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Wer viel besitzt, hat durch den Klimawandel auch besonders viel zu verlieren.

CO2-Kompensationsprojekte

Reiche sollen mehr zahlen

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Die Politik wird es nicht schaffen, die Erderwärmung durch neue Regeln aufzuhalten. Wohlhabende und Unternehmen sollten einen freiwilligen Beitrag leisten, fordern Experten.

Wohlhabende Privatleute, Unternehmen und andere Organisationen müssen mehr tun, um die Klimaerwärmung zu stoppen. Sie sollten freiwillig und auf breiter Front CO2-Kompensationsprojekte in Entwicklungsländern finanzieren und sich dadurch „klimaneutral“ stellen – also ihr eigenes klimaschädliches Verhalten ausgleichen. Das ist eine Forderung des renommierten Ökonomen und Informatikers Franz Josef Radermacher. Deutschland zum Beispiel könne seine Emissionen so bis 2025 unter dem Strich auf null senken – und zwar zu tragbaren Kosten.

Die Zeit für die Stabilisierung des Weltklimas läuft davon. Erst kürzlich hat der Weltklimarat IPCC festgestellt: Die globalen Treibhausgas-Emissionen müssen bereits bis 2030 mehr als halbiert werden und bis 2050 auf null sinken, um die Sicherheitslinie von „nur“ 1,5 Grad Erwärmung zu halten. Tatsächlich steigen sie derzeit weiter an, eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Radermacher sieht keine Chance mehr, mit der bisherigen internationalen Klimapolitik die CO2-Minderungen zu erreichen, die nötig sind, um das im Paris-Klimaabkommen verankerte Limit von „deutlich unter zwei Grad“, besser aber 1,5 Grad, zu halten. „Der Paris-Vertrag ist eine wichtige Grundlage, aber er wird nicht zum Ziel führen, wenn wir nur auf die Politik und Regulierung setzen“, sagte der Ulmer Professor der FR. Die Politik sei überfordert, den nötigen Umbau der Wirtschaft schnell genug durchzusetzen: „Dafür sind zu viele Interessen im Spiel.“

Tatsächlich bringen die von den Regierungen weltweit bisher zugesagten Emissionsreduktions-Ziele nur eine Treibhausgas-Einsparung gegenüber dem Business as Usual von aufsummiert bis 2050 rund 500 Milliarden Tonnen. Das brächte die Welt auf einen Drei- bis Vier-Grad-Pfad. Um das Zwei-Grad-Limit zu halten, müssen weitere rund 500 Milliarden Tonnen CO2 eingespart werden, beim 1,5-Grad-Limit sogar 700 Milliarden. Derzeit werden weltweit jährlich rund 41 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt.

Radermacher, der an der Universität Ulm das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung leitet und unter anderem Mitglied im Thinktank „Club of Rome“ ist, fordert vor allem von großen Unternehmen und Wohlhabenden, die einen CO2-intensiven Lebensstil führen, Geld in die CO2-Kompensation zu stecken. Die Finanzmittel werden dabei genutzt, um Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern zu finanzieren, die dort Treibhausgase vermeiden oder CO2 wieder aus der Atmosphäre holen – zum Beispiel Biogas-Anlagen, Häuserdämmung oder Aufforstung.

Die CO2-Kompensation ist ein seit Jahren eingeführtes Verfahren, das in Deutschland unter anderem von Anbietern wie Atmosfair, MyClimate und die Klima-Kollekte angeboten wird. Sie ermitteln den CO2-Ausstoß etwa einer Flugreise oder sie analysieren den ganzen Jahres-Klima-Fußabdruck einer Person oder eines Unternehmens, berechnen die CO2-Kosten und investieren das dafür gezahlte Geld in zertifizierte Klimaprojekte.

Auch das UN-Klimasekretariat hat ein solches Programm aufgelegt, genannt „Climate Neutral Now“. Neben umweltbewussten Privatleuten neutralisieren auch eine ganze Reihe Unternehmen einen Teil ihrer Emissionen auf diesem Weg, darunter zum Beispiel die Deutsche Bank, DHL oder Ritter Sport. Die Bundesregierung gibt ebenfalls ein Beispiel. Ihre Dienstreisen werden klimaneutral abgewickelt.

