Verteilung

Reiche Warmduscher

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Einmal Starnberger See und zurück in den Wedding: Die einen heizen sich den Pool, die anderen leben von den Brotkrumen, die vom Tisch fallen.

Neulich war ich auf einer Gartenparty am Starnberger See. Das klingt wie ein Witz – zumindest in Berlin-Wedding, wo ich in meinem Stammlokal von der Einladung nach Bayern erzählte.

In Starnberg war ich auf einem Privat-Grundstück einquartiert, dessen Rasen größer war als der Volkspark um die Ecke. Im Poolhaus mit beheiztem Becken würden mindestens drei Kitas meiner Straße bequem Unterschlupf finden. Ich schlief in einer Villa mit vierzehn Zimmern, mit Blick auf den See und die Alpen und kam aus dem Staunen nicht heraus.

Cinderella war ausgeträumt als ich am Montag wieder zur Arbeit in die Berliner U-Bahn stieg und Richtung Zoologischer Garten fuhr. Wie jeden Tag rollte mühsam der am Unterschenkel amputierte Rollstuhlfahrer herein, der nach Urin, Schweiß und Fäulnis roch. Er bettelte, erhielt ein paar Münzen und rollte wieder raus. Auf dem Rückweg ein anderer Mann, der seinen verkrüppelten Fuß zeigte und um ein wenig Essen bat. Wenige Stationen später steigt eine zermürbte Frau ein, die die Fahrgäste angiftet, weil niemand ihr etwas geben möchte.

Ich dachte an Starnberg zurück. Mir fiel Somerset Maugham ein, der sagte, ab einem gewissen Grad ist Reichtum ordinär. Nüchtern in Zahlen: Die reichsten ein Prozent in Deutschland verfügen über 32 Prozent und die reichsten zehn Prozent über 65 Prozent des Gesamtnettovermögens. 50 Prozent über 2,4 Prozent und der Rest hat nichts oder Schulden. Weder das Wirtschaftswachstum noch das Beschäftigungshoch überwindet diese zutiefst ungerechte Verteilung des Vermögens in Deutschland. Eine Aufstiegsmobilität, etwa durch Bildung oder lohnabhängige Arbeit, ist kaum vorhanden. Da sickert nichts nach unten. Wie Thomas Piketty 2017 feststellte, ist die soziale Kluft in Deutschland so groß wie vor dem Ersten Weltkrieg.

Die Menschen im Wedding wissen durchaus, dass sie von den Brotkrumen leben, die vom Tisch der Reichen fallen. Es ist nichts Neues. Und doch wünsche ich mir den Roten Wedding der Vorkriegszeit zurück. Da stand Ungerechtigkeit zumindest noch breit zur Disposition und es wurde von unten gemeinsam dagegen angekämpft.

Letztlich erzählte ich von der Gartenparty. Sie lachten über den beheizten Pool. Die Reichen seien also Warmduscher. Es war reiner Galgenhumor.

Die Autorin arbeitet an der TU Berlin und koordiniert das Berliner Hochschulprogramm DiGiTal zur Förderung von Frauen in Forschung und Lehre.

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