sozialer Friede. Verdi, IG Metall und Co. werden in Zukunft nur dann Erfolg haben, wenn sie sich unverzichtbar machen.

Gerade erst gewählt gibt sich der Verdi-Chef kämpferisch. „Trauen wir uns raus aus den Gewerkschaftsgettos, rein ins Leben“, mahnt er die Delegierten. Was für ein guter Vorsatz! Die weißen Flecken in der Tariflandschaft müssten angegangen werden, für die IT-Branche brauche es maßgeschneiderte Lösungen. Es klang nach dem ganz großen Aufbruch.

Die Rede stammt allerdings nicht von Frank Werneke, dem frisch gewählten Vorsitzenden der Dienstleistungsgewerkschaft, sondern von seinem Vorgänger: Frank Bsirske. Der Appell ist also mehr als 18 Jahre alt – und doch aktueller denn je. Raus aus den Gettos, raus aus dem eigenen Saft, rein ins Leben, das würde den deutschen Gewerkschaften auch heute gut zu Gesicht stehen. Weniger Selbstbeschäftigung, mehr Modernisierung.

Bsirske kann Bedeutungsverlust nicht stoppen

Den schleichenden Bedeutungsverlust der organisierten Arbeitnehmerschaft, die Erosion ihrer eigenen Wirkmacht, hat auch Bsirske nicht stoppen können. Zweifelslos war er zuletzt das bekannteste Gesicht der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Ein versierter Stratege, wann immer es um Tarifverhandlungen ging. Doch unter seiner Führung hat Verdi ein Drittel seiner Mitglieder verloren. Vom Öffentlichen Dienst abgesehen: In vielen Branchen hat die Gewerkschaft unverändert allergrößte Mühe, einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Da geht es um die Pflege, sicher auch um den Einzelhandel und selbstverständlich um Klick- und Crowd-Arbeiter.

Die Tarifbindung schwindet. Leipzig, wo Verdi nun seinen Kongress abhält, steht dafür sinnbildlich. Vier von fünf Betrieben im Osten der Republik zahlen inzwischen nicht mehr nach Tarifvertrag. Nur noch knapp 14 Prozent der Beschäftigten in den neuen Ländern sind noch in einer Gewerkschaft.

Bundesweit haben die DGB-Gewerkschaften inzwischen weniger als sechs Millionen Mitglieder – so wenige wie in Westdeutschland Anfang der Fünfzigerjahre. Und auch wenn mancher Funktionär bereits Hoffnung aus der Tatsache schöpft, dass die Zahl der Neumitglieder inzwischen steigt. Grund zum Zurücklehnen gibt es keinen.

Gewerkschaften müssen sich unverzichtbar machen

Gewerkschaften werden in Zukunft dann Erfolg haben, wenn sie sich unverzichtbar machen. Und zwar, indem sie den Nachweis erbringen, dass sich gemeinsam mehr erreichen lässt als allein. Sie müssen gegen die Ungerechtigkeiten einer sich rasant wandelnden Arbeitswelt kämpfen und dabei glaubwürdig sein.

Der Bote, der in Zeiten eines ungebremst boomenden Onlinehandels Päckchen schleppt, will einen fairen Lohn. Plattform-Beschäftigte würden sich sicherlich über eine Gewerkschaft freuen, die für ihre Rechte streiten würde. Und in der Altenpflege schien es lange Zeit so, als habe Verdi es aufgegeben, noch etwas erreichen zu wollen. Nun endlich soll über einen Tarifvertrag verhandelt werden, der für die Branche bald bundesweit verbindlich sein könnte.

Starke Gewerkschaften haben sich in der Vergangenheit als Garant für sozialen Frieden und als Bollwerk gegen raubtierkapitalistische Auswüchse erwiesen. Die Politik könnte einiges tun, um dafür zu sorgen, dass Verdi, IG Metall und Co. stark bleiben können. Man muss nicht gleich, wie Arbeitsminister Hubertus Heil es vorschlägt, auf ein Steuerprivileg für Mitgliedschaften in Gewerkschaften setzen. Es wäre schon viel erreicht, wenn künftig nur noch Firmen öffentliche Aufträge bekämen, die nach Tarif zahlen.

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