Der Ulmer Professor sieht vor allem die Wohlhabenden in der Pflicht, Kompensation zu betreiben, da sie weit überproportional zum CO2-Ausstoß betragen. Tatsächlich sind, global betrachtet, die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung laut einer Studie der französischen Ökonomen Thomas Piketty und Lucas Chancel von der Paris School of Economics alleine für 49 Prozent der Emissionen verantwortlich.

Diese „Top Emitters“, die meist Vielflieger und Besitzer von mehreren Immobilien und Autos sind, müssten „dringend zum Mitmachen bei der Lösung des Klimaproblems aktiviert werden“, schreibt Radermacher in seinem neuen Buch zum „Milliarden-Joker“ (Murmann-Verlag, Hamburg). Diese Personen gebe es in allen Teilen der Welt, also in armen wie in reichen Ländern. „Politik und NGOs sollten alles tun, die reichen Segmente der Weltbevölkerung und ihre vielfältigen Partner, Dienstleister und Umfelder zu motivieren, sich freiwillig und zu eigenen Lasten klimaneutral zu stellen und die dafür notwendige Finanzierung aufzubringen“, fordert Radermacher.

In Deutschland beträgt der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 im Durchschnitt rund elf Tonnen, Reiche mit einem entsprechenden Lebensstil kommen laut Radermacher hierzulande (und weltweit) aber „locker auf 50, teils auch 100, 500 oder sogar 1000 Tonnen“. Zwar sollten, meint er, möglichst alle Menschen, die es sich leisten können, ihre persönlichen Emissionen kompensieren. Den Durchschnittsdeutschen kostet das 65 bis 250 Euro pro Jahr – hiesige Kompensationsanbieter verlangen zwischen fünf und 23 Euro pro Tonne CO2. Bei den Reichen bringt diese Maßnahme wegen ihrer hohen Emissionen allerdings viel mehr, nur steigen die Kosten entsprechend. Bei 500 Tonnen Jahresausstoß sind immerhin mindestens 2500 Euro fällig. „Aber“, wendet Radermacher ein, „solche Summen spielen in dieser Einkommensschicht keine Rolle.“

Die Frage ist allerdings, wie die Reichen zu motivieren wären, einen Teil ihres Geldes als verlorene Zuschüsse in die Kompensation zu geben. Radermacher glaubt, dass sie dazu bereit sein werden, wenn sie über die Folgen eines ungebremsten Klimawandels aufgeklärt werden: „Bei einer Klimakatastrophe werden nach Studien weltweit substanzielle Teile des Eigentums – zum Beispiel bei Aktien als sogenannte „stranded assets“ – vernichtet werden, und das trifft die Vermögenden besonders stark, denn ihnen gehört der größte Teil der Besitzgüter. Das heißt: Sie gefährden ihren eigenen Wohlstand, aber auch ihren Lebensstil, wenn sie nichts gegen den Klimawandel unternehmen.“ Ohne einen solchen Umschwung drohten über kurz oder lang einschneidende politische Maßnahmen – wie gesetzliche Verbote von Flugreisen, Stilllegung von SUVs oder hohe Steuern auf Zweit-oder Drittwohnungen.

Radermacher will nicht missverstanden werden: Er befürwortet durchaus auch die anderen Maßnahmen zur Begrenzung des Treibhausgas-Ausstoßes wie CO2-Steuern, einen globalen Emissionshandel und ordnungsrechtliche Eingriffe. Er glaubt allerdings nicht, dass sie schnell genug umgesetzt werden können, um den Treibhausgas-Ausstoß radikal genug zu senken. Er fordert die Politik und die Umwelt- und Entwicklungs-NGOs auf, mit großen Kampagnen für die CO2-Kompensation zu werben. „Die Bundesregierung muss das pushen“, sagt der Experte.

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