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Reha-Kliniken in Existenznot

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Von: Nina Luttmer

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Viele Mütter und Väter sind kurbedürftig. Sie müssen aber mit langen Wartezeiten rechnen.
Viele Mütter und Väter sind kurbedürftig. Sie müssen aber mit langen Wartezeiten rechnen. © Lobeca/Imago

Müttergenesungswerk fordert dringend finanzielle Unterstützung von den gesetzlichen Krankenkassen. Eine Einrichtung in NRW steht bereits kurz vor dem Aus.

Das Müttergenesungswerk wendet sich mit einem Brandbrief an den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen und warnt darin vor einer Existenzkrise der Rehabilitations-Kliniken. Die erste Klinik im Verbund des Müttergenesungswerks stehe vor der Schließung, weitere Einrichtungen seien in ihrer Existenz bedroht, sagte Yvonne Bovermann, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerk, der FR.

Bei der vor dem Aus stehenden Klinik handelt es sich um die Mutter-Kind-Klinik Schanzenberg im nordrhrein-westfälischen Horn-Bad Meinberg, die derzeit in der Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt ist. Ein neuer Träger werde gesucht – „aber bislang haben alle abgewunken. Die Rahmenbedingungen sind so schlecht, da will niemand noch eine Klinik übernehmen – auch wenn der Bedarf auf Patientenseite da ist“, so Bovermann. Die Klinik sei – wie alle Mutter-Kind-Kliniken – ausgebucht. Doch die Finanzierung ist nicht gesichert. Und viele andere Reha- und Vorsorgekliniken haben dieselben Probleme.

Das gemeinnützige Müttergenesungswerk ist der größte Anbieter von Mutter-Kind- und Vater-Kind-Kuren in Deutschland. Es arbeitet mit insgesamt 73 Kliniken zusammen. Im Vor-Corona-Jahr 2019 nutzten etwa 49 100 Mütter und Väter und 70 000 Kinder die Angebote. Im Jahr 2020 mussten die Kliniken wegen der Pandemie zeitweise schließen, sie durften außerdem nur deutlich weniger Patient:innen aufnehmen – die Zahl der Teilnehmer:innen sank dadurch auf etwa 32 600 Erwachsene und 45 000 Kinder. Im Jahr 2021 dann eine Erholung: 44 200 Erwachsene und 63 000 Kinder kamen in die Reha-Einrichtungen.

Viele Patientinnen und Patienten warten monatelang auf einen Platz in einer Klinik

Der Bedarf ist ungleich höher. Viele Patient:innen warten monatelang, um einen Platz in einer der Erholungskliniken zu bekommen; durch Corona ist die Zahl erschöpfter Eltern weiter gestiegen. Getragen wird die Leistung bei gesetzlich Versicherten nach Genehmigung von den gesetzlichen Krankenkassen.

In der Corona-Krise wurden die Kliniken des Müttergenesungswerks erst nach zähen politischen Verhandlungen staatlich unterstützt – mit Ausfallhonoraren für frei bleibende Betten von zunächst 60 und dann 50 Prozent und mit Hygienezuschlägen von acht Euro je Patient:in und Tag. Doch diese Hilfen sind Ende Juni ausgelaufen.

Um wirtschaftlich arbeiten zu können, benötigen die Kliniken eine Auslastung von 95 Prozent. Inzwischen seien die Betten zwar immerhin wieder zu 80 bis 90 Prozent belegt – „aber es geht ja wieder los mit den Beschränkungen“, sagt Bovermann und es sei unklar, was der Winter bringe. In den Kliniken würden die Patient:innen weiterhin anlasslos regelmäßig auf das Coronavirus getestet und bei Positivbefund nach Hause geschickt. Die Betten seien im Regelfall spontan nicht neu zu belegen. Zudem müssten die Kliniken weiterhin Therapien in kleineren Gruppen anbieten, was mehr Personal erfordere. Gegessen werde weiterhin in Schichten, das Tragen von Masken sei meistens Pflicht, Desinfektionsmittel müssten vorgehalten werden.

Müttergenesungswerk hofft auf Geld von Krankenkassen und vom Bund

Mit Tagessätzen von 70 bis 90 Euro pro Patient:in, den die gesetzlichen Krankenkassen den Kliniken zahlen, sei das alles nicht zu stemmen, sagt Bovermann. Zumal die Inflation und die steigenden Energiekosten auch die Kliniken enorm belasteten. „Es melden sich manchmal Träger bei uns, die Interesse haben, auch Mutter-Kind-Kuren anzubieten. Aber wenn sie unsere Tagespauschalen hören, winken sie ganz schnell ab.“

Das Müttergenesungswerk fordert die gesetzlichen Krankenkassen in dem Brief dazu auf, ihnen wieder Hygienezuschläge zu zahlen. Die Deutsche Rentenversicherung habe kürzlich zugesagt, ihren Kliniken – in denen Berufstätige medizinisch behandelt werden – bis Ende Dezember wieder einen Zuschlag von sieben Euro je Patient:in und Tag zu zahlen. „Die gesetzliche Krankenversicherung muss da nachziehen. Diese Ungleichbehandlung ist nicht nachzuvollziehen“, so Bovermann.

Zudem hofft Bovermann, dass die Bundesregierung doch wieder dafür sorgen wird, dass es Ausgleichzahlungen für frei bleibende Betten geben wird. Mehre Kliniken seien in akuter Existenznot.

Zusätzlich zum eigenen Brandbrief hat das Müttergenesungswerk noch einen weiteren, ähnlich lautenden Brief mit elf weiteren Verbänden für Vorsorge und Reha an das Bundesgesundheitsministerium, das Bundesarbeitsministerium, sowie die Krankenversicherer und die Deutsche Rentenversicherung aufgesetzt, da auch andere Reha- und Vorsorgeeinrichtungen chronisch unterfinanziert sind.

